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Anna Gien, Marlene Stark, M – Roman, Berlin 2019, Matthes & Seitz, Hardcover, 248 S., € 20


Katrin Rönicke, Sex. 100 Seiten, Reclam, Stuttgart 2017, 102 S., 10 €

Emily Witt, Future Sex – Wie wir heute lieben – ein Selbstversuch, Suhrkamp Nova, Berlin 2017, 235 S., 14,95 €

 Die beiden Bücher von Rönicke und Witt haben einiges gemein, das nicht direkt mit Sex zu tun hat: Die beiden Journalistinnen waren im Jahr 2000 volljährig, gehören zu jener Generation, die sich als Pubertierende mit der Computertechnologie und der Internetwelt konfrontiert sah. Die beiden Autorinnen von M, die Schriftstellerin und Essayistin Anna Gien und Marlene Stark, DJ und Künstlerin,  sind ca. 10 Jahre jünger. Aber auch sie verbindet mit den beiden anderen nicht nur das Thema Sex unter Bedingungen des Cyber Space.
Der Roman M schildert das Sexleben in der Berliner Techno-, Künstler- und Galeristen-Szene, das sicherlich in dieser Form nicht nur dort so stattfindet. Dabei geht es auch um den Umgang der Ich-Erzählerin mit Cybersex und Sexspielzeugen, bei dem sie die Männer zu ihren Opfern macht, wiewohl sich die Perspektive umdrehen ließe.
So würde Eva Illouz, Kritikerin der sexuellen ‚Leichtigkeit des Sein‘, das für sie so unerträglich ist wie für Milan Kundera, wahrscheinlich urteilen: eine orientierungslose Frau bei Witt und M in einer bindungslosen Welt, die vorgibt trotz gewisser Zweifel, sich dabei wohlzufühlen, am Ende aber, wie es sich gehört, beinahe von der Ehe träumt. Und Rönicke Ratgeber-Literatur just für diese Welt, in der sich die Zeitgenossinnen mühsam weiterhelfen lassen müssen.
Jedenfalls geht es in allen drei Büchern um die veränderten Sitten im Bereich von Sex und Liebe, also um die moderne Sittlichkeit, die nicht mehr die alte der Eva Illouz ist, aber in der die alte merkwürdig stark nachhallt. Bis man die Träume der Vergangenheit hinter sich gelassen hat, wird es wohl noch einige Generationen brauchen und natürlich kann man noch gar nicht absehen, ob nicht mächtige Reaktionen vor allem aus dem Bereich Medizin und Gesundheit das Rad der Geschichte in Liebesdingen wieder zurückdrehen. Wenn jedes Risiko hochgerechnet wird, dann ist die lebenswährende Monogamie im Stil der bürgerlichen Kleinfamilie des 19. Jahrhunderts gewiss die gesündeste und sicherste. Zudem ist die Gesundheit ja schließlich zu einem sozialen Wahn geworden, dessen gleichschaltende Wirkung bereits 1971 im Anti-Ödipus von Gilles Deleuze und Félix Guattari beschrieben wird. Immerhin konnte Aids den Fortschritt des Hedonismus und der Spaßgesellschaft nicht stoppen. Es wird sich noch zeigen, welche Wirkungen die aktuelle Grippe haben wird.
Jedenfalls schon lange vor der Gründung von Facebook 2004 veränderte sich die Welt rings um die Sexualität, was sich seither beschleunigt. So „gibt es inzwischen auch USB-Vibratoren,“ bemerkt Rönicke, „die eine Verknüpfung mit einem eigens dafür entwickelten Spiel oder Porno ermöglichen: visuelles und vaginales/anales Erleben lassen sich so miteinander verbinden.“ (35) Das Internet macht Pornographie leichter zugänglich, die keine reine Männerdomäne bleibt. Ja, die beiden Journalistinnen verteidigen die Pornographie vor feministischen Anfeindungen, Rönicke auch die Prostitution.
