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Peter Trawny, Philosophie der Liebe, Frankfurt/M. 2019, S. Fischer, hardcover, 270 S., € 22

Auf die gegenwärtig durchaus häufig gestellte Frage ‚Was ist Liebe?‘ gibt Peter Trawny ziemlich klare Antworten, so klare, dass es manchmal verwundert. Die heutige soziale Situation ist für ihn jedenfalls von einem Zerfall und Verlust der Liebe geprägt, klinkt er sich damit in den Chor all jener ein, die seit über 100 Jahren einen Niedergang moralischer Orientierungen und überhaupt den Verlust sittlicher Werte beklagen.


Verantwortlich dafür sind die Achtundsechziger, die Emanzipation der Frau, der Konsum, der Kapitalismus und die Idee der Freiheit, wie sie vom Liberalismus entwickelt wurde – den Existentialismus übergeht Trawny. Wie viele andere Publizisten – z.B. die Apokalyptiker Yuval Noah Harari, Peter Sloterdijk, Paul Mason oder Bruno Latour – prophezeit er Liberalismus und Hedonismus den Untergang – der Wunsch ist hier zweifellos Vater des Gedankens: „Überhaupt fordert der Liberalismus seinen Tribut: Alle bestehen darauf, unabhängig zu sein – für den Anderen da zu sein gilt als Schwäche. Überall nur Verletzung und Rückzug! (. . .) Die Liebe befindet sich im Zustand einer tiefen Erschöpfung, weil die Gesellschaft sich in einer solchen befindet.“ (63) Und just deswegen vermag die heutige Politik immer weniger zu überzeugen – man denke an eine verbreitete Kritik von links wie von rechts am Establishment oder den sogenannten Altparteien.

Denn Liebe lässt sich für Trawny nicht mit Freiheit verbinden. Die Freiheit zerstört die Liebe, sie ist strukturell ‚liebelos‘. Die freie Liebe verwirklicht die selbstzerstörerische Neigung des Kapitalismus, die beide gleichermaßen Körper nur ausbeuten, entweder um der eigenen Lust oder um des Geschäftes willen. Sie kategorisieren Körper nämlich nach der Qualität, ‚fuckable‘ zu sein. Das Internet und diverse Liebestechnologien haben diese Entwicklung weiter beschleunigt. Sie bieten den flüchtigen One-Night-Stand, der Bindung überflüssig machen soll. Selbst wo sie mit Bindung winken, realisieren sie letztlich nur eine egoistische Flexibilität, durch die man sich die Liebe leicht machen möchte, die man schnell konsumiert, auf die man vor allem nicht mehr warten muss und die man auch jederzeit austauschen kann.

Man darf aber auch gegen die ähnlich denkende Eva Illouz fragen, auf die sich Trawny explizit bezieht, warum man sich Liebe schwer machen soll, warum man auf Freiheit verzichten soll? Nun weil Liebe für Trawny heißt, „ jede Art von Liebe: erotische Liebe, Kinderliebe, Elternliebe, Nächstenliebe – ist Demütigung, Selbstdemütigung, auch gedemütigt zu werden, Demütigung der Freiheit.“ (189) Dagegen ist man in Liebesdingen nicht mehr bereit, sich vorbehaltlos hinzugeben und bedingungslos Verantwortung für den und die Anderen zu übernehmen.

Dabei kann sich die Liebe unter der Bedingung der Freiheit nicht realisieren, wenn man Karriere, eigene Interessen, womöglich andere Liebesbeziehungen über eine sich absolut bindende Liebe stellt, wenn man nicht vorbehaltlos bereit ist, sein Leben mit einer einzigen geliebten Person zu teilen. So insistiert Trawny vielmehr darauf, dass „eine bestimmt Art des Denkens nur scheinbar liebesfähig, ja liebessüchtig ist: Es ist die fix gewordene Idee, dass der Mensch, das Individuum, prinzipiell emanzipiert sein soll.“ (255) Die sexuelle Befreiung der sechziger Jahre hatte also schlicht nichts mit Liebe zu tun. Hier kann man ihm wahrscheinlich sogar zustimmen. Denn mit Trawnys Liebe haben mehr oder weniger offene erotische Beziehungen, Sexyness, ein spielerischer Umgang, eine Leichtigkeit des Seins oder bereits Gottfried Kellers liebeskluge Judith aus seinem Roman Der grüne Heinrich (1854) wenig zu tun. Von diesem traditionellen Liebesverständnis – Liebe als Zwangsinstitution – wollten sich seit dem 19. Jahrhundert viele befreien. Dabei wird einfach von anderen Dingen gesprochen bzw. wird das Wort Liebe unterschiedlich verwendet.

