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Michael Tomasello, Mensch Werden – Eine Theorie der Ontogenese, Berlin 2020, Suhrkamp, übersetzt von Jürgen Schröder, 543 S., Hardcover, € 35


Der Mensch stammt vom Affen ab, ist heute eine weitgehend anerkannte These, wenn man von Kreationisten mal absieht. Aber warum haben es nur die Menschen zum Menschen geschafft und keine anderen Primaten?
Weil die Primaten es nicht zur Kooperation und Kommunikation schafften wie die Menschen. So stellt man sich den Menschen seit Aristoteles vor. Daran schließen heute die Kommunitaristen an, Universalisten aus der analytischen Philosophie und natürlich die Kommunikationstheorie rings um Jürgen Habermas, der Tomasello auch ausdrücklich lobt. Ist der Mensch ein soziales, kooperatives und kommunikatives Wesen, wie man es sich seit Aristoteles vorstellt?

Oder ist er eher egoistisch, auf seinen Vorteil bedacht und jederzeit zum Konflikt bereit?Die Gegenposition vertreten unter anderen Neoliberale, für die der Mensch als Homo oeconomicus nur auf sein Eigentum achtet. Dass sich die Menschen miteinander mehr im Konflikt befinden, als dass sie miteinander nicht im Konsens leben, das vertreten pluralistische Gesellschaftsvorstellungen, speziell postmoderne. Für Jean-François Lyotard ist die Politik daher der Ort des Widerstreits, der aber nicht unbedingt in den Krieg führen muss, wie für den Kronjuristen der Nazis Carl Schmitt.

Jürgen Habermas dagegen insistiert darauf, dass die Sprache den Menschen zu einem so kommunikativen wie sozialen Wesen macht, dass auch Sprache keine Gewalt ausübt, sondern nur den berühmten zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Das versetzt den Menschen in die Lage, mit anderen friedlich, d.h. sprachlich und kooperativ zu einem vernünftigen Konsens zu gelangen. Sprache ist demnach vernünftig und nicht autoritär. Darin sieht Habermas denn auch die Grundlage moderner Demokratien, die des Konsenses, nicht des Widerstreits bedürfen, die sich auf die Sprache verlassen sollten.

In dieser seit langem andauernden Kontroverse springt Habermas der renommierte Anthropologe und Primatenforscher Michael Tomasello nicht erst mit seinem neuesten Buch beiseite: Warum ist der Mensch Mensch geworden und nicht Affe geblieben wie die anderen Menschenaffen, Schimpansen oder Gorillas? Weil die Menschen miteinander kooperieren, während die Menschenaffen primär miteinander konkurrieren, es ihnen um Dominanz geht und sie sich gegenseitig nur helfen, wenn sie selbst davon einen Vorteil haben. Schimpansen jagen zwar gemeinsam einen kleinen Affen, nicht aber koordiniert, sondern jeder für sich. Wer den kleinen Affen am Ende fängt, frisst ihn alleine und gibt nur was ab, wenn er massiv belästigt wird und dadurch Gefahr läuft, die Beute zu verlieren.

Menschen dagegen haben schon sehr früh die koordinierte Jagd auf große Tiere begonnen, die sie nur durch Kooperation erlegen konnten. Die Beute wird danach unter den Beteiligten aufgeteilt, ob gerecht wird man schwerlich belegen können. Doch für Tomasello wählen sich die Frühmenschen zuverlässige Kooperationspartner und müssen sich daher selber so verhalten, dass sie gewählt werden. Die Moral hat also frühe Ursprünge. Primaten suchen sich auch Verbündete, aber nur um durch sie selber einen Vorteil zu haben. Tomasello schreibt: „Wenn wir erklären wollen, wie die einzigartige menschliche Psychologie entsteht, müssen wir unsere Aufmerksamkeit folglich auf die Ontogenese konzentrieren und insbesondere darauf, wie die Ontogenese der Menschenaffen im Allgemeinen in die Ontogenese des Menschen im Besonderen verwandelt worden ist. (17)

Warum also kooperieren Primaten nicht? Weil Affen keine Fähigkeit haben, der Blickrichtung eines anderen zu folgen, sondern nur auf die Kopfdrehung achten. Und wodurch können Menschen kooperieren? Neun Monate alte Babys können der Blickrichtung auch noch nicht folgen, aber einen Monat später schon. Sie folgen den Blicken anderer und entwickeln daraus ein Verständnis für die Perspektiven anderer, so dass sie mit anderen gemeinsam einen Gegenstand ins Auge fassen. Dabei unterscheiden sie zwischen der eigenen Perspektive und der des anderen wie auch dem gemeinsamen Objekt ihrer Blicke. Das nennt Tomasello geteilte Intentionalität, zu der Affen nicht in der Lage sind. „Schon in der frühen Kindheit“, bemerkt Tomasello, „interagieren Säuglinge mit Erwachsenen in für die Spezies einzigartigen Formen des Teilens von Gefühlen.“ (439) Aus der geteilten Intentionalität erwächst denn auch ein Bewusstsein für die objektive Wirklichkeit. Konstruktivisch denkt Tomasello nicht. Die objektive Wirklichkeit liegt vor und kann durch geteilte Intentionalität auch erfasst werden. Das entspricht vielfältigen Bemühungen in der analytischen Philosophie.