Das Smartphone beschleunigt das Online-Dating. Frau muss nachts nicht mehr die letzte Frau in der Bar sein, um ein sexuelles Erlebnis noch zeitnah zu befördern. Heute erfährt man online schon am frühen Abend, dass am Nachbartisch jemand ähnliche Intentionen pflegt. Das ändert allerdings nichts an den zwischenmenschlichen Problemen. Die Technologie, so Witt, „brachte uns Menschen, sagte aber nicht, was wir mit ihnen anfangen sollten.“ (46) So beklagt sie rückblickend als Dreißigjährige: „Ich hatte so eine Vielfalt an Möglichkeiten für mich selbst nicht gesucht, und als ich auf einmal die totale sexuelle Freiheit hatte, war ich unglücklich.“ (19) Wäre sie lieber unfrei gewesen und von den Eltern verheiratet worden? Jedenfalls bemerkt sie über Online-Dating: „Beim Zusammentreffen zweier Körper blieb nichts Bedeutendes lange verborgen. Die Kommunikation vor einem Date zeichnete nur selten ein vollständiges Bild (. . .).“ (27) Und im weiteren lamentiert sie: „2008 waren dann 48 Prozent der erwachsenen Amerikaner unverheiratet, verglichen mit 28 Prozent im Jahr 1960.“ (29)
Weniger Probleme mit der schönen neuen Sex-Welt hat die Protagonistin in M, die sich schwerlich mit einem einzelnen Mann zufrieden geben würde. Gelegenheitssex ist für sie schlicht moralisch: „Insgesamt mag ich an allen Schwänzen, dass ich sie im Mund haben kann und dabei den anderen spüre, ohne ein Gefühl entwickeln zu müssen. Eine ganz einfache ehrliche Verbindung. (. . .) Ich kümmere mich gern um andere, um andere Schwänze vor allem, und Blasen ist ultimative Fürsorge.“ (46)
Auch Witt probiert diverse sexuelle Angebote aus. Über die orgasmische Meditation heißt es: „Er beschreibt der Frau mit poetischen Worten ihre Vulva. Er bittet sie um Erlaubnis sie zu berühren. Wenn sie ihm die Erlaubnis gewährt, legt er den Daumen der rechten Hand in ihren Introitus. Mit der linken streichelt er sanft über den oberen linken Quadranten ihrer Klitoris.“ (53) Das Spiel dauert gemäß der Vorgaben des Veranstalters genau 15 Minuten.
Witt schaut auch bei einem Porno-Dreh mit ausgewähltem Publikum zu, bei dem die Darstellerin erniedrigt und gequält wird, Vaginal- und Analsex ausgesetzt ist. Auf die Frage Witts, ob es dabei für sie Momente der Lust gegeben hätte, antwortet sie: „Klar, die ganze Zeit eigentlich! (. . .) Wir nennen das Schwanzrausch (. . .). Ich bin noch ziemlich im Schwanzrausch, weil es einfach schön war.“ (95) Dass sich Witt selbst auf derartigen Sex einlässt, kann sie sich freilich nicht vorstellen.
Solche Probleme hat M weniger. Es geht im Roman nicht um die Produktion von Porno-Filmen, aber durchaus um literarische Pornographie. Sie schleppt von einer Party einen verheirateten, gerade Vater werdenden Galeristen ab und bietet ihm die anale Penetration mit einem Dildo an: „Mit einem Finger gleite ich an seiner Wirbelsäule entlang, immer weiter nach unten, um ihn dann ein wenig in seine Falte zu stecken. (. . .) Man muss die Ledergurte richtig fest anziehen, damit der Schwanz gut sitzt und nicht blöd herumschlackert. (. . .) Richard kneift. Dafür bekommt er einen festen Klaps. Mit beiden Händen ziehe ich seine Backen auseinander und drücke den Gummischwanz an die richtige Stelle. Noch ein bisschen mehr, und ich sehe, wie die schwarze Plastikeichel in seinem Loch verschwindet. (. . .) Ich stoße ein bisschen fester.“ (65)
Witt schildert die Porno-Welt rings um das Internet an der US-Westküste ausführlich, wie auch ein wenig die Geschichte der Porno-Welt seit Deep Throat 1972 und feministische Antipornokriege. Dabei bleibt sie political correct, wenn sie schreibt: „Meine Pornographie-Aversion lag nicht daran, dass die Bilder nicht stimulierten, sondern vielmehr daran, dass ich nicht von einer Art Sex heißgemacht werden wollte, die ich mir für mich selbst nicht vorstellen konnte.“ (114)
Ob Witt dann die richtige für Polyamorie sein konnte, darf man von Anfang an bezweifeln. Natürlich muss sie sich damit auch auseinandersetzen, dass viele Menschen nach de Beauvoir und Sartre, aber bestimmt nicht erst diese die Monogamie hinter sich gelassen haben, die sie für eine überholte sexuelle Praktik von Agrarkulturen betrachten, denen sich denn auch solche Bücher wie das Alte, das Neue Testament oder der Koran verdanken. Nur gab es für derart abweichendes Verhalten lange eine weniger programmatische Formulierung als Polyamorie. Witt schreibt: „Wie die meisten Leute in ihrem Alter hatte Elizabeth natürlich Freunde, deren binäre Partnerschaften Sex mit anderen erlaubten, aber sie nannten das eher ‚offene Beziehung‘, was weniger vom Stigma bewusster sozialer Verschrobenheit hatte und sich keine Proklamation einer sexuellen Identität anmaßte.“ (159)
So bekennt denn Witt, dass die sechziger Jahre immer noch als Orientierungspunkt für viele Jüngere dienten. Aber natürlich waren die Spielräume noch größer geworden. Die jungen Leute um 2000 waren sexuell aufgeklärter als ihre Eltern im Alter von 20. Sie kannten ihre Körper besser, hatten einen viel besseren Zugang zu Verhütungsmitteln oder auch zu frauenorientierten Sexangeboten wie Vibratoren. Abtreibungen waren genauso möglich wie „rezeptfreie Notfallverhütung“. (171)
Die Konfrontation der neuen mit der alten Welt schildern Gien/Stark in einer ironischen Szene. Nach dem Weihnachtsabend bei ihren Eltern in Niederbayern sucht sie nachts im Internet noch etwas Ablenkung vom familiären Gedöns: „Ich frage mich, ob Männer genauso oft während des Chats auf das kleine Fenster am unteren Bildrand blicken, in dem man sich selbst anschauen kann, wie ihr Gegenüber. (. . .) Tim zieht seine Hose bis zum Schaft hinunter und spielt mit seinen Schamhaaren. Dabei drückt er wie nebenbei seinen halberegierten Schwanz nach unten. (. . .) Ich lehne mit heruntergezogener Hose und zwei Fingern in der Muschi an der Rückenlehne des Betts, als es an der Tür klopft.“ (91 ff) Die Eltern verdächtigen sie als Prostituierte zu arbeiten.
