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Zu: Angela Steidele, Anne Lister – eine erotische Biographie, Berlin 2017, Matthes & Seitz, Hardcover gebunden, 328 S., € 28

Weder der Adel der frühen Neuzeit noch  zuvor der mittelalterliche Katholizismus hielten sich an die Regeln der christlichen Sexualethik, predigten die Kirchenväter dagegen noch die Tugenden der Jungfräulichkeit – damit war man fast schon heilig – oder der Enthaltsamkeit – und alles nur, weil Adam mal gegen die paradiesischen Ernährungsregeln verstieß, die daher wohl nicht so paradiesisch gewesen sein können.

Erst der Protestantismus und die Aufklärung des 18. Jahrhunderts vertreten nach den Kirchenvätern eine rigide Monogamie, bei der Liebe mit Treue verbunden wird und über den Sex musste man weiterhin schweigen. Nur Mediziner, Juristen und Polizisten wollten darüber alles wissen, schließlich musste die Bevölkerung gehegt und gepflegt werden.
Die englische Adlige Anne Lister (1791-1840), über die Angela Steidele eine erotische Biographie geschrieben hat, verlängert dagegen die mangelhafte Sexualmoral des Adels freilich auf lesbischen Pfaden tief ins prüde 19. Jahrhundert hinein. Sie will nicht nur alles wissen, vor allem schreibt sie alles in ihrem Tagebuch auf zi-tausend Seiten auf, gerade auch sexuelle Beschäftigungen.
Man könnte sie daher als einen weiblichen Marquis de Sade bezeichnen. Der Unterschied ist nur, dass de Sade primär verrät, was seine Zeitgenossen außerhalb der Üblichkeiten im Geheimen abgelegener Örtlichkeiten oder in Bordellen trieben. Die Verstrickungen der Vorfahren mussten noch die Nachfahren verdrängen und dem Marquis in die Schuhe schieben. Dagegen handelt es sich bei Anne Lister um alltäglichen lesbischen Gebrauch der Lüste, was aber die Tagebücher umso interessanter als Dokumente weiblichen Begehrens macht, was in solcher Form zuvor nicht aufgeschrieben wurde. Aber der spätere Umgang mit Lister unterscheidet sich nicht so sehr von dem mit dem Marquis.
Denn für den Fall, dass ihre Tagebücher in falsche Hände geraten würden, entwickelte Lister einen Code, der sich indes entschlüsseln ließ. Doch die ungeheuerlichen sexuellen Inhalte stießen auf die Vorbehalte der Decodierer, die noch in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts just die Beschreibungen von sexuellen Praktiken übergingen. So schreibt Steidele: „Am 4. und 5. Juni schrieb Anne länger chiffriert über Sibella, am 7. abermals fünf Zeilen, und vom 16. bis 29. Juni ausführliche Passagen, die Phyllis Ramsden nicht paraphrasiert wiedergab, sondern mit ‚persönlich‘ bzw. ‚von keinem Interesse‘ abkürzte. Was sie damit meinte, erläuterte Ramsden 1970 unfreiwillig in einem Aufsatz über Anne Lister: Alles, was Anne in Geheimschrift geschrieben habe, sei ‚von keinerlei historischem Interesse‘ und ‚unerträglich öde für heutige Leser‘. (. . .)Mit ‚persönlich‘ bezeichnete Ramsden Äußerungen von Anne Listers lesbischem Begehren und ‚von keinerlei Interesse‘ bedeutet die dezidierte Wiedergabe von Geschlechtsverkehr.“ (161) Das bezeugt jene verklemmte Prüderie und tumbe Scham, die Sexualität in welcher Form auch immer unterdrückte und natürlich auch noch heute im Zeitalter diverser Emanzipationsbewegungen, die für einen freien Gebrauch der Lüste eintreten in welcher Form auch immer.
Allerdings darf man Steidele einen ähnlichen Vorwurf machen. Sie kritisiert Lister, dass sie in ihren letzten Lebensjahren bei ihrem stundenlangen Tagebuchschreiben jegliches Urteilsvermögen darüber vermissen lässt, was erwähnenswert ist. Anstatt ausführlich gerade auf die sexuellen Details einzugehen, werden diese von Steidele gleichfalls immer nur kurz behandelt – sie wären gerade im Vergleich zu de Sade interessant gewesen. Stattdessen verliert sich Steidele wie Lister häufig in belanglosen biographischen Details.
Trotzdem dokumentiert die Biographie das lesbische Begehren, das wie de Sade an die libertäre Sexualität des Adels der vorhergehenden Jahrhunderte anschließt. Allerdings wurde darüber weder geredet noch sich entsprechend öffentlich benommen. Außerdem waren die adligen Gattinnen einer erheblich strengeren Ehemoral unterworfen als ihre Gatten.
