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Salon

Paradiso 300x450
Vorwort des Gastgebers  

Der 55. philosophische Rau(s)chsalon fand am 27. Mai 2017 statt, bei dem Angelika Kiss über „Das Unbehagen in der Realität“ am Beispiel von Sigmund Freund und Woody Allen vortrug – zugleich ein Geburtstagssalon für den Gastgeber, der damit einen halbrunden Geburtstag feiern wollte. Seit dem 1. Dezember 2012 ist der Ort des Salons die Baumannstr. 13 in Bernau am Chiemsee, nicht mehr die Rumfordstr. 11A in München. Sein Titel verdankt sich dem bayerischen Rauchverbot, startete er am 31. Januar 2008. Das Rauchen darf der eine oder die andere natürlich gelegentlich unterbrechen und niemand wird gegen seinen Willen gezwungen, Wein zu trinken. Es gibt auch Wasser und seit einiger Zeit sogar Kleinigkeiten zum Essen, d.h. wir nähern uns langsam der Tradition des Salons aus dem 18. Jahrhundert an. Sicher, es ist noch ein weiter Weg dorthin. Seit der Salon in Bernau am Chiemsee stattfindet, beginnt er samstags um 17h mit Kaffee, Tee und Gesprächen auf dem Balkon mit dem Blick auf die Kampenwand. Die Teilnehmer fahren mit dem Auto oder treffen sich am Bahnhof. Eduardo Rotstein verglich die Fahrt nach Bernau mit einer Pilgerfahrt. Aber im Salon geht es nicht um Glauben – das wollen wir wenigstens hoffen –, sondern um den zwanglosen Zwang des besseren Arguments, wenn es denn so einfach wäre, wenn nicht häufig heftig gestritten würde, wenn nicht gelegentlich richtiges Unvernehmen herrschte – nein die Revolution ist das nicht, nur der schlichte Sinn der Gesprächskultur, selbst wenn man sich ein harmonisches Vernehmen wünschte. Gegen 18.30h beginnt der Vortrag, dem keine zeitlichen Vorgaben gemacht werden – er darf auch kurz sein – und über den im Anschluss auch so lange diskutiert wird, wie es den Teilnehmern gefällt, bis die Diskussion in kleine Gruppen zerbröselt. Das kann aber Stunden dauern. Zum Vortrag gibt es Wein und manche rauchen Zigarren. Der Salon ist für die Gäste gefährlich, geht es schlicht weder um das Körper- noch das Seelenheil, wird auf beide keine Rücksicht genommen, sowenig wie auf die Moral oder die Wahrheit, die sich beide nicht nur der Kritik, sondern vor allem auch der Genealogie ausgesetzt sehen. Natürlich darf man sowohl moralisch sein oder auch die reine Wahrheit kennen. Der Stamm der jeweils gut 20 geladenen Teilnehmer hat sich selbstverständlich in den zehn Jahren des Bestehens des Salons verändert. Die Saloniennes haben eine im weiteren Sinne philosophische Bildung, finden Fachdiskussionen statt, die auch über Gott und die Welt ausarten dürfen. Die Vorträge werden ausschließlich von den Saloniennes gehalten. Gastvorträge gibt es nicht. In den ersten fünf Jahren standen diese Vorträge unter keinem einheitlichen Thema. Der ebenfalls in der edition fatal erschienene Band Rumford 11A – Der philosophische Rau(s)chsalon 2008-2012 – Schönherr-Mann/Jain/Beilhack (Hrsg.) – enthält eine Auswahl der Vorträge dieser Jahre. Zwischen 2013 und 2015 stand der Salon unter dem Themenschwerpunkt Vergesst nicht . . . ! . . . die Revolution. Der vorliegende Band enthält fast alle dabei gehaltenen Vorträge. Inspiriert wurde das Thema von Maximilian Hartung, als er über Revolution-Denken bei Foucault, Deleuze und Guattari promovierte. Die Formulierung des allgemeinen Themas orientiert sich am Titel eines Buches von Jacques Derrida: Vergessen wir nicht – die Psychoanalyse! Aus vielerlei Gründen