Auf den naheliegenden Gedanken, dass sich die Tochter auch am heiligen Abend Sex im Netz holt, schlicht aus Geilheit und Vergnügen, auf den kommen sie nicht. In Berlin könnte sie das lebendiger, d.h. analoger haben. Klar, das ist das technisch angeschlossene moderne Subjekt, das keine Scham und keine Skrupel kennt und sich jeden Gelegenheitssex, auch den härtesten gönnt, einen lebendigen, nicht bloß im Cyberspace, so dass der Protagonistin in M am anderen Tag alles wehtut.
So fern ist dem Witt denn auch wieder nicht bei ihrer Abenteuerreise durch die Sex-Welt. Sie fährt mit sechs eher zufällig zusammengewürfelten Freunden zu Burning Man, ein wildes Sex- und Drogen-Festival in der Wüste von Nevada, das 1986 mal klein angefangen hatte und jetzt von reichen ITlern, sonstigen Technikern, Rechtsanwälten bevölkert wird. Zuhause oder im Job darf natürlich niemand davon wissen, wo sie sich rumtreiben. Man muss ein Wohnmobil mieten, Fahrräder für das weitläufige Gelänge mitnehmen, Taschenlampen, Essen und vor allem Drogen besorgen. „Wir aßen Marihuana-Karamellpopcorn aus einer kalifornischen Apotheke, waren bis Sonnenaufgang unterwegs, kamen zurück und hatten trotz der anderen Wohnmobilbewohner Sex. ‚Mit dem will ich ewig Sex haben‘, dachte ich hinterher.“ (197)
Das Thema der drei Bücher sind trotzdem weniger die technologisch veränderten Liebesverhältnisse. Alle Autorinnen fanden sich in einer Welt vor, in der durch die sechziger und siebziger Jahre die traditionelle Ehe erschüttert war, in der außerehelicher Sex weder verboten noch verpönt ist. Aber für Witt bleibt die Ehe ein klarer Orientierungsrahmen, dem die Polyamorie konkurrierend gegenübertritt, auch wenn man nicht so genau weiß, wie sie zu gestalten ist. In San Franzisco geisterte dazu der Begriff „verantwortungsbewusster Hedonismus“ herum.
Rönickes kleines 100seitiges Heft plädiert dementsprechend für einen freien Umgang mit Sex und Liebe, bei dem alle Modelle des Liebeslebens erlaubt sein sollen. Doch das wirkt belehrend, weil das Büchlein didaktisch aufgebaut ist, Graphiken genauso enthält wie erläuternde Bilder und hervorgehobene Kästen mit Thesen. Wer aber soll im Stile Oswald Kolles heute noch aufgeklärt werden? Insofern kann man auf dieses Buch auch verzichten, wiewohl man selbst im sexuell aufgeklärten Zeitalter auch noch die eine oder andere Neuigkeit erfährt.
Davon hebt sich das Buch von Witt wohltuend ab. Future Sex ist ein sehr kluges Buch mit brillanten Einsichten und geringerem pornographischen Charakter als M. Es reflektiert die Lage von Witts Generation und zwar aus sehr subjektiver, autobiographischer Perspektive. Sexuell eher zurückhaltend sucht sie in einer freizügigen Welt zwar immer noch nach jenem Mann, mit dem sie eine Familie gründen kann. Doch sie muss sich arrangieren: „Mittlerweile suchte ich Sex, auch wenn er nirgendwohin führen würde. Ich sah ihn als Möglichkeit, Menschen näherzukommen, die mich faszinierten. Die ich besser verstehen wollte.“ (199) So schickt sie sich in die Polyamorie, aber eher weil sie für eine Monogamie keinen Partner findet. Am Ende reflektiert sie darüber, ob sie selbst nur nicht attraktiv genug ist, oder ob es sich bei ihrer Lage um den Sex der Zukunft handelt.
Das klingt bei M härter: „Das getrocknete Sperma auf dem hellgelben Laminat, der feuchtwarme, fremde Geruch an deinen Handflächen. Dieser Moment war für mich immer einer der wenigen, in denen ich das Gefühl hatte, bei mir zu sein. Die Scham, die Gier, die Angst gehören zu einem Skript, das für mich geschrieben wurde.“ (33) Und eben auch der Traum traditioneller Zweisamkeit, der wahrscheinlich die Scham und die Angst speist, über die man sich ansonsten eher wundern darf.