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Das tiefste Glück des Menschen besteht darin, dass er geopfert wird

Hans-Martin Schönherr-Mann
 
Das tiefste Glück des Menschen besteht darin, dass er geopfert wird . . .“ – Biopolitische und emanzipatorische Perspektiven des politischen und philosophischen Opferdiskurses

1. Das berühmteste Opfer

Nach Dostojewskis Kirillow hat sich der Nazarener für eine Lüge geopfert. Er ahnte davon, als er am Kreuz seine Gottverlassenheit beklagte. Doch das ganze Ausmaß solcher Verwirrung dürfte dem Messias trotzdem nicht klar gewesen sein. Warum musste er sich überhaupt opfern?

Die Antwort gibt das bekannte Buch mit der vergleichsweise ungesicherten Autorenschaft: Nämlich um seinen zornigen Vater zu besänftigen und diesen wieder mit der Menschheit zu versöhnen. Worüber ist besagter Vatergott denn so erbost? Darüber, dass der angeblich einzige Urmensch Adam ‚falsch gegessen‘ hat, so Kurt Flasch in seinem soeben erschienenen Buch Warum ich kein Christ bin. Und das trägt der Gott bereits damals ca. 4000 Jahre lang den Nachfahren jenes Adam zumindest aus jenem auserwählten Volk nach und trotz des Opfertodes sollen die Menschen in den 2000 Jahren danach davon immer noch betroffen sein. Das Opfer war also auch sachlich vergebens.

Warum aber sind die Menschen von ihren Sünden eben noch längst nicht erlöst? Dafür hat sich die Bibel eine Theorie zurecht gelegt, die zum Apfelbiss nur eine künstliche Verbindung besitzt: Durch den Geschlechtsverkehr wird die Sünde auf jeden gezeugten neuen Menschen übertragen. Geschlechtsverkehr bleibt auch noch für Augustin selbst innerhalb der Ehe eine Sünde. Und wer eventuell meint, die Protestanten wären gegenüber der Erbsünde aufgeklärter, der täuscht sich. Luther ist die von Augustin gefasste Erbsündenlehre nicht scharf genug. Die Herrenhuter Brüdergemeine propagiert ein tiefes Sündenbewusstsein, so dass bei Sören Kierkegaard der ob des adamschen Apfelbisses wütende Gottvater des Alten Testamentes wiederkehrt. Allerdings begegnet der christliche Gott bei Kierkegaard einem bereits hochmodernen Urvater und hier beginnt sich das Blatt des Opferdiskurses zu wenden. Aber dazu später.

Die christliche Erbsündenlehre verleiht dem Opfertod des Nazareners erst seinen weitreichenden Sinn, der die gesamte Menschheit zu einer kriminellen Vereinigung erklärt, die vor ein Gericht gestellt werden muss, nämlich das jüngste. Während der asketische Protestantismus keine Schlupflöcher zulässt, bietet der Katholizismus gewisse Abmilderungen.

 
2. Der geopferte Gebrauch der Lüste



Doch man soll sich darüber nicht mokieren, hat das alles seinen guten biopolitischen Sinn. Schon der Mythos und spätestens Freud liefern dazu die entsprechenden Erklärungen. Wie Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung bemerken, festigt sich in der Odyssee das männliche Ich gegenüber den es verlockenden Naturgewalten, allen voran den erotischen. Sieben Jahre bleibt Odysseus bei der Göttin Kalypso, bis sie ihm überdrüssig ist und er trotz angebotener ewiger Jugend zu seiner Frau Penelope zurückkehren will: Odysseus wusste schon, dass Ewigkeit nur Langeweile bedeutet.

In der Odyssee darf der Held nicht Sklave seiner Lüste sein. Nach Sigmund Freuds Kulturtheorien verdankt sich die Kultur verdrängter Sexualität. Das Opfer der Lust, somit das Opfer des Selbst reicht dabei weit über sich hinaus, verhindert es nämlich, dass der Mensch seine Triebe auszuleben vermag, weil sublimierte bzw. gehemmte Triebe keine Erfüllung mehr finden. Auf der Suche nach Ersatzbefriedigung leistet der Mensch unermüdlich kulturelle Arbeiten und gibt sich mehr oder weniger mit dem Sex in der Familie zufrieden.