Mit Liebeserklärungen wird sicher auch heute nicht gegeizt, aber sie sind nicht mehr ernst gemeint, ja sie werden womöglich nur als Ironie verstanden, kann man heute keine direkt Erklärung ‚Ich liebe Dich‘ mehr abgeben, kann man höchstens sagen, dergleichen hätte Clawdia Chauchat aus Thomas Manns Zauberberg (1924) bei unpassender Gelegenheit und somit auch schon ironisch gebrochen zum Ausdruck gebracht. Dagegen interveniert Trawny: „ Der Satz ‚Ich liebe Dich‘ ist als Aussage also beinahe eine Handlung. Jedenfalls übernimmt der oder die ihn Sagende eine Verantwortung. Ohne Verantwortung ausgesprochen, wird nicht eigentlich der Satz, sondern die Liebe verraten. Er ist per se ernst gemeint; Witze können mit ihm nicht gemacht werden.“ (80) Doch, heute spielt man just mit diesem Satz als erotisierend beim Gebrauch der Lüste. Wer möchte diese Liebe nicht verraten? Für viele ist diese angeblich verantwortliche Liebe nur ein Machtanspruch, den anderen zu unterwerfen.

Damit zeigt sich Trawny sprachphilosophisch extrem unaufgeklärt. Was ‚Ich liebe dich‘ heißt, lässt sich in keiner Weise sprachlich festlegen. Das hängt vom Sprachspiel ab, das man gerade spielt. Damit kann man ganz was anderes sagen, genauso wie man diverse Liebesformen meinen kann. Und selbstredend kann Trawny nicht verbieten, dass man die Liebe ironisiert, ja sogar dass man sich über sie lustig macht und zwar just über die Liebe, die Trawny vorschwebt. Die Literatur ist voll davon. Hat er nie Woody Allens Ehemänner und Ehefrauen (USA 1992) gesehen? Trawny möchte offenbar vor die Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts zurück, also in die Metaphysik.

Die Liebeserklärung ist dagegen für Trawny zugleich ein Bekenntnis, sich vorbehaltlos mit der geliebten Person zu verbinden. Dagegen „kenne ich Gründe, die wichtiger sind als meine Liebe, muss ich die Geliebte verlassen. (. . .) Mein Leben ist mir wichtiger als Du. – Das ist keine Absage nur an eine bestimmte Liebesbeziehung mehr, es ist ein Anschlag auf die Liebe überhaupt.“ (254) Also alle, die sich nicht hingeben, lieben nicht, zerstören die Liebe sogar. Allerdings, denn derjenige lässt diese Liebesillusion von der Einzigen einfach auf.

Nein, nicht mal das, zumindest wenn er sprachphilosophisch aufgeklärt ist, was Trawny offenbar abgeht. Für ihn gibt es noch Sätze mit einzigen richtigen Bedeutungen. Nur gibt es die nur, wenn die Macht aus den Gewehrläufen kommt. Sprachregelung hieß das mal. Ansonsten kann man mit dem Satz ‚Ich liebe dich‘ wirklich machen, was man will. Er hat nur die Bedeutung, die sich aus dem Gebrauch ergibt, zu dem mindestens zwei gehören, bleibt der zweite auch hypothetisch. Insofern ist es schlicht Unsinn zu behaupten, ‚Ich liebe dich‘ hätte eine feste Bedeutung. Trawny sollte einfach mal hinschauen, wie das Wort verwendet wird und andererseits erkennen, dass er nicht über die Gewehrläufe verfügt, um seine Sprachregelung durchzusetzen, nach der ‚Ich liebe dich‘ heißt: „Ti voglio al più presto sposar“, des weiteren in den Kindern aufgehen und den Tod scheiden lassen. Oder anders formuliert, Trawnys Bestimmungen können nicht mal normative Ansprüche erfüllen.

