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Vorträge

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Vom Vorteil pragmatisch zu handeln?

Vor einigen Jahren warb die Wochenzeitung Die Zeit auf Plakaten, die ihren rauchenden Mitherausgeber Helmut Schmidt als den Denker bezeichneten. Als Zeitzeuge seiner Kanzlerschaft musste man sich verwundert die Augen reiben. Damals galt er als Pragmatiker, der sich immerhin auf den Philosophen Karl Popper berief. Doch auch das schien damals weniger von philosophischem Tiefgang zu zeugen. Denn einerseits wehrte er sich mit dem Marxismuskritiker Popper gegen die damaligen nach68er Linksradikalen. Andererseits zählt Popper nicht gerade zu den Philosophen mit eminent schwierigen Theorien.

Wie konnte Helmut Schmidt vom Pragmatiker zum Denker mutieren? Das musste einerseits an der Vergesslichkeit der Zeitgenossen liegen. Andererseits hat sich der Pragmatismus in den letzten Jahrzehnten nicht nur in Deutschland weit verbreitet – man denke an Tony Blair und Bill Clinton, in Deutschland an Gerhard Schröder, Angela Merkel und Joschka Fischer. Unter diesen erscheint der elder statesman Helmut Schmidt geradezu als Denker.

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„Ich will meine eigenen Träume zurück.“ Ich auch!

Gespräche zur Zeit des Kulturamtes Kempten/Allgäu zum Weltflüchtlingstag „Stop and Go“, 20.6.2016

Träume sind zudem in Deutschland nicht besonders populär. Gerne zitiert man die berühmten Worte des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ Ist es ein gutes Zeichen für Europa, dass der neue österreichische Bundeskanzler Christian Kern diesen Satz sinngemäß umdrehte: Wer keine Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen.

Wie wird der Satz „Ich will meine eigenen Träume zurück.“ langsam nachvollziehbar? Jedenfalls nimmt die Öffentlichkeit die eigenen Perspektiven von Flüchtlingen gemeinhin kaum war. Sie betrachtet Flüchtlinge primär als hilfsbedürftige Körper mit einem spezifischen Status an marginalen Rechten und eventuell als Chance für den Arbeitsmarkt, versuchen Parteien mit diesem Argument verunsicherte Wähler zu beruhigen. Da passt der Satz nicht: „Ich will meine eigenen Träume zurück.“

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Postdemokratie und Partizipation – Der Wandel des Demokratieverständnisses in den letzten Jahrzehnten

 War die liberale Vorstellung von Demokratie weder an Partizipation der Bevölkerung noch an der Gleichheit orientiert, sondern höchstens an einer Elitenkonkurrenz, so ist die Vorstellung einer direkten Demokratie durchaus als Diktatur denkbar. Wenn die Demokratie den Sinn hat, ein bestimmtes allgemeines Interesse zu realisieren – dabei kann es sich sehr wohl um ein partikulares handeln, das aber den Anspruch erhebt, dem Volk am besten zu dienen – dann akklamiert das Volk einem Führer, der dieses Volkswohl effektiv umsetzt, realisiert sich die Demokratie vermittels der Diktatur. So schreibt Carl Schmitt 1923: „Es kann eine Demokratie geben ohne das, was man modernen Parlamentarismus nennt und einen Parlamentarismus ohne Demokratie; und Diktatur ist ebenso wenig der entscheidende Gegensatz zu Demokratie wie Demokratie der zu Diktatur.“[3]

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Das tiefste Glück des Menschen besteht darin, dass er geopfert wird . . .“
 Biopolitische und emanzipatorische Perspektiven des politischen und philosophischen Opferdiskurses


Nach Dostojewskis Kirillow hat sich der Nazarener für eine Lüge geopfert. Er ahnte davon, als er am Kreuz seine Gottverlassenheit beklagte. Doch das ganze Ausmaß solcher Verwirrung dürfte dem Messias trotzdem nicht klar gewesen sein. Warum musste er sich überhaupt opfern?

Die Antwort gibt das bekannte Buch mit der vergleichsweise ungesicherten Autorenschaft: Nämlich um seinen zornigen Vater zu besänftigen und diesen wieder mit der Menschheit zu versöhnen. Worüber ist besagter Vatergott denn so erbost? Darüber, dass der angeblich einzige Urmensch Adam ‚falsch gegessen‘ hat, so Kurt Flasch in seinem soeben erschienenen Buch Warum ich kein Christ bin. Und das trägt der Gott bereits damals ca. 4000 Jahre lang den Nachfahren jenes Adam zumindest aus jenem auserwählten Volk nach und trotz des Opfertodes sollen die Menschen in den 2000 Jahren danach davon immer noch betroffen sein. Das Opfer war also auch sachlich vergebens.
Warum aber sind die Menschen von ihren Sünden eben noch längst nicht erlöst?

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Ist Verantwortung moralisch? Oder orientieren sich verantwortliche Politiker pragmatisch an der Macht?

Im 20. Jahrhundert hat kaum ein ethischer Begriff in fast allen Lebensbereichen, vor allem aber in der Politik hat eine so steile Karriere hingelegt wie die Rede von der Verantwortung. Verantwortlich handelnde Politiker insistieren nicht verbohrt auf ideologischen Ideen. Sie bedienen nicht nur ihre Wähler. Stattdessen prüfen sie gründlich alle Zusammenhänge ihres Handelns und achten darauf, dass dabei viele Interessen möglichst ausgewogen berücksichtigt werden. Insofern erscheinen verantwortungsvolle Politiker auch als moralisch. Diesen Anschein möchten sie zumindest erwecken.

Aber orientieren sie sich wirklich an ethischen Prinzipien? Wer als Politiker überhaupt zugleich umsichtig und effizient handeln will, muss die Situation berücksichtigen, sich auf das Machbare konzentrieren, sich doch eher pragmatisch auch mal über Moral hinwegsetzen!

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Der Blick der anderen  -  Sartre als politischer Philosoph im 21. Jahrhundert

Postdemokratie heißt das von Colin Crouch 2008 in die politisch philosophische Debatte geworfene Wort, das einige Resonanz erfuhr. Mal abgesehen davon, dass die westliche Welt weder im 20. noch im 19. Jahrhundert viel demokratischer war als am Beginn des 21. – was Jan-Werner Müller 2013 vorführte – sind die westlichen Demokratien und nicht nur diese seit den siebziger Jahren doch erheblich partizipatorischer geworden: die Umweltbewegung, die Anti-AKW-Bewegung, die Frauen-Bewegung, die Friedensbewegung und die Bürgerrechtsbewegung in Osteuropa, der arabische Frühling, der nach Asien, Südamerika und Russland ausstrahlt, Proteste in Griechenland, Spanien, Portugal und Italien gegen die Sparpolitik ihrer Regierungen. Wenn man Demokratie nicht auf Repräsentation beschränkt, sondern die Bürgerbeteiligung für wichtig hält, dann ist die Demokratie schwerlich postdemokratischer geworden.

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