Das ist auch der Sinn der Erbsündenlehre und der christlichen Vorstellung von Erlösung. Dadurch sollen die Menschen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität animiert werden, also zu einer monogamen Ehe. Nicht nur dass Sexualität ihren einzigen ordnungsgemäßen Gebrauch innerhalb der Ehe hat. Damit soll diese im Dienst der Brutpflege stabilisiert werden.

Dass Sexualität nach Augustin selbst noch in der Ehe einen sündhaften Charakter besitzt, ist einerseits nötig, um den Erbsündencharakter nicht stellenweise aufzuheben. Dieser wiederum rechtfertigt andererseits, dass just die Ehe, wie es denn auch Sigmund Freud beschreibt, nicht den Kantschen Zweck des lebenswährenden gegenseitigen Gebrauchs der Geschlechtsorgane erfüllt, vermag die Ehe nämlich längst keinen lebenswährenden Gebrauch zu gewährleisten, sondern eher einen frustrierenden, den die Lehre von der Erbsünde rechtfertigt. Der Sinn der Ehe liegt doch in der Brutpflege, also im Opfer der Eltern für die Kinder, für die Familie, für die Nation, die Menschheit Die Ehe entfaltet also einen biologischen oder mit Foucault einen biopolitischen Sinn.

Das Opfer des Nazareners, das die Menschen unter gewissen Umständen, nämlich der Nachfolge Christi – alle anderen werden von Jesus explizit verdammt – von der Erbsünde erlöst – allerdings nicht in diesem Leben –, verlangt längst nicht nur gemäß der christlichen Sexualethik ihrerseits ein Opfer, das alle Menschen erbringen sollen, nämlich sich auf eine bestimmte Weise einzuordnen in die Generationenkette, um Gott, Vaterland und Familie zu dienen.

Dabei handelt es sich leider nicht um eine harmlose ehrenamtliche Tätigkeit oder ein freiwilliges soziales Jahr, das man auch jederzeit wieder abbrechen kann. Es handelt sich um harten Zwang, um eine Pflicht zum Opfer, genauer zum Selbstopfer, das erst seit der Entwicklung von Kontrazeptiva und der sich daran anschließenden Liberalisierung der Sexualmoral keinen so starken sozialen Druck mehr ausübt. Im Nordwesten Indiens wird die Liebesheirat mit dem Tode bedroht, was deswegen so dramatisch klingt, weil diese Bedrohung von den dörflichen Gemeinschaften ausgeht, nicht allein von der betroffenen Familie, wie wir es heute auch noch aus Deutschland kennen.

Seit einigen Jahrhunderten aber betätigen sich die Nationalstaaten dementsprechend biopolitisch, wie es Michel Foucault analysiert. Nicht nur verlangen Staaten, Religionen und Familien von den Eltern das Opfer für die Kinder, das primär einen klassenspezifischen Anspruch an die Armen darstellt. Die Reichen müssen ob ihrer Kinder auf nichts verzichten und können deren Aufzucht Domestiken überlassen.


3. Das Opfer für das Vaterland


Umkehrt sehen sich die Eltern, Staaten und Religionen ebenfalls berechtigt, das Opfer von ihren Kindern zu verlangen. Die Frauen werden denn auch zum doppelten Selbstopfer des Gebärens gezwungen. Männer und Frauen sollen heute gemeinsam ihr Leben im Krieg hingeben.

Am 15. Dezember 1914 bedauert Georg Simmel gegenüber Edmund Husserl die eigene Unwichtigkeit für den Krieg: „Doch habe ich das Gefühl, dass wer weder selbst hinausgeht noch ein Kind hinausschickt, die Weihe nicht empfangen hat – als wäre er nicht würdig befunden, am Opfer teilzunehmen.“[1] Husserl hatte diese Ehre. Sein Sohn Wolfgang stirbt mit 21 Jahren an der Front, ebenfalls viele von Husserls Studenten. Sein Sohn Gerhart wird verwundet.

Im modernen Krieg sind die Überlebenschancen extrem zufallsbedingt. Als die Helden noch vor Troja kämpften, hingen Sieg oder Niederlage subjektiv in einem erheblich stärkeren Maße von der eigenen Geschicklichkeit ab. Als im antiken Griechenland die Phalanx eingeführt wurde, erlebten die damaligen Krieger ihr eigenes Überleben bereits in einem solchen Ausmaß als schicksalhaft, dass das wahre individuelle Heldentum praktisch kaum mehr möglich war. Doch sie wollten nicht nur Opfer sein. Das führte zur Idee des friedlichen Wettstreits in Olympia.