Aus dieser geteilten Intentionalität erwächst zudem bereits bei Dreijährigen ein Verständnis für Handlungsnormen. Der Schimpanse gibt von seiner Beute zur Not auch einem an der Jagd gar nicht Beteiligten etwas ab. Kleine Kinder erkennen in einer vergleichbaren Situation, dass einem Trittbrettfahrer nichts zusteht. So stellt Tomasello sogar fest „ dass Dreijährige moralische Normen gleich häufig gegenüber Missetätern sowohl aus der Eigengruppe als auch aus der Fremdgruppe durchsetzten, was den Befund bekräftigt, dass Kinder in diesem Alter moralische Normen als universell anwendbar ansehen.“ (368) Der Universalismus, den Habermas wie auch viele in der sprachanalytischen Philosophie vertreten, hat dann frühe Anfänge, nämlich ontogenetische. Zwar räumt Tomasello ein, dass ein derartiges Verständnis von Dreijährigen kaum nachhaltig beweisbar ist. Aber für Fünfjährige lässt er das nicht mehr gelten.

Natürlich übernehmen Dreijährige die Handlungsnormen von Erwachsenen. Aber mit fünf Jahren entwickeln Kinder selber solche Regeln für andere, so dass Tomasello bereits Vorschulkindern ein Verständnis für moralische Regeln attestiert. In der frühkindlichen Entwicklung unabhängig von kulturellen Unterschieden sieht Tomasello daher einen Beleg dafür, dass die menschliche Kommunikation nicht auf Herrschaft über andere ausgerichtet ist, sondern einen originären kooperativen Charakter hat, der auf der Beachtung sozialer Regeln und damit auf Konsens beruht. Die individuelle Entwicklung des Kindes verglichen mit der Entwicklung von Primaten bestätigt die Kommunikationstheorie von Jürgen Habermas.


Freilich bekommt das einen etwas schalen Beigeschmack, wenn Tomasello schreibt: „Im Prinzip kann jeder in der Kultur soziale Normen durchsetzen; im Prinzip kann auch jeder in der Kultur Ziel der Durchsetzung sein (möglicherweise innerhalb bestimmter demografischer oder kontextueller Besonderheiten; und im Prinzip sind die Standards selbst objektiv (nicht subjektiv).“ (367) Das zeigt seine negative Seite im Corona-Regime, wenn die Blockwarte wiederkehren, wenn Abweichler und Minderheiten diskriminiert werden, weil ja die Sachlage medizinisch so objektiv erscheint, die Gewalt, die dahinter steht und sich entfaltet, aber geflissentlich übersehen wird. Wer sich auf die Objektivität glaubt berufen zu können, kann andere maßregeln. An die Fähigkeit zum Widerstand, wie sie Sartre beschreibt, denkt Tomasello nicht, ist sie für ihn offenbar kulturell bedeutungslos.

Tomasello will indes kein Rousseauianer sein. Es geht ihm nämlich nicht um Naturanlagen, sondern um die kindliche Entwicklung, die in die Kultur und die Erziehung eingebettet ist. Keine andere Spezies erzieht ihre Nachkommen durch sprachliche Belehrung. Das aber wäre nicht genug, so Tomasello, würde er dann schließlich einer Milieu-Theorie nahe kommen, der sich viel leichter widersprechen ließe: „Diese Darstellung der frühen Ontogenese der sozialen Kognition des Menschen ist somit nicht nativistisch – obwohl sie sich auf die Reifung als einen wesentlichen Bestandteil des Prozesses beruft –, aber sie bildet sich auch nicht ein, dass Kinder diese elementaren Fähigkeiten durch Unterricht von Erwachsenen lernen.“ (134) Das ist sein entscheidendes Argument.

Tomasellos Argumentation hat aber vor allem deswegen Gewicht, weil er seine Thesen nicht nur mit eigenen Experimenten mit Kindern und mit Affen zu belegen vermag, sondern sich dabei auch auf die weitreichende empirische Primaten- und die entwicklungspsychologische Forschung stützt. „Unsere Besprechung einer großen Anzahl von Vergleichs- und Entwicklungsexperimenten“, so Tomasello, „hat darauf hingedeutet, dass ein ontogenetischer Pfad der Menschenaffen jedes Mal durch die Reifung der für die Spezies einzigartigen Fähigkeit zur geteilten Intentionalität und die Erfahrungen, die dadurch möglich wurden, umgewandelt wurde.“ (484)

Das führt das Buch so detailliert vor, dass es wirklich mühsam zu lesen ist, nicht zuletzt ob der unsäglichen amerikanischen Belegform, deren Klammern den Lesefluss ständig stören. Immerhin verzichtet er auf Seitenangaben, was trotzdem merkwürdig ist. Aber das Buch ist nun mal harte empirische Wissenschaft und das muss man in der Debatte um die Kommunikativität der Sprache zweifellos ernstnehmen. Die Position von Habermas wird dadurch gestärkt. Nur darf man fragen, warum die Kommunikativität der Sprache in der geschriebenen Geschichte doch eher zweifelhaft erscheint – man lese Foucaults Überwachen und Strafen.