Fast schon wie noch die öffentlichen Bekenntnisse im 20. Jahrhundert versteckt Anne Lister ihre Oddities, ihre Sonderlichkeiten, in der Öffentlichkeit keineswegs, so dass sie natürlich unter Anfeindungen leidet. „Gegen Ende des Jahres 1819 häuften sich diese anonymen Briefe und Anne stellte sich auf einen tätlichen Angriff ein, etwa einen Vergewaltigungsversuch auf einem ihrer langen Spaziergänge. ‚Ich werde mir jedenfalls keine Angst einjagen lassen.    (. . .) Er ist nur ein kleiner Kerl und ich denke, ich könnte ihn niederstrecken, sollte er mich anfassen.‘“ (80)
Mit ihrer letzten Geliebten Ann Walker lebte sie öffentlich als Paar zusammen. „Obwohl anonyme Heiratsanzeigen Captain Tom Lister und Ann Walker der Lächerlichkeit preisgaben, legten die beiden feierlich den Grundstein zum Northgate Hotel, für Gäste als Paar erkennbar: ein emanzipatorischer Meilenstein in der Geschichte Frauen liebender Frauen.“ (296)
Die lesbische Liebe einer Anne Lister stützt sich auch nicht auf Demut. Lister hat kein schlechtes Gewissen, sondern entwickelt eine der sieben christlichen Todsünden nämlich den Stolz, der natürlich gerade dann um so wichtiger wird, wenn Unterdrücktes ins Licht der Öffentlichkeit treten und die Stimme zu erheben versuchen, also wenn unterschiedliche sexuelle Orientierungen sich emanzipieren wollen. So schreibt Steidele: „Mehr als Anne Listers verblüffend offene Rede über ihre Lust gefiel mir ihre Selbstgewissheit: Auch sie war Gottes Schöpfung, ihr Begehren Ausdruck ihrer Natur, und damit gut. Kein lesbischer Selbsthass, keine Verzweiflung, keine Tränen, kein Strick. Dafür eine frühe Form von gay pride: Ann Lister versteckte ihr Anderssein nicht, sie kokettierte damit.“ (296)
Um diese Andersheit leben zu können, um sexuelle Praktiken rein lust- und nicht nachwuchsorientiert leben zu können, dazu ist Bildung notwendig. Das erklärt bereits der Gründer des Hedonismus, Aristipp von Kyrene. Das gilt auch für seine Zeitgenossen – so Michel Foucault – für die, um die Lüste so erregend wie vielfältig zu gebrauchen, neben Wissen um sexuelle Praktiken auch Selbstdisziplin notwendig war, nicht um sich einem christlichen Regelwerk zu unterwerfen, sondern um die Lüste zu steigern. In diese Tradition kann man auch Anne Lister stellen, die nach Foucault ja heute in gewisser Hinsicht wiederkehrt, weil es mehr Spielräume für diverse sexuelle Praktiken gibt, so dass man für die Gestaltung seines sexuellen Lebens erheblich größere Spielräume hat als im 19. Jahrhundert.
Anne Lister braucht Bildung, um sich über sexuelle Praktiken zu informieren. So schreibt Steidele: „Da zeitgenössische Übersetzungen Obszönes zensierten, blieb Anne gar nichts anderes übrig, als sich die antike Dichtung im Original anzueignen.“ (20) Wer sich sexuell emanzipieren wollte, musste Griechisch und Latein können. Kein Wunder wenn Marxisten zur Prüderie neigen, geht es ihnen nicht um wilden Sex, sondern um die Befreiung des Proletariats. Deshalb wollen die Taliban die Mädchen ja gleich gar nicht in die Schule lassen.
Und man soll sich darüber nicht eurozentrisch erheben. Denn zu Zeiten von Anne Lister dachten viele gar nicht so anders als die Taliban. „Fichte brachte die Sache auf den Punkt: ‚Im unverdorbenen Weibe äußert sich kein Geschlechtstrieb, und wohnt kein Geschlechtstrieb, sondern nur Liebe; und diese Liebe ist der Naturtrieb des Weibes, einen  Mann zu befriedigen. Es ist allerdings ein Trieb, der dringend seiner Befriedigung heischt: aber diese Befriedigung ist nicht die sinnliche Befriedigung des Weibes, sondern die des Mannes; für das Weib ist es nur Befriedigung des Herzens.‘ Anne Lister hätte über diese Behauptung ihres Zeitgenossen schallend gelacht.“ (300) Jene Gesellschaften in denen die weibliche Genitalverstümmelung üblich ist, sind schon schlauer als Fichte. Sie wissen um das weibliche Begehren und unterbinden es auf die grausamste Art und Weise, im Grunde die Taliban auch. Denn Bildung bringt Frauen nicht nur dazu, ökonomisch selbständig zu werden. Sie unterwerfen sich dann auch nicht mehr dem Diktat der Fortpflanzung, entdecken vielmehr ihr Begehren.