Trotzdem lässt sich das Opfern der anderen im modernen Krieg auch noch bis zum realen oder behaupteten Selbstopfer steigern. Über den selbstmörderischen Angriff von unerfahrenen, kaum ausgebildeten sogenannten Kriegsfreiwilligen-Regimentern bei Langemarck – nicht mal der Name ist korrekt – die angeblich, so die Propaganda der Obersten Heeresleitung, mit dem Deutschlandlied auf den Lippen in das gegnerische Feuer gestürmt seien, schreibt denn Kriegspropagandist Ernst Jünger: „Was stirbt, was abfällt, ist das Individuum als der Vertreter geschwächter und zum Untergang bestimmter Ordnungen. Durch diesen Tod muss der einzelne hindurch, gleichviel ob seine dem Auge sichtbare Laufbahn durch ihn beendet wird oder nicht, und es ist ein guter Anblick, wenn er ihm nicht auszuweichen, sondern ihn im Angriff aufzusuchen strebt.“ (A, 117) Man denke an den Kriegsausdruck ‚Himmelfahrtskommando‘. Hier hallt schon der Selbstmordattentäter nach.

Dem ließe sich entgegenhalten, dass die Soldaten der Weltkriege nicht freiwillig in den Krieg gezogen sind, selbst wenn sie sich freiwillig gemeldet haben. Sie unterstanden einer militärischen Befehlshierarchie und mussten Befehle befolgen. Nicht nur die Propagandisten der Opfer-Ideologie, auch jene, die Kriegsdienst schlicht als selbstverständlichen Dienst am Vaterland begriffen, sind aber in der Regel von der Notwendigkeit militärischer Disziplin und somit auch des Gehorsams bis zum Tod überzeugt. So schreibt denn Jünger ebenfalls in Der Arbeiter 1932: „Es ist das Geheimnis der echten Befehlssprache, dass sie nicht Versprechungen macht, sondern Forderungen stellt. Das tiefste Glück des Menschen besteht darin, dass er geopfert wird, und die höchste Befehlskunst darin, Ziele zu zeigen, die des Opfers würdig sind.“ (A 81)

So besteht kein Unterschied mehr zu Mohammed Atta. Zeitgenössische Selbstmordattentäter handeln kaum individuell aus privaten Neigungen heraus. Sie sind Teil einer Maschinerie, die militärisch aufgebaut, indes ihre Autorität religiös begründet. Bei den Soldaten der Schlachten um Verdun spielte die Religion wahrscheinlich eine zweitrangige Rolle, präsent war sie allemal. Die primäre ethische Orientierung lieferte die Vaterlandsideologie. Bei den Selbstmordattentätern aus der islamischen Hemisphäre motiviert die Religion, aber sehr ähnlich wie es Jünger beschreibt: „Das tiefste Glück des Menschen besteht darin, dass er geopfert wird, . . .“

 4. Religiöse, technische und mediale Märtyrer

 Allemal ist das Opfer, das der Selbstmordattentäter erbringt, wenn er sich gar als Märtyrer versteht, keine neue Angelegenheit. Der mörderische moderne Krieg hat dazu den Weg nur weiter geebnet. Das Opfer-Motiv in Form des individuellen Selbstopfers besitzt vor allem christliche Herkunft im Märtyrer-Motiv. Nachdem der römische Kaiser Septimius Severus 201 den Übertritt zu Judentum und Christentum verboten hatte, breitete sich das christliche Märtyrertum aus. Dabei darf man noch hinzufügen, dass das antike Rom religiös äußerst tolerant war und praktisch alle Kulte gewähren ließ, sofern sie sich nicht gegenseitig attackierten. Das Christentum aber entfaltete von Anfang an einen intensiven missionarischen Ehrgeiz und wollte alle anderen Kulte verdrängen. Es verstieß sozusagen gegen die Verfassung und brauchte sich über das Verbot eigentlich nicht zu wundern. Aber es entdeckte mit dem Märtyrer eine nachhaltige Waffe, um sich durchzusetzen – so 2007 die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel. [2]

Der christliche Märtyrer folgt nicht nur der Passion Christi nach, sondern legt vor allem Zeugnis ab für sein Bekenntnis, für die Wahrheit seines Glaubens. Das beeindruckte die Römer ein Jahrhundert lang offenbar so stark, dass das Christentum nicht nur 313 von Konstantin anerkannt wurde, sondern Kaiser Theodosius der Große es 391 zur alleinigen Staatsreligion erhob. Nicht nur wurden die anderen Kulte verboten, vielmehr erklärte man Häresie zum Staatsverbrechen.

