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Ist Verantwortung moralisch

Hans-Martin Schönherr-Mann
 
Ist Verantwortung moralisch?
Oder orientieren sich verantwortliche Politiker pragmatisch an der Macht?

Im 20. Jahrhundert hat kaum ein ethischer Begriff in fast allen Lebensbereichen, vor allem aber in der Politik hat eine so steile Karriere hingelegt wie die Rede von der Verantwortung. Verantwortlich handelnde Politiker insistieren nicht verbohrt auf ideologischen Ideen. Sie bedienen nicht nur ihre Wähler. Stattdessen prüfen sie gründlich alle Zusammenhänge ihres Handelns und achten darauf, dass dabei viele Interessen möglichst ausgewogen berücksichtigt werden. Insofern erscheinen verantwortungsvolle Politiker auch als moralisch. Diesen Anschein möchten sie zumindest erwecken.

Aber orientieren sie sich wirklich an ethischen Prinzipien? Wer als Politiker überhaupt zugleich umsichtig und effizient handeln will, muss die Situation berücksichtigen, sich auf das Machbare konzentrieren, sich doch eher pragmatisch auch mal über Moral hinwegsetzen! Verantwortungsvolle Politiker, so ehrenwert der Ausdruck klingt, orientieren sich nicht vorbehaltlos an ethischen Prinzipien. Dann wären sie nicht erfolgreich, könnten nicht wirksam entweder das Gemeinwohl durchsetzen oder zumindest keine wichtigen Entscheidungen treffen. Und dann wären sie auch nicht verantwortungsbewusst. Besitzt der Verantwortungsbegriff gar keine moralischen Qualitäten?

Was heißt überhaupt Verantwortung? Wenn ein Politiker seine Wähler enttäuscht, dann wird er normalerweise nicht nur alleine abgewählt, sondern mit ihm seine Partei und seine Gefolgsleute, die ihre Posten verlieren. Politiker sind in diverse Verantwortlichkeiten eingebunden. Wenn ein Politiker die Verantwortung übernimmt, tritt er üblicherweise zurück. Kann er den Schaden, den er angerichtet hat, auch nicht mehr gutmachen, so verzichtet er auf Posten, damit verbundenes Einkommen und die weitere Karriere: im Grunde eine Variante der Buße und insofern auch schon wieder eine Abweichung von dem, was Verantwortung im engen Sinne bedeutet: Denn der Begriff der Verantwortung bezieht sich sowohl in der Politik wie in der Alltagswelt auf die Folgen von Handlungen, für die der Handelnde einzustehen hat.

Max Weber, der diesen Begriff in die politische Ethik einführt, unterscheidet ihn von der Gesinnung, der es nur darum geht, bestimmte Prinzipien zu befolgen, gleichgültig was man dabei erreicht, eben nur die Fahne des Protests hochhalten und liebe Blockadepolitik betreiben, als sich auf Kompromisse einzulassen, die die eigene Klientel nicht goutiert. Daher müssen verantwortungsvolle Politiker die faktischen Gegebenheiten einer bestimmten politischen Situation sowie die Eigenheiten der Menschen stärker berücksichtigen als moralische Prinzipien oder politische Ideale. Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind, nicht so wie sich manche Menschenbilder die Menschen vorstellen. Utopische oder radikale Ziele, die keinen mehrheitlichen gesellschaftlichen Konsens finden, lassen sich zumeist nicht mal ansatzweise realisieren.

Max Weber ist sich zwar bei seiner Unterscheidung zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik bewusst, dass ein verantwortlicher Politiker ethische Prinzipien braucht. Diese Unterscheidung richtet sich auch stärker gegen politische Ideologien als gegen die Moral. Doch Verantwortung im engeren Sinn fragt nach den Folgen des Handelns und gerade nicht nach den ethischen Orientierungen, die dabei eine Rolle spielen. Täuscht der Verantwortungsbegriff seine Moralität also wirklich nur vor?