hat die Revolution als Projektionsfläche von Träumen und Wünschen eigentlich ausgedient. Vielleicht wurde sie auch nur ins Unbewusste verdrängt und stört daher regelmäßig das Bewusstsein der Zeitgenossen. Als unbewusster Sehnsuchtsort kehrt die Revolution wieder, woran gerade die Oktoberrevolution 1917, die sich dieses Jahr in der Nacht vom 7. zum 8. November zum 100. Mal jährt, nicht ganz unbeteiligt sein könnte. Denn diese verlief mit 8 Toten vergleichsweise unblutig. Die Truppen, die unmittelbar danach die beim Sturm auf das Winterpalais gestürzte Regierung Kerenski ins Feld Richtung St. Peterburg führte, konnte Trotzki mit dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments zum Überlaufen auf die Seite der Revolution bewegen. So erträumt man sich die Revolution, löst sie Begeisterungsstürme aus. Der sich daran jedoch anschließende Bürgerkrieg hätte diese Begeisterung frühzeitig bremsen dürfen. Es verwundert nicht, dass dort, wo immer sich die Revolution seither in die Tat umsetzt, in den letzten Jahrzehnten viele vernünftigerweise nur Fernsehzuschauer sein wollen, um der gewalttätigen Angelegenheit lieber nicht zu nahe zu kommen, was schließlich schnell den Kragen und den Kopf kosten könnte. So gruseln sich heute noch die hedonistisch Geborenen vor Bildern von „Hinrichtungsszenen aus der Revolutionszeit, Ludwig XVI. auf der Guillotine und ähnlichen Kopfabschneidereien, die man gar nicht ansehen kann, ohne Gott zu danken, dass man ruhig im Bette liegt und guten Kaffee trinkt und den Kopf noch so recht komfortabel auf den Schultern sitzen hat.“ Dabei hatte Heinrich Heine diese Worte aus der Harzreise von 1824 gar nicht ernst gemeint – was man wahrscheinlich als Fehler betrachten darf. Aber wie gelingt es dann, die Welt zu humanisieren? Gibt es 100 Jahre nach der Oktoberrevolution keine revolutionären Perspektiven in eine bessere Welt mehr? Vor einem solchen philosophischen und realpolitischen Hintergrund will der vorliegende zweite Salon-Band einen Beitrag zur Diskussion leisten, die angesichts des 100. Jahrestages der Oktoberrevolution breit geführt wird. So setzen sich die Vorträge des Bandes mit verschiedenen Aspekten des Themas Revolution auseinander und geben dabei einen Überblick über den Facettenreichtum von Revolution. Mein Vortrag führt in den Revolutionsbegriff von Marx und in die postmoderne Kritik bei Foucault, Agamben und Bourdieu ein. Maximilian Hartung demonstriert dagegen, dass sich bei Foucault, Deleuze und Guattari der Gedanke der Revolution in Vorstellungen von Revolte und Widerstand transformiert, dass die Revolution zwar nicht verabschiedet wird, sie aber mehr gedacht als gemacht wird. Anil Jain diagnostiziert denn auch, dass das Proletariat als vermeintliches Subjekt der Revolution bei Marx historisch abhanden gekommen ist, was die Frage aufwirft, ob es noch eine Revolution ohne Subjekt geben kann. Christian Albert analysiert Jacques Rancières Buch Das Unvernehmen, und damit einen anderen wichtigen zeitgenössischen Denker, der Revolution nicht mehr ökonomisch denkt, sondern sprachphilosophisch. Politik findet just dann statt, wenn die Unterprivilegierten ihre Lage als ungerecht in Frage stellen. Daraus müssen aber nicht immer gleich Revolutionen werden. Eduardo Rotstein und Michael Löhr verschieben das Thema Revolution in einen breiteren kulturellen Zusammenhang. Rotstein setzt sich mit der technischen Revolution auseinander, die ja nach Marx die