Der Islam greift im 7. Jahrhundert das christliche Märtyrermotiv auf. Der Tod Husains bringt im Jahre 680 den schiitischen Islam auf den Weg bringt, in dem eine Märtyrer- und Selbstgeißelungstradition fortlebt. Von Anfang an überträgt der Islam das Motiv des Selbstopfers auf alle Kämpfer für den vermeintlich rechten Glauben.

Das Christentum seinerseits übernimmt diese Erweiterung während der Kreuzzüge. Aus der Nachahmung Christi erwächst die Gestalt des Soldaten Christi. Aber auch dazu gab es im christlichen Bereich diverse Vorläufer. Martin von Tours, der durch die Teilung seines Mantels berühmt wurde, musste als Sohn eines römischen Offiziers seinen Wehrdienst von 25 Jahren ableisten und wurde trotz Bitten, er verstehe sich als Soldat Christi nicht vorzeitig, sondern erst 356 im Alter von 40 Jahren entlassen.

Die andere Seite des Märtyrermotivs ist die Märtyrerverehrung, wie die grausamen Bilder in vielen christlichen Kirchen bezeugen. In manchen Epochen schwoll diese Variante der Anbetung schier epidemisch an und erreicht heute im Islam einen medialen Höhepunkt, der zugleich die Produktion von Märtyrern beschleunigt. Der Dichter Mahmut Darwish schreibt über den libanesischen Bürgerkrieg in den 1980er Jahren: „Beirut war eine Posterfabrik, es war zweifellos die erste Stadt der Welt, die die Posterproduktion auf das Niveau einer Tageszeitung hob. (. .) Gesichter an den Wänden – Märtyrer, die frisch aus dem Leben, frisch aus der Druckerpresse kommen, ein Tod, der eine Reproduktion seiner selbst ist. Ein Märtyrer ersetzt das Gesicht eines anderen, nimmt seinen Platz an der Mauer ein, bis er wieder durch einen anderen ersetzt oder vom Regen weggespült wird.“ (20)

Doch auch der technische Fortschritt kennt seine Märtyrer. Flugschauen um 1910 boten den begeisterten Zuschauern nicht nur technische Akrobatik, sondern sehr häufig auch dramatische Abstürze. Die um diese Zeit sehr populäre Literatur zur Luftfahrt verbindet implizit Hoffnungen auf die Erhebung in die Lüfte mit religiösen Vorstellungen der Himmelfahrt. Der verunglückte Pilot avanciert zum Märtyrer in einem Heilsgeschehen. 1910 beschreibt der italienische Nationaldichter Gabriele d’Annunzio in seinem sehr erfolgreichen Roman Forse che sì, forse che no einen abgestürzten Helden: „Der Hinterkopf klebte am Motorgehäuse derart, dass die sieben Zylinder mit ihren Kühlrippen eine Art von schauerlichem Strahlenkranz um sein Gesicht bildeten. Die lichtbraunen Augen waren starr geöffnet, der Mund ruhig und unverzerrt, im hellen, weichen Bart glänzten die reinen weißen Zähne.“ (263)

Mit Pier Paolo Pasolini, der in seinem ersten Film Accatone 1961 das Szenario seiner Ermordung antizipiert, avanciert das Opfer-Motiv zu einem inszenierten Ereignis, dem Pasolini auch in seinem Leben als offen bekennender Homosexueller Ausdruck verlieh, litt er nicht erst in den sechziger Jahren unter juristischer Verfolgung. In seinem Film Il vangelo secondo Matteo aus dem Jahr 1964 lassen sich Selbststilisierung in der Nachfolge Christi erkennen. Einen negativen Christus, der mit allen Mitgliedern einer bürgerlichen Familie ein sexuelles Verhältnis anfängt, zeigt er 1968 in seinem Film Teorema.