Zudem sehen sich Laufe des 20. Jahrhunderts keineswegs bloß führende Politiker mit der Forderung konfrontiert, Verantwortung zu übernehmen. Vielmehr fühlen sich heute praktisch alle Menschen solchen Ansprüchen ausgesetzt. Man akzeptiert nicht mehr so einfach die Berufung darauf, nur Befehle befolgt zu haben und für die Folgen des eigenen Handelns daher nicht verantwortlich zu sein – man denke an die Nazi-Schergen und deren Mitläufer, die eine eigene Verantwortung notorisch abschieben.

Die Zeitgenossen müssen sich zudem seit dem 19. Jahrhundert an dramatische soziale Veränderungen gewöhnen: Familienbindungen schwächen sich ab; in der Arbeitswelt müssen die Menschen permanent nach- und umlernen. So befinden sich viele Menschen in ähnlichen Entscheidungssituationen, bei denen sie sich häufig als auf sich allein zurückgeworfen empfinden. Sie müssen für sich selbst sorgen, für sich selbst Verantwortung übernehmen. Zur Verantwortung treibt also auch der permanente soziale Wandel. Vor dem 20. Jahrhundert, als sich soziale Gemeinschaften doch noch nicht ganz so schnell verändern, spielt der Begriff der Verantwortung bezeichnenderweise eine eher untergeordnete Rolle.

Im 20. Jahrhundert erklärt Jean-Paul Sartre den Menschen trotz Fremdherrschaft und Unterdrückung als verantwortlich: Niemand kann sich der politischen Situation, in der man lebt, entziehen und sich ins private Kämmerlein flüchten. Jeder bleibt für die Welt verantwortlich, für den Krieg, den man weder gewollt noch selber erklärt hat. So formuliert Sartre den berühmten Satz: „Man hat den Krieg, den man verdient.“[1] Angesichts des Faschismus, des totalen Zusammenbruchs der traditionellen abendländischen Wertordnung entzieht sich auch Sartres Verantwortungsbegriff wie derjenige Webers der Prinzipienethik. Der Einzelne muss in der Situation, in der er lebt, angemessen handeln, ohne sich auf ethische Prinzipien verlassen zu können. Für sein Handeln wird er von anderen dann verantwortlich gemacht, d.h. dass man ihn mit dem konfrontiert, was er getan hat, nicht was er wollte oder welchen Normen er dabei folgte.

Eine ähnliche Erfahrung des Faschismus, vor allem die des Holocaust, und damit des noch unvorstellbareren Wertezerfalls, prägt das Denken von Emmanuel Lévinas. Im Zentrum seiner Ethik steht der Begriff der Verantwortung, in die mich der andere Mensch ruft, eine Verantwortung, die mir nicht von außen, von einer Moral oder Religion auferlegt ist, sondern die allein der zwischenmenschlichen Beziehung entspringt. Emmanuel Lévinas stellt 1961 unzweideutig fest: „Die Verantwortung kann nicht abgewiesen werden.“[2] Oskar Schindler erkannte seine Verantwortung für seine jüdischen Arbeiter, obwohl er ein Lebemann war, der eigentlich nur Geschäfte machen wollte.

Für Sartre und Lévinas haben unter der faschistischen Herrschaft und durch den Holocaust ethische Prinzipien an allgemein verbindlicher Kraft eingebüßt. Im Grunde umschreiben beide damit die noch heute aktuelle Rede vom Wertezerfall, der seit dem späten 19. Jahrhundert der Entstehung der Industriegesellschaft zugeschrieben wird: Statt traditionelle ethische Prinzipien – wie Gehorsam, Ehrlichkeit, eheliche Treue, Orientierung an der Familie – selbstverständlich einzuhalten, müssen die Menschen heute selber entscheiden, ob sie beispielsweise gegenüber Vätern und Vorgesetzten gehorsam, listig oder aufmüpfig sein wollen. Heute haben individuelle Entscheidungen, persönliches Engagement, Abwägung der Chancen und Risiken des eigenen Handelns weitgehend die Rolle traditioneller ethischer Werte übernommen.