Voraussetzung für die soziale ist. Nach Rotstein kehrt sich das Verhältnis zunehmend um, richtet sich der Widerstand vieler Zeitgenossen gerade gegen die Technik selbst. Aber führt das noch zu einer Revolution? Löhr geht dem Problem der Gewalt in der Kulturentwicklung nach. Das revolutionäre 19. Jahrhundert glaubte an den Fortschritt durch Gewalt. Aber der Fortschritt könnte sich gerade als ein solcher präsentieren, der zu einer Verminderung der Gewalt führt und Löhr führt vor, dass eine solche Tendenz überraschenderweise auszumachen ist. Wie Revolutionen stattfinden, wie sie betrieben und durchgeführt werden oder wie sie die Beteiligten durchschaukeln, das zeigen die Vorträge von Sammy Khamis, Bernd Mayerhofer und Linda Sauer, die drei verschiedene historische Perioden behandeln. Die längste davon, das 19. Jahrhundert das bis 1968 reicht, ist die Zeit gewaltsamer Auseinandersetzungen, in der die Barrikade eine symbolische und eine fragile Ordnung auf der Straße manifestiert, die Mayerhofer nachzeichnet. Gewalt und Gegengewalt aus der Perspektive Fritz Teufels spürt Sauer nach. Und die untergegangenen Hoffnungen der Arabellion am Anfang unseres jetzigen Jahrzehnts hinterfragt Khamis. Außerdem enthält der Band drei Vorträge, die sich mit dem Anarchismus auseinandersetzen. Das ist für den Geist der Zeit bezeichnend. Marx ist längst in den Hintergrund getreten und viele Zeitgenossen suchen neue Wege dort, wo sie der Marxismus immer desavouierte. Christoph Cegla geht detailliert der Ethik bei Bakunin nach und kehrt damit an die Anfänge des Anarchismus im 19. Jahrhundert zurück. Peter Seyferth und Markus Penz analysieren zeitgenössische Initiativen, die sich auf den Anarchismus berufen. Penz schließt dabei vor allem an die Situationisten an. Seyferth blickt auf den Streit zwischen verschiedenen Anarchisten, wie man heute eigentlich Revolution machen müsste. Mario Beilhack, Carsten Lenz und Nicole Ruchlak blicken darüber hinaus in die Gegenwart und die Zukunft der Revolution und der Utopie. Beilhack reflektiert die Lage der Zeitgenossen, die noch von der Revolution träumen, am Ende sich aber lieber mit einer ordentlichen Existenz zufrieden geben. Der Berufsrevolutionär des 19. Jahrhunderts, von dem noch so manche im Anschluss an 1968 träumten, kam in der Regel aus einem reichen Haus und brauchte kein Geld zu verdienen. Das war und ist nur wenigen vergönnt. Und die Utopie – das führen Ruchlak und Lenz vor – wird heute von den reichen Unternehmern aus dem Silicon Valley unterstützt und von Protagonisten eines radikal antidemokratischem Neoliberalismus bzw. den Libertarians konzipiert und anders als in der klassischen Utopie bei Morus oder Campanella auch in die Tat umgesetzt. Zumindest bemüht man sich darum. So endete der Salon mit keiner besonders günstigen Prognose für die Revolution und beschäftig sich seit dem 18. Juli 2015 mit dem Unbehagen in der Realität. Elf Vorträge sind schon gehalten worden. Bis ins Jahr 2018 sind weitere Vorträge dazu angekündigt und alle Termine – sechs pro Jahr – sind ausgebucht. Es sieht so aus, als mache der Salon Spaß und entspricht damit dem hedonistischen, dionysisch imprägnierten Zeitgeist. Asketisch will er denn auch bestimmt nicht sein und die Moral wird höchstens diskutiert. An einem moralischen Wesen des Salons soll die Welt bestimmt nicht genesen. Nein, der Salon erfüllt seinen Zweck im Vollzug. Gerade das könnte sich auf die Welt auswirken. Wie? Wer weiß?