In vielen Ländern existieren Märtyrer-Motive: beispielsweise der serbische Kosovo-Mythos von der Rettung des Abendlandes vor den Türken, die japanische Kamikaze; Jan Palach, der sich 1969 in Prag aus Protest gegen die Sowjets selbst verbrennt; die Selbstverbrennungen von buddhistischen Mönchen in Tibet als Protest gegen die chinesische Besatzung; ganz zu schweigen von der Vielzahl von Glaubenskämpfern längst nicht nur islamischer Couleur, die darauf abzielen, viele andere mit sich sterben zu lassen.


5. Die Rolle der traditionellen Ethik

 Der Märtyrer-Mythos findet sich überall, wo Menschen bereit sind, ihr Leben einer Idee oder einem Interesse zu opfern, was zugleich impliziert, dass andere es ihnen nachmachen sollen, oder wo man von anderen verlangt, dass sie zum Selbstopfer bereit sind. Dabei spielt die traditionelle Ethik eine tragende Rolle, die den Opfer-Diskurs unterschwellig befeuert. Explizit zeigt sich das an Äußerungen wie der folgenden: „Gibt es (. .) im Laufe der Geschichte eine wahrhaft dauernde Erhöhung des moralischen Status und eine Steigerung der Innigkeit und Tiefe in der Einigung der Menschheit, so sind nicht der Weltfriede, sondern der Krieg und die kumulierten, aus seinen Traditionen und tiefen Erinnerungen fließenden moralischen Dauereffekte in der menschlichen Seele die konstruktive Auslösekraft für diese Erhöhung und Einigung,“[3]schreibt Max Scheler 1917 in seinem Buch Der Genius des Krieges und der deutsche Krieg, also sogar noch zu einem Zeitpunkt, an dem man es wirklich hätte besser wissen müssen.

Aber selbst noch 1925 hält Ernst Jünger in der Schrift Das Wäldchen 125 fest: „Hier gibt der Krieg, der sonst so vieles nimmt: er erzieht zu männlicher Gemeinschaft und stellt Werte wieder an den rechten Platz, die halb vergessen waren.“[4] In der Tat beruht die Ethik, ob die Platons, die des Aristoteles, die von Christus und seinen Nachfahren bis hin zu Kant auf dem Opfer. Wie es Rousseau formuliert: der einzelne muss dem Gemeinwohl seine partikularen Interessen opfern. Dabei geht es nicht nur um Steuern, sondern auch um bestimmte Lebensformen und selbstredend seit Napoleon um das eigene Leben, das man im Krieg der Gemeinschaft zur Verfügung stellen soll.

In Zeiten des Friedens – die waren Rousseau ziemlich lästig – finden partikuläre individuelle Interessen eine größere Aufmerksamkeit und Durchsetzungsfähigkeit. Unter Bedingungen des kriegerischen Notstandes müssen mehr Menschen auf sich selbst verzichten und sich der Allgemeinheit unterordnen, wer diese auch immer vertritt. Sie müssen Opfer bringen und darin sehen nicht nur Scheler und Jünger den Sinn der Ethik: das Individuum soll sich durch ethische Normen in die Gemeinschaft einordnen.

 6. Ethik als individuelle Emanzipation

 Doch im Zuge von Individualisierungsprozessen hat sich das Selbstverständnis vieler Zeitgenossen nicht nur in der westlichen Welt verändert. Wie bemerkt doch Virginia Woolf: „Ungefähr im Dezember 1910 änderte sich die menschliche Natur.“ (zit. Taylor 2008, 792) Im militarisierten 19. Jahrhundert langsam anhebend weigern sich immer mehr Menschen, sich der Gemeinschaft zu opfern, bzw. die Vorschriften der traditionellen Ethik zu folgen.

