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Zu: Claus-Steffen Mahnkopf, Philosophie des Orgasmus, Berlin 2019, Suhrkamp Taschenbuch, 246 S., € 12

 Claus-Steffen Mahnkopf, Professor für Komposition an der Hochschule für Musik in Leipzig, der Philosophie unter anderem bei Jürgen Habermas studierte, geht in seiner Philosophie des Orgasmus einer verdrängten Thematik in der Philosophiegeschichte nach. Das wirkt im ersten Teil unter dem Titel „Der Orgasmus im Leben“ teilweise arg statistisch und oberflächlich, nahe der Ratgeberliteratur. Das Buch brilliert aber wenn er über den Orgasmus in der Musik schreibt und auf die Venusbergmusik in Wagners Tannhäuser eingeht, um im Schlussteil in einem Plädoyer für Affirmation zu gipfeln, darf man wider patristische Lehren den ‚höchsten Augenblick‘ gerade nicht kritisieren, aber differenzieren.
Mahnkopf formuliert dabei eine gängige Kritik an der Ökonomisierung: „Die sexuelle Revolution (. . .) individualisierte die Praktiken (und erweiterte deren Repertoire) und überzog zugleich die Gesellschaft mit einem Diskurs, bei dem sich ökonomische Interessen und aufklärerische Ziele immer weniger unterscheiden lassen.“ (66) Damit untergräbt der Kapitalismus nicht nur die sexuelle Liberalisierung, sondern auch die Aufklärung als solche, so dass man fragen darf, mit welchen Argumenten die modernen westlichen Gesellschaften noch verteidigt werden können. Für Mahnkopf stört das aber nicht nachhaltig die Relevanz einer Sexualität, die er nicht mehr in den Dienst der Fortpflanzung, sondern in den der Lust stellt. Dass man nach Simone de Beauvoir nicht als Frau geboren wird, sondern dass die Erziehung zur Frau macht, wird von Mahnkopf so wenig beachtet wie Judith Butlers Einsicht darein, dass sich selbst das biologische Geschlecht sprachlicher Performanz verdankt. Dem hält Mahnkopf entgegen: „Die Gender troubles, von denen die Philosophin Judith Butler spricht, entbehren, so gesellschaftlich und kulturell wir sie auch erleben, niemals einer natürlichen Grundlage.“ (39) Für ihn bleiben die Geschlechter schlicht einander anders.
Konstruktivismus ist Mahnkopfs Sache nicht. Naturanlagen sind schließlich heikle Argumentationsstrategien, die regelmäßig in den naturalistischen Fehlschluss führen. Aber wenn Frauen einfach Frauen sind, dann darf man sie auch loben, kann dabei sogar deren Mutterschaft übergehen, immerhin: „Frauen sind die wahren Helden einer Kulturgeschichte, die fast nur aus Männern besteht.“ (92) Damit kann man nichts falsch machen, noch dazu wenn er von den Männern eine Ko-Emanzipation fordert.
Mahnkopf will den Orgasmus stärker beachtet sehen, den es für ihn auch zu verbessern gilt, was aber vom Kapitalismus gefährdet wird. „Nicht zuletzt ist es die Orgasmusindustrie,“ so Mahnkopf, „die einen Fortschritt in der Sache verhindert, zumindest hemmt, nämlich dem Höhepunkt zu einem angemessenen Ort in einem guten Leben zu verhelfen.“ (56)
Aber was wäre denn dieser Ort? Vor allem die Popmusik trägt wesentlich zur Verbreitung der Sexualisierung bei. Doch sie ökonomisiert Sexualität und Orgasmus nicht nur, vielmehr entzaubert und letztlich banalisiert sie ihn. Das hat für Mahnkopf musikalische Gründe: „die wirkliche Ekstase beginnt dort, wo die Popmusik aufhört. Ihre Mittel sind beschränkt, vor allem wegen der zu kleinen musikalischen Formate, der Konstanz des Tempos und der harmonischen Entwicklungsarmut.“ (60) Entspricht die Venusbergmusik dem Orgasmus mehr als Let’s spend the night togeter von den Rolling Stones?
Was die reine Kürze betrifft, die gerade keine Ewigkeit kennt, sicherlich nicht. Doch ähnlich erhebt Mahnkopf weitreichende Vorwürfe gegenüber der Sexualisierung seit der 68er Zeit: „Der Schlankheitswahn, der ‚Wunsch‘ vor allem weiblicher Teenager nach kosmetischer Chirurgie, die Standardisierung des US-amerikanischen Busens zählen zu den Negativfolgen der Sexualisierung der westlichen Welt.“ (64) Und wo ist das Problem? Doch damit wird jegliche Scham diskreditiert, so dass sich Persönlichkeitsrechte nicht mehr schützen lassen, was für Mahnkopf primär Frauen trifft. Scham behindert indes Menschen in der Ausübung ihrer sexuellen Lüste. Seit wann schützt die Scham Persönlichkeitsrechte und welche? Die Presse und Lady Diana – das ist doch wohl ein anderes Problem. Andererseits fordert er: „Für eine gute Sexualität braucht es Freiheit, und diese ist eine ökonomische, wohnliche, zeitliche und setzt eine mentale Disposition voraus: Intelligenz, Bildung, Erfahrung, differenzierte Erlebnisfähigkeit.“ (81)
So malt Mahnkopf eher eine Vision einer befreiten Gesellschaft aus, die momentan nur liberal und kapitalistisch gedacht werden kann. Aber er kritisiert emanzipatorische Bemühungen: „Früher wurde gegen das Kapital gekämpft, heute gegen eine wie immer verstandene Normsexualität.“ (107) Die Zeitgenossinnen sollen ihre sexuelle Freiheit offenbar nicht selber erkämpfen, sondern diese sich vom Staat dekretieren lassen. Dass zudem ein Kampf gegen den Kapitalismus ein Kampf gegen Windmühlen sein könnte, dass kleinteilige emanzipatorische Anstrengungen, einzelne Lebensräume zu verbessern – und wird zwischendrin auch mal die Schönheitschirurgie in Anspruch genommen –, viel erfolgreicher erscheinen, das würde Mahnkopf nicht zugestehen.