Im 19. Jahrhundert durfte über den Orgasmus in der Öffentlichkeit nicht geredet werden, schon gar nicht von Frauen. Deswegen verschlüsselt Anne Lister ihr Tagebuch. Denn sie geht dabei durchaus ins Detail: „Küsse bedeuten in Anne Listers Tagebüchern“, so Steidele, „also nicht nur Sex im Allgemeinen und Orgasmen im Besonderen, sondern sind teilweise wortwörtlich zu nehmen als Oralverkehr.“ (130) Damit redet Anne Lister konkret über Sex, den Orgasmus, das Begehren. So schreibt Anne Lister: „Um 12:15 gingen Mariana und ich nach oben. Fingen mit der Liebe an. Drang mit dem rechten Mittelfinger in sie ein. (. . .) Gab ihr einen guten Kuss und stieß sie nicht hart, nur rein und raus – kein Blut.  . . .  Ich habe die Aufgabe (‚the business‘) besser erledigt, als ich dachte und sie ist jetzt keine Jungfrau mehr, worüber wir beide sehr froh sind.“ (137)
Lister entbirgt eine Begehrensstruktur eines unersättlichen Begehrens, wie es Jacques Lacan analysiert. Don Juan gilt vielen als fehlgeleitet, als bindungsunfähig – als wenn das ein Makel wäre – und nicht einfach als die reine Figur des Begehrens, die dieses nicht unterdrückt, wie es die Monogamie fordert, damit die Ehe das sexuelle Begehren abtötet, wie es de Beauvoir schreibt. Insofern ist Lister Lacan nicht fern; denn Steidele schreibt: „Anne Lister wollte kein Mann sein, sondern ein weiblicher Don Giovanni.“ (299) Welcher vernünftige Mensch wäre das nicht gerne.
Dabei erweiterte Anne Lister dem eingekerkerten de Sade nicht so fern das Spektrum des Gebrauchs der Lüste. Man kann davon auch träumen und damit in Gedanken spielen, was durchaus das Begehren befördert. So schreibt Steidele: „Am Vorabend des prüden viktorianischen Zeitalters schuf sie ein dreistes Werk weiblicher Leiblichkeit. Die Freuden ihrer Lust und die Nöte ihrer Befriedigung prägten ihr Leben und damit ihr Tagebuch. Schreiben ersetzte, verlängerte oder erneuerte ihre Lust. Der Genuss des Liebesaktes wiederholte sich im Akt des Schreibens.“ (300) Damit antizipiert Lister auch diverse Technologien der Lüste, wie sie sich im 20. Jahrhundert ausgebreitet haben, von den Schmuddelheften Ende des 19. Jahrhunderts bis zum elektronisch von einem Pornofilm gesteuerten Vibrator, der selbstredend auch zum Analverkehr von Männern gebraucht werden kann.
Man könnte die Leidenschaft von untreuen Ehemännern auch im Stil von Anne Lister verstehen, über die Steidele schreibt: „Dass sie selbst neben Mariana stets ein bis drei Liebschaften hatte, ließ sie nicht an ihrer eigenen Beständigkeit zweifeln.“ (94) Man fühlt sich ja nicht von den eigenen Nebenbeziehungen bedroht. So schreibt Anne Lister: „Nichts ist praktischer und geräumiger als mein Herz. Es lässt neue Eindrücke zu, ohne die alten zu bedrängen oder zu inkommodieren, und alles behält seinen Platz.“ (24)
De Beauvoir und Sartre verabreden aus diesem Grund die offene Beziehung. Andere Menschen sexuell kennenzulernen, ist ein bereicherndes, höchst reizvolles Abenteuer. Das sah ihre Geliebte freilich ganz anders, als sie Anne Lister schrieb: „Ich werde dich doch nicht verlieren, mein Ehemann, oder? Oh, nein, nein. Du wirst, du kannst dein beständiges, treues und liebendes Weib nicht vergessen.“ (83) Doch wie kommentiert das Steidele: „Solche Besitzansprüche waren Anne seit jeher lästig.“ (ebd.) Ob Männlein oder Weiblein, wer drängelt, macht sich unattraktiv und hat damit fast schon verloren.