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts intensivieren sich höchstens locker organisierte Proteste von Bürgern gegen bestimmte Entwicklungen in Politik und Gesellschaft und für die eigenen Interessen. Viele wollen sich nicht mehr bevormunden lassen, wollen ihr Leben selber gestalten. „Allen Konfusionen und Ausflüchten zum Trotz“, gesteht 2007 auch Charles Taylor in seinem monumentalen Hauptwerk Ein säkulares Zeitalter ein, „wird jedoch deutlich, dass eine echte Werteverschiebung eingetreten ist. Man erkennt das daran, dass manche Dinge Jahrhunderte lang ertragen wurden, von denen es heute heißt, sie seien unerträglich. Ein Beispiel sind die eingeschränkten Optionen der Frauen.“ (TSZ 799f) Viele Frauen wollen sich nicht mehr der Gemeinschaft hingeben. Das sieht man an den gesunkenen Geburtenraten, die just in Polen zur Zeit die niedrigste der Welt mit 1,3 Kindern pro Frau ist. So finden denn auch die Erbsündenlehre als auch die damit verbundene Erlösung selbst bei vielen Gläubigen kaum noch Resonanz.

Vor diesem Hintergrund hat sich der Opferdiskurs verändert. Das Selbstopfer ob als Gebärende, Selbstmordattentäter oder als Soldat bewerten säkulare Kreise zunehmend negativ. So richtet sich der Blick stärker auf die Opfer solcher Strukturen, die das Selbstopfer verlangen. In Deutschland geht es dabei zunächst primär um die Opfer des Holocaust, aber auch um Millionen andere Opfer des Nationalsozialismus.

In der frühen Bundesrepublik wurden beide mit vergleichsweise schnellen absolut unzulänglichen Entschädigungszahlungen und mit dem Hinweis auf die eigenen Opfer verdrängt. Noch 1969 gehört für Arnold Gehlen in seinem Buch Moral und Hypermoral zur Selbsterhaltung eines Volkes ein geistiges Selbstverständnis, dass sich eine Nation gegenüber anderen zu sich selbst bekennt. Selbsterhaltung verlangt von einem Staat und einem Volk, dass sie sich gegenüber moralischen Angriffen zur Wehr zu setzen verstehen – eine Kritik an der damals langsam einsetzenden Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit.

1985 wagte es der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker vom 8. Mai als Tag der Befreiung zu sprechen. Das führte zum Historikerstreit, in dem konservative Historiker versuchten, die deutsche Vergangenheit zu historisieren. Doch die Debatte über den Holocaust, die Verbrechen der Nazizeit und den unglaublich grausam geführten Krieg war nicht mehr aufzuhalten. Das demonstriert einerseits 1995 das Hamburger Institut für Sozialforschung mit seiner Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht. Andererseits gipfelt vor allem die Goldhagen-Debatte um Hitlers willige Vollstrecker ein Jahr später in der Frage, warum so viele Deutsche Nazi-Befehle nicht bloß befolgten, sich dabei vielmehr besonders gründlich verhielten und trotzdem es ablehnten, für ihre Handlungen verantwortlich zu sein.

Der öffentliche Widerstand von kritischen und aktiven Bürgern gegen den so blinden wie brutalen Nationalismus hat das Bewusstsein der Zeit nachhaltig verändert, indem er den Blick primär auf die Opfer richtet, das angebliche Selbstopfer nicht mehr als Legitimation gelten lässt und es dadurch abwertet.

Heute konsolidiert sich ein nationales Selbstbewusstsein nicht mehr durch die vermeintlichen Helden der Nation, die Selbstopfer oder Opfer im Dienste der nationalen Sache, sondern durch die Opfer solcher nationaler Aktivitäten. Dabei richtet sich der Blick nicht allein auf den Holocaust, sondern auch auf die unzähligen anderen Opfer gerade der Nazizeit. Es geht auch um die brutale Unterdrückung während der nazi-deutschen Herrschaft in Europa. Der Blick auf die Opfer demonstriert, dass viele Zeitgenossen keinesfalls unter so totalitären Verhältnissen leben wollen. Auf diese Weise verankert sich die Demokratie in Deutschland wohl am nachhaltigsten. Derart entsteht eine neue deutsche Identität, die man vielleicht nicht mehr national nennen kann. Im Blick auf die Opfer des Nationalsozialismus sind viele Bürger heute nicht mehr bereit, selber derartige Opfer zu bringen, akzeptieren sie die Ethik nicht mehr als Unterordnung unter eine Gemeinschaft.

Stattdessen bedienen sie sich der Ethik, um das eigene Leben zu gestalten. Dazu hat Kierkegaard den Ton vorgegeben: Abraham will seinen Sohn Isaak nicht allein um Gottes willen, sondern um seiner selbst willen töten. So realisiert sich dieser Opfer-Diskurs in normalen Friedenszeiten wie den unsrigen denn auch nicht mehr religiös – wer will schon noch von so etwas wie der Erbsünde erlöst werden. Im Gegenteil, Sünden machen Spaß: Der Gebrauch der Lüste ist längst Teil einer Ästhetik der Existenz von Foucault bis Butler und darüber hinaus.