Die Konzentration auf die Folgen des Handelns – das sah Max Weber bereits ein – verschärft aber dabei die Gefahr, durch die Zwecke auch unlautere Mittel zu heiligen, wie es Niccolò Machiavelli, der Begründer der modernen Politik als einer Technik der Macht, als unvermeidlich ins Handbuch des Politikers schrieb: Der Fürst sollte nur moralisch scheinen, darf sich aber bei Bedarf jederzeit unmoralischer Mittel bedienen, um seine Herrschaft zu sichern. Für den konservativen politischen Philosophen Leo Strauss hätte Machiavelli das dem Fürsten höchstens hinter verschlossenen Türen raten dürfen, es aber niemals einer Öffentlichkeit verraten.

Wenn die Prinzipienethik heute an orientierender Kraft verliert – eben weil es in der Politik darum geht, erfolgreiche Politik zu machen –, dann muss sich der verantwortliche Politiker weniger um ethische Prinzipien kümmern. Hat damit von Weber, über Sartre bis zu Lévinas der Begriff der Verantwortung seine ethischen Bezüge also wirklich weitgehend abgelegt? Besitzt er keine eigene ethische Qualität? Verdankt er sich den weit verbreiteten Pragmatismus oder gar dem Zynismus?

Man kann in der Tat die Debatte um die Verantwortungsethik im 20. Jahrhundert als Bemühung lesen, die bloße pragmatische Rücksicht auf die Handlungsfolgen wieder mit ethischen Prinzipien zu versehen. Diese Intention verfolgt auch Hans Jonas, der mit seinem 1979 erschienenen Buch Das Prinzip Verantwortung den vorläufigen Höhepunkt in der Karriere dieses Begriffs markiert. Die Zerstörung der Biosphäre durch die technologische Zivilisation fordert zu einem Umdenken in der Ethik wie in der Politik. Wenn die traditionelle Prinzipienethik der gegenwärtigen Situation nicht mehr gewachsen scheint; muss die Ethik den Menschen jetzt neue Prinzipien aufgeben, nämlich vor allem den zukünftigen Bestand der Menschheit sowie den Erhalt der Natur. Angesichts der Dramatik der ökologischen Krise darf man sich aber allein auf die Ethik nicht mehr verlassen, da sie an die Bürger nur appellieren und diese nicht zur Verhaltensänderung zwingen kann. Daher ist die Politik aufgerufen, die notwendigen Maßnahmen durchzusetzen. Verantwortungsvolle Politik der Zukunftssicherung darf sich, sollte sie auf den Widerstand der Bevölkerung stoßen, durchaus auch der Lüge bedienen.

Angesichts dieser Problematik plädiert dagegen der katholische Philosoph Robert Spaemann wieder für ein Primat der Prinzipienethik gegenüber der Verantwortung. Der Schutz des menschlichen Lebens genießt unbedingte Priorität. An Abtreibungen beispielsweise, so die Auffassung der römischen Kurie, darf man sich in keiner Weise beteiligen. Für negative Folgen, also dafür nach dem Ausstieg der katholischen Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung die Zahl der Abtreibung steigen könnte, ist man nicht verantwortlich. Wer sich an obersten ethischen Prinzipien orientiert, der braucht sich um etwaige negative Folgen nicht zu kümmern, muss sie sich nicht zuschreiben lassen.

Doch damit geben sich heute viele Zeitgenossen nicht mehr zufrieden, kann sich allemal der Politiker darauf nicht berufen: Man wird ihm die Folgen des Unterlassen vorrechnen und damit droht ihm, bei den nächsten Wahlen vom Wähler abgestraft zu werden.