Sicher gibt es eine große Gruppe von Frauen wie Männern, die diese sexuelle Liberalisierung ablehnen. Dazu gehören religiös Strenggläubige und viele, die sich dem neuen oder alten rechten Lager zuordnen. Diese werden wohl auch nicht unbedingt ihren Orgasmus verbessert haben wollen. Ironischerweise gerät die linke Kulturkritik für Mahnkopf in die Nähe jener Propaganda, die von Populisten und Identitären verbreitet wird. So bemerkt Mahnkopf: „Die Neurechten kopieren inzwischen exakt die einst fortschrittlichen Argumentationsmuster linker Kulturwissenschaftler.“ (184)
Dass seine eigene Kritik auch darunter fällt, wiewohl sie weniger links gemeint ist, hat er übersehen. So insistiert Mahnkopf auf einem seltsamen Verständnis von romantischer Liebe: Sie „verstanden als die Liebe um der Liebe willen, dürfte sehr alt sein und ist mitnichten eine Erfindung der Romantik.“ (43) Sollen etwa die Germanen romantisch geliebt haben? Krimhild? Wann hat es eine Liebe um der Liebe willen gegeben? Und was soll das sein? Die romantische Liebe, wie sie in der Romantik entsteht und nicht vorher, erfüllt sich erst im Jenseits. Sie macht die Ehe nicht emotionaler, sondern organisiert präskriptiv ein Gefühl der Ausschließlichkeit, das ansonsten keinen Sinn macht, bzw. nur einen metaphysischen, den weder die Antike, noch die mittel- alterliche Christenheit und schon gar nicht der Adel kannte, am ehesten noch die rigid moralistische Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Daher insistiert Mahnkopf im letzteren Sinn darauf: „Die erotische Beziehung ist somit ein äußerst ethisches Geschehen, (. . .)“ (174) Ja, in Gellerts Aufklärungsroman Die schwedische Gräfin von G. aus dem Jahr 1740 bekommen nur jene Kinder, die sich wirklich lieben: Das ist die Einheit von Moral und Sex. Ansonsten darf man schon fragen, seit wann Moral mit Erotik zu tun hat? Die moralisierte Erotik ist schwerlich noch eine solche, nur noch eine disziplinierte. Aber gemäß dem Zeitgeist lamentiert Mahnkopf über einen Mangel an Moral in der Liebe. Man kann in Liebe und Sexualität nicht cool sein, wie es heute üblich ist, muss man vielmehr Verantwortung übernehmen. Dem darf man sich nicht verweigern, wie es heute weit verbreitet ist. Wenn sich zwei darüber einig sind dann schon. Und wenn sie sich uneinig sind, dann erst recht, kann man schließlich den anderen auch zu nichts verpflichten.

Immerhin erkennt Mahnkopf, dass die Monogamie ihren lebens-währenden Charakter verloren hat, als serielle Monogamie aber doch weit verbreitet ist: „Man ist sich treu für eine längere  Zeit, pflanzt sich fort, trennt sich und beginnt mit einem neuen Partner von vorne. Freilich sind dabei die Frauen benachteiligt.“ (104) Aber keineswegs trennt man sich aus schlichtem Vergnügen. Trennungsgründe verdanken sich für Mahnkopf zumeist ernsten Konflikten. Oder nicht zumeist einer jüngeren Partnerin?
Dass es bei der modernen Sexualität um Entspannung geht, das bestätigt denn der Philosoph des Orgasmus, der den Mittagsschlaf als Ort der Selbstbefriedigung enttarnt: die witzigste Passage des Buches. Müsste es in einer Kultur des Orgasmus überhaupt um die Onanie gehen? Geht es beim Sex wirklich nur um den Orgasmus, dann handelt es sich bestimmt um keine dialogische Beziehung, vielleicht auch um eine Form der Lebenskunst, in diesem Fall aber um eine beziehungslose. So urteilt Mahnkopf: „Die Masturbation ist ein Tugend. Sie ist keine Pflicht (. . .).“ (81)
Wenn Mahnkopf schreibt: „Der Orgasmus ist ein Existential, das wesentlich zu unserem Dasein gehört.“ (25) Dann hat das Anne Lister, der weibliche de Sade, längst gesagt. Sie hätte es nicht nötig gehabt, das Reden über den Orgasmus mit Philosophemen zu verbrämen wie Mahnkopf, der konstatiert: „Nur wer (. . .) staunt, dass es ihn überhaupt gibt und wie er sich entfaltet, zeigt sich seiner würdig. Zum Orgasmus gehört nämlich das Überwältigtwerden, (. . .), und das hat er mit den elementaren Formen des Staunens gemein.“ (18) Braucht es das Staunen, um vom Orgasmus in Ekstase versetzt zu werden? Das will man nicht recht glauben. Immerhin begibt sich Mahnkopf auch auf Pfade jenseits der konservativen Sexualisierungs- und Hedonismuskritik wenn er schreibt: „Askese, Keuschheit, aber auch Polyamorie oder einver- nehmlicher Sadomasochismus, sind nicht nur legitim, sondern in gewisser Weise unvermeidbar, um das gesamte Spektrum (. . .) abzudecken.“ (224) Das ist beruhigend.