 7. Die Wiederkehr des Selbstopfers

 Um das jenseitige Leben kümmern sich selbst viele Gläubige in Westeuropa kaum mehr. Doch man soll nicht meinen, der am Selbstopfer orientierte Opfer-Diskurs hätte längst aufgegeben. Vielmehr kehrt er an anderer, überraschender Stelle just im Kontext von Individualisierungsprozessen wieder. An die Stelle der Religion ist nämlich das Gesundheitswesen getreten. Heute geht es allen um das Körperheil – so Michael Walzer 1983 – das die meisten vom Gesundheitswesen erwarten.

Aber geht es dabei nicht um die individuellen Interessen, also nicht mehr um die Unterordnung des Individuums unter religiöse oder säkulare Codes? Leider trügt der Schein. Die Gläubigen, die jetzt Patienten heißen, müssen sich dem Gesundheitswesen ähnlich unterordnen wie die Gläubigen ihrer Kirche. Die Medizin verspricht das Körperheil denn auch nur, wenn die Individuen die medizinischen und gesundheitspolitischen Vorgaben befolgen. Doch das verlangt von ihnen wiederum die Opferung der eigenen Mündigkeit wie der eigenen körperlichen Integrität: Man muss zu Vorsorgeuntersuchungen gehen und sich dann auch amputieren lassen, wenn der Arzt es anzeigt: Sonst drohen Höllenqualen. Man muss Blut und Organe spenden. Man muss sich gemäß der medizinischen Logik transplantieren und implantieren lassen.

Man muss dem Gesundheitswesen nicht nur zwangsweise sein Geld opfern, sondern auch den eigenen Körper, erst recht den Geist, der nur noch medizinisch zu denken vermag. Über beide befinden Ärzte, Bürokraten, Juristen und Politiker. So schreibt Ivan Illich 1975: „Lebenslange ärztliche Beaufsichtigung (..) macht das Leben zu einer ununterbrochenen Folge gefährlicher Altersstufen, von denen jede ihre eigene Form der Bevormundung braucht. Von der Wiege bis ins Büro, vom Ferienlager des Club Méditerranée bis ins Leichenschauhaus wird jede Alterskohorte durch ein Milieu konditioniert, das definiert, was für die einzelnen Altersgruppen als Gesundheit zu gelten hat. (. .) Für Arme wie Reiche wird das Leben zu einer Pilgerfahrt, deren Kreuzwegstationen – Sprechzimmer und Wartezimmer – zurück zum Ausgangspunkt führen: in die Krankenstation.“[5]

Im Gesundheitswesen herrscht dadurch eine neue streng hierarchische Elite wie die der Priester. Es sind neue Werte entstanden, aber auch zahlreiche neue Normen. Das ist eine neue Ethik, die sich aber strukturell von der alten nicht unterscheidet. Auch die traditionellen Ethiken kannten Diätetiken, Verhaltensregeln, die die Gesundheit fördern sollten genauso wie Essensregeln – man denke wiederum an jenen Adam vom Paradies, der gegen die dortigen Ernährungsvorschriften verstieß.

 8. Biopolitik und Ausnahmezustand

 Giorgio Agamben zieht eine Linie von der römischen Rechtsfigur des Homo sacer, der vogelfrei getötet aber nicht geopfert werden darf, zum modernen Koma-Patienten, in dem sich auch nur noch das nackte Leben ausdrückt in der Hand von Ärzten, Juristen und vielleicht noch der Familie. Agamben greift dazu auf den Begriff der Biopolitik zurück, wenn das Leben selbst zum Gegenstand staatlichen Verwaltungshandelns wird, wie es ja Foucault selbst in Bezug auf die Geschichte des Gesundheitswesen vorführt: Seit dem 17. Jahrhundert ist die Bevölkerung Gegenstand staatlicher Politik, die es zu hegen und zu pflegen gilt, damit auch deren Logik zu folgen. Derart entsteht Macht durch Gesundheitspolitik und Disziplinartechniken, die die Individuen wiederum zum Opfer der Politik werden lassen. So schreibt Foucault 1977: „der Kapitalismus, der sich Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt, hat zunächst einmal ein erstes Objekt vergesellschaftet, den Körper, in seiner Funktion als Produktiv- oder Arbeitskraft. Die Kontrolle der Gesellschaft über die Individuen wird nicht nur über das Bewusstsein oder durch die Ideologie, sondern ebenso im Körper und mit dem Körper vollzogen. Für die kapitalistische Gesellschaft war vor allem die Bio-Politik wichtig, das Biologische, das Somatische und das Körperliche. Der Körper ist eine bio-politische Wirklichkeit; die Medizin ist eine bio-politische Strategie.“ [6]