 
Vergess nicht die Revolution
Schönherr-Mann/Jain/Beilhack
Vergesst nicht . . .  . . . die Revolution!
Der philosophische Rau(s)chsalon 2013-2015 Bd. 2, edition fatal



Inhaltsverzeichnis  


Vorwort des Gastgebers  

Hans-Martin Schönherr-Mann: „Vergessen wir nicht – die“ (Derrida) Revolution! – Marx‘ Revolutionsbegriff und die
Kritik von Foucault, Agamben und Bourdieu  

Maximilian Hartung: Revolution? Revolte? Widerstand! Foucault und Deleuze im Sog der Wiederkunft


Sammy Khamis: Mehr Revolution, die Herrschaften! Von Orientalismen und Revolutionsromantik nach den Aufständen im Nahen Osten seit 2011

Anil Jain: Das verschwundene Subjekt der Revolution

Bernd Mayerhofer: „Ich denkend, es sei die Souveräne Kanaille …“ – Die Kunst des Aufstands oder Versuch über die Barrikade im Anschluss an Clausewitz, Blanqui, Engels und Trotzki?

Eduardo Rotstein: Technische Revolution: Widerstand und Oppression

Linda Sauer: (Fritz) Teufels Lachen – Erinnerungen aus dem Widerstand

Michael Löhr: Die Revolution der Zivilisation. Ein Versuch über Gewalt mit Norbert Elias und Steven Pinker

Christoph Cegla: Die Moral der Revolution – der Anarchismus und die Ethik

Mario Beilhack: Vergesst die Revolution! – Vom Unbehagen an der Notwendigkeit der Revolution

Markus Penz: Über die Transformation der Revolution – Autoritäre Umwälzung, situationistische Aktion, sozialer Phasenwechsel

Peter Seyferth: Pontifex CrimethInc. Anarchistische Revolution zwischen Lifestyle und Klassenkampf

Christian Albert: Die Bedeutung von Revolution: Unvernehmen, das zu Politik führt

Carsten Lenz/Nicole Ruchlak: Liberalistische Utopien – Wundersame Konstrukte auf ihrem Weg zur Verwirklichung







Rumford 300x424
Schönherr-Mann/Jain/Beilhack (Hrsg.)
Rumford 11A
Der philosophische Rau(s)chsalon 2008-2012
Edition fatal, München 2012

Inhalt
Vorwort des Veranstalters und Mitherausgebers
Vorwort der Verlags der Herausgeber Mario Beilhack und Anil Jain

1. philosophischer Rau(s)chsalon 31.1.2008
Hans-Martin Schönherr-Mann: Das Dionysische als das gute Böse

3. philosophischer Rau(s)chsalon 17.4.2008
Hans-Martin Schönherr-Mann: Kein gutes Leben ohne Verrat: Ergo verratet alle eure Götter!

4. philosophischer Rau(s)chsalon 12.6.2008
Mario Beilhack: A space odyssey – die mediale Verfasstheit der Welt

6. philosophischer Rau(s)chsalon 3.12. 2008
Matthias Hofmann: Die Ausnahmeschutzverletzung als Destabilisierung der Lebenswelt – Über unseren alltäglichen Umgang mit dem PC

7. philosophischer Rau(s)chsalon 11.2.2009
Michael Löhr: Von Kant zurück zu Platon und Laotse. Francois Chengs "unkritische" Meditationen über Schönheit

8. philosophischer Rau(s)chsalon 1.4.2009
Hans-Martin Schönherr-Mann: Die wahre Schönheit als ein Oberflächenphänomen oder von der unmöglichen Innerlichkeit der Schönheit

9. philosophischer Rau(s)chsalon 26.5.2009
Anil Jain: Capitalism Inc. - Der 'phagische' Charakter des Kapitalismus

11. philosophischer Rau(s)chsalon 23.9.2009
Michael Löhr: Der Traum ist mehr als bloße Wunscherfüllung! Christoph Türcke über die Geburt des Menschen aus dem Schrecktraum

12. philosophischer Rau(s)chsalon 8.12.2009 (Mariä Empfängnis)
Michael Ruoff: Ein Physiker plaudert aus dem Nähkästchen

16. philosophischer Rau(s)chsalon 29.9.2010
Anil Jain: Die kontingente Gesellschaft

18. philosophischer Rau(s)chsalon 23.2.2011
Stefan Bolea:  politisch existentielle Gedichte (aus dem Rumänischen ins Deutsche übertragen)

19. philosophischer Rau(s)chsalon 7.4.2011
Michael Löhr: Versuche über Gleichgültigkeit. Ein Streitgespräch zwischen Wolfgang Sofsky und Fernando Pessoa

20. philosophischer Rau(s)chsalon 8.6. 2011
Michael Ruoff: Die reterritorialisierte Theorie

22. philosophischer Rau(s)chsalon 26.10. 2011
Michael Löhr: Zeit und Bild. Heidegger, Benjamin und Mitchell über das Wesen des Bildes"

24. philosophischer Rau(s)chsalon 25.1. 2012
Linda Sauer: Das Böse – Glanz und Abglanz einer diabolischen Versuchung

25. philosophischer Rau(s)chsalon 29.3.2012
Michael Bräustetter, Maximilian Hartung: Wer denkt wen? Von diesseitigen Gedanken, Geständnistieren und Autoren
 
26. philosophischer Rau(s)chsalon 10.5.2012
Bernd Mayerhofer: Worüber man nicht sprechen kann. Über das Schweigen im Allgemeinen und das bestimmter Personen im Besonderen

27. philosophischer Rau(s)chsalon 10.7..2012
Christof Cegla: Warum Guido Knopp der beste deutsche Historiker ist

Nachwort:
Linda Sauer: Anstelle eines Nachworts