Ihre letzte Freundin Ann Walker, eine reiche bürgerliche, nimmt sie nur, weil sie keine junge Adlige mehr kriegt und weil sie für ihr umfängliches Anwesen dringend Geld braucht. Sie versucht sich sogar, sie übergehend direkt Zugang zu ihrem Geld zu verschaffen. Und natürlich geht es um die Erbschaft: „Doch Ann Walker (. . .) zeigte sich dieses Mal ‚ziemlich entschlossen mich zu nehmen und mir auf Lebenszeit alles zu hinterlassen, was sie besitzt. Darauf sagte ich, dann würde ich dasselbe tun.‘ Mit diesem Testamentsvorschlag ging Ann Walker einen großen Schritt auf Anne Lister zu. Die liebte und begehrte Ann zwar weniger denn je, brauchte aber ihr Geld dringender als zuvor.“ (207)
Anne Lister hinterging Ann Walker, mit der sie fast öffentlich zusammenlebte, im vollen Bewusstsein: „Tatsächlich war es Anne Lister, deren ‚Gendanken sich darum drehten, wieder frei zu sein.‘ Ann Walker dagegen ‚fürchtete, ‚ich könne ihrer müde werden und sie verlassen.‘ Dass Annes Worte und Taten nicht übereinstimmten konnte sie jedoch nicht übersehen. Mehr Zeit als mit ihr verbrachte Anne mit geschäftlicher und privater Post, vor allem jedoch mit ihrem Tagebuch. Annes Lebensprotokoll wurde in den 1830ern  zu einer Obsession.“ (227) Dabei verheimlicht Lister Walker, dass sie eigentlich Bankrott ist.
Außerdem zwingt sie Ann Walker auf abenteuerliche Reisen. Ihre letzte führt mit mehreren Kutschen im Winter nach Moskau und weiter über die zugefrorene Wolga – ihre Kutsche bricht im Eis mal ein – in den Kaukasus, in dem nicht nur Winter herrscht, sondern Krieg, versucht das zaristische Russland gerade die kaukasischen Völker zu unterwerfen. Sie gelangen wirklich auf die Südseite, wo sich Lister im Frühjahr eine Krankheit holt, an der sie stirbt. Sie nimmt ihrer Freundin noch das Versprechen ab, ihren Leichnam nach Halifax zu bringen, was Anne Walker ein Jahr kostet, um zuhause zu erleben, wie sehr Anne Lister sie ökonomisch hintergangen hat.
Psychisch übersteht sie das nicht. Steidele schreibt: „Im Irrenhaus muss Ann Walker Eliza Raine begegnet sein, die noch bis 1860 lebte. Die erste und die letzte Geliebte von Anne Lister wurden für verrückt erklärt.“ Dass die erste Geliebte für verrückt erklärt wurde, dazu hatte Anne Lister wesentlich beigetragen, wie auch bei einer weiteren Geliebten, die sie loswerden wollte. Steidele schreibt: „Anne hatte ein persönliches Interesse daran, Eliza für unmündig erklären zu lassen. Aus dem Mund einer Wahnsinnigen hätte jedes Bekenntnis über ihr früheres Verhältnis weniger Gewicht gehabt.“ (59) So fördert sie, dass zweimal verstoßene Geliebte entmündigt wurden, damit sie ihr nicht gefährlich werden konnten.
Was man sich während der Lektüre zunehmend denkt, das bringt Steidele kurz vor Ende des Buches auf den Punkt: „Bei alldem war Anne Lister ein Scheusal. Auch das musste ich erkennen wie alle Ihre Liebhaberinnen und kam doch nicht von ihr los. Zu reizend war der Sex in altertümlicher Sprache.“ (296)
Insofern unterscheidet sich Anne Lister denn auch von de Sade, der als Revolutionsrichter seine Schwiegermutter, die ihm 11 Jahre Gefängnis eingebrockt hatte und die ihn dort sterben sehen wollte, vor der Guillotine bewahrte. Verglichen mit Lister war de Sade wirklich ein guter Mensch. Aber man sollte nun auch nicht den Stab über Anne Lister brechen. Sie stand mit ihrem Begehren schließlich unter dem Druck einer ihr feindlich gesonnen Gesellschaft, die sie schnell ins Irrenhaus abgeschoben hätte, wenn sie von Gespielinnen verraten worden wäre. Das war gängige Praxis im Europa des prüden 19. Jahrhunderts. Vor allem bleibt Anne Lister eine wichtige Zeugin weiblichen Begehrens und sexueller Praktiken. Man liest ja auch Heidegger, obwohl dieser lange Jahre ein Nazi war, also braver Untertan eines Terror-Regimes.