Um dabei Menschenrechte, Mündigkeit und demokratische Rechte auszuhebeln, greift – so Agamben – der zeitgenössische Staat seit über zwei Jahrhunderten auf das Mittel des Ausnahmezustands zurück. Jenseits der totalitären Exzesse, in denen ganze Volksgruppen zum Homo sacer erklärt wurden, um sie in den Vernichtungslagern zu ermorden, wird der Ausnahmezustand, genauer die administrative, nicht demokratisch rückversicherte Maßnahme der Verwaltung zur gängigen Praxis in den zeitgenössischen Staaten, nicht nur in totalitären, was, und das fügt Agamben höchstens indirekt hinzu, Menschen wiederum zu Opfern macht, die sich gerade noch durch das Andenken an die Opfer des Ausnahmezustands demokratisch konsolidierten.

Dabei wird der Ausnahmezustand häufig mit einem Notstand begründet. Er soll eine gefährdete Verfassung oder auch nur eine Norm durch ihre Aufhebung sichern. Derart versucht noch Carl Schmitt den Ausnahmezustand als Rechtszustand anderer Art zu legitimieren. Dadurch erhält er eine gewisse höhere, genauer notwendige Weihe, so als ginge es darum, die Verfassung zu wahren: Der Ausnahmezustand oder die Diktatur nur als andere Form des Rechtszustand und der Demokratie. Doch in seiner Schrift Ausnahmezustand insistiert Agamben 2003 darauf: „Aber fehl gehen auch jene Lehren, die wie die Schmittsche den Ausnahmezustand mittelbar in einen Rechtskontext zu stellen versuchen (. . .) Der Notstand ist kein ‚Rechtszustand‘, sondern ein Raum ohne Recht.“ (A 62) Der Ausnahmezustand realisiert keine Gesetzeskraft, sondern eine Kraft ohne Gesetz.

Das raubt nicht nur dem Schmittschen Staatsmodell einen erheblichen Teil seiner scheinbaren Legitimität. Es führt vor allem vor, dass nicht nur die Diktatur, sondern auch die Demokratie Gefahr läuft, den Menschen zu einem nackten Opfer ohne Rechte zu machen. Davor darf man wie Agamben in der Tat warnen – man denke an Flüchtlinge, Minderheiten, Sozialhilfeempfänger und Patienten.

Schließlich entwickeln protestierende Bürger häufig genug keine ausreichende Gegenmacht bzw. entfalten ein zu schwaches „Gegenfeuer“, wie es Christoph Türcke 2002 bezeichnet, um ausartenden Regierungen zu trotzen. Und wer könnte die damit verbundenen Opfer rechtfertigen? So liegen zwei verschiedene Opfer-Diskurse miteinander weiterhin politisch wie philosophisch im Konflikt.


[1] Simmel, Georg: Briefe 1912-1918 – Jungendbriefe, Gesamtausgabe Bd. 23, Frankfurt/M. 2008, S. 74.

[2] Sigrid Weigel, Schauplätze, Figuren, Umformungen; in: dies. (hg.), Märtyrer-Porträts – Von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern, München 2007, 11 ff.

[3] Scheler, Max: Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg; Gesammelte Werke Bd. 4, Bern, München 1982, S. 77.

[4] Ernst Jünger.: Das Wäldchen 125, ebd., S. 338

[5] Ivan ILLICH, Die Nemesis der Medizin – Von den Grenzen des Gesundheitswesens, (1975) Reinbek 1981, 95

[6] Michel FOUCAULT, Die Geburt der Sozialmedizin (nr. 196, 1977), Dits et Ecrits Bd. III, 275