Denn wenn man die Verantwortung der Prinzipienethik wieder unterordnet, ergibt sich daraus nur das altbekannte Muster: Man befolge ethische Regeln ohne Rücksicht auf die Folgen! So lässt sich in der Politik heute kaum noch argumentieren. Längst beherrscht das Prinzip Verantwortung die Politik. Der Politiker wird für die Folgen seines Handelns verantwortlich gemacht, beinahe umso mehr wenn sich dieses Handeln auf eherne ethische Prinzipien stützt. Es nützt ihm wenig, wenn er das Gute will oder das Rechte vertritt, dies in seinem Handeln aber nicht einzulösen vermag.

Besitzt dieser Zwang zur Verantwortung nicht doch auch einen ethischen Gehalt? Die Orientierung an den Folgen des Handelns relativiert nicht nur jedes absolute ethische Prinzip, heißt dieses Lebensschutz, Pazifismus oder Bestandswahrung der Menschheit. Vielmehr sieht sich der für die Folgen verantwortliche Politiker aufgefordert, auch auf die ethischen Folgen seines Handelns zu beachten. Bedient sich der Politiker unlauterer Mittel, könnte das viele Menschen zur Nachahmung veranlassen. Berlusconi muss man eventuell umgekehrt interpretieren: er macht das, was viele tun, nur offen und als Politiker, so dass sein Verhalten die Zeitgenossen entweder empört oder bestärkt. Oder ein Politiker fördert zwar die Wirtschaft, vernachlässigt dabei aber die Menschenrechte. Insofern entfaltet das Prinzip der Verantwortung denn doch aus sich selbst heraus eigene ethische Qualitäten.

Max Weber wollte die Verantwortung elitär auf den führenden Politiker beschränken. Nach Weber waren die Zeitgenossen sogar verpflichtet, Befehle selbst dann nach bestem Wissen und Gewissen auszuführen, wenn sie sie für falsch oder verwerflich hielten. Das war für Weber das Ethos des Untertan und die Sittlichkeit des bürokratischen Apparats. Damit verschafften sie sich damals sogar moralische Anerkennung und konnten sich selbst für gute Menschen halten.

Wer sich heute darauf beschränkt, seine Vorschriften zu befolgen, erntet keine Achtung mehr. Angesichts des Niedergangs der Prinzipienethik wächst jedem Bürger politische Verantwortung zu. Mit den Ansprüchen auf Mündigkeit und auf politische Partizipation entstehen dabei zugleich neue Pflichten, neue Verantwortlichkeiten gegenüber dem Gemeinwesen oder den Mitbürgern. Gerade in den letzten Jahrzehnten, wenn man grassierenden Egoismus und mangelnde Solidarität feststellen kann, betont nicht nur die US-amerikanische politische Philosophie des Kommunitarismus, der in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstand, mit dem Prinzip Verantwortung die ethische Verpflichtung des Einzelnen.

So hat Politik unter demokratischen Umständen zwar zunächst ihren elitären Charakter verloren. Man weiß, dass Politiker keine höhere Moralität verkörpern. Weber forderte noch: „(. .) dass drei Qualitäten vornehmlich entscheidend sind für den Politiker: Leidenschaft - Verantwortungsgefühl - Augenmaß.“[3] Im Grunde müsste sich eine solche Forderung heute an die ganze Gesellschaft richten. Über Politik wird auch unter den Bürgern viel zu häufig auf viel zu niedrigem Niveau geurteilt. Im Grunde muss man vom Bürger wie vom Politiker einen verantwortungsvolleren Umgang mit den öffentlichen wie den privaten Angelegenheiten verlangen. Das mag beiden schon wieder ziemlich lästig geworden sein. Aber es bleibt wohl der politisch ethische Stand der Dinge. Zumindest muss der Politiker verantwortlich scheinen, allemal nicht unverantwortlich. Hoffen wir, dass sich von solchem Schein auch etwas realisiert!

 
[1]Jean-Paul SARTRE, Das Sein und das Nichts, Reinbek 1993, 953
[2]Emmanuel Lévinas, Totalität und Unendlichkeit, Freiburg, München 1987, 289

[3] Max WEBER, Politik als Beruf, Gesammelte politische Schriften, 3. Aufl. Tübingen 1971, 545