Aber selbstredend – so Trawny päpstlich – wer sich nicht hingibt, der liebt nicht nur nicht, der lebt auch gar nicht, der vertut seine Zeit, erkennt nicht, dass man auf alles verzichten kann, nur nicht auf die Liebe, dass man als Mensch nach dem Glück der Liebe streben muss, in dem die familiäre Liebe wie die Nächstenliebe sich vereinen.

Mal abgesehen davon, dass solche Bemerkungen reichlich diskriminierend erscheinen, hat Trawny Recht: Aufgeklärte, mündige, emanzipierte Bürgerinnen haben von Beziehungen ein anderes Verständnis, haben sie dergleichen Liebesverständnis des 19. Jahrhunderts hinter sich gelassen. Sie müssen sich nicht vormachen, es gäbe nur eine richtige Person für sie auf der Welt, der man sich dann auch noch völlig bedenkenlos hingeben müsste, um hinterher die eigenen Perspektiven geopfert zu haben. Denn es versteht sich keineswegs von selbst, dass eine Beziehung oder Kinder einen höheren Wert darstellen als alle anderweitigen Lebensentwürfe.

Überraschend aber heute schwer anders vermittelbar geht es Trawny zwar primär um die Seele, weil diese dauerhafter ist als der alternde Körper, gehört zur Liebe auch der Sex, aber eben nur unter der Bedingung der dauerhaften monogamen Ehe, die erstens ihren mythischen Ursprung an den Anfängen der Menschheitsgeschichte hat. Zweitens verbindet sich in religiöser Deutung die Ehe mit der Liebe. Warum man sich aber von mythischen oder religiösen Leitbildern leiten lassen soll, das versteht sich keineswegs von selbst. Dazu sind vielmehr konkurrierende kulturelle Orientierungen entstanden. Dass Natur ein Argument gegenüber der Kultur ist, darf man bestreiten. Man darf auch bezweifeln, dass sich im Mythos überhaupt das Liebesverständnis des 19. Jahrhunderts anzeigt. Hat die Ehe bei Ödipus oder Odysseus etwas mit monogamer romantischer Liebe zu tun? Er bleibt sieben Jahre bei Kalypso.

Die Rolle, die dabei für Trawny die Sexualität spielt, ist keineswegs über die Epochen hinweg immer dieselbe geblieben, greift er hier negativ auf Foucault zurück, nämlich falsch. Erst die Spätantike entwickelte die christliche Liebe, die sich vermutlich im Laufe des Frühmittelalters verbreitete, aber auch noch nichts mit der romantischen Liebe des 19. Jahrhunderts zu tun hatte. Der antike Gebrauch der Lüste (Foucault) unterscheidet sich vom christlichen Sündenbewusstsein und dem christlichen Code fundamental. Foucault möchte ersteren wiederbeleben als Ästhetisierung der Existenz, Trawny muss das als Untergang des Abendlandes erscheinen, nämlich als Untergang der christlichen Liebe, wie er sich aber in der Tat seit einem guten Jahrhundert in die Tat umsetzt.

Dagegen lobt Trawny explizit die christliche Sexualmoral, wenn er konstatiert: „Sex, wie wir ihn kennen, ist eine christliche Erfindung. In dieser Sicht sind das Verbot und die Ächtung kein Einwand, sondern eine ungeheuerliche Verschärfung. Der Genuss der Körper wurde durch das drohende Höllenfeuer angestachelt. Wer für eine ekstatische Nacht sein ganzes Leben aufs Spiel setzen muss, erfährt die frivole Berührung stärker.“ (179) Mag durchaus sein. Wie sang doch Wolf Biermann: „Was verboten ist, macht uns gerade scharf.“ Aber warum sollte man sich vom Höllenfeuer beeindrucken lassen, eher vom realen Scheiterhaufen, vom gesellschaftlichen Terror, dem man die Liebesnacht entringt, und der dann die Liebenden einfängt: Sie ist schwanger und muss ihn heiraten und umgekehrt – ein lange währender Terror, der sich erst in den letzten hundert Jahren in Luft auflöste: Man treibt einfach ab, verhütet schon vorher, oder erzieht allein. Wo ist das Problem. So dankt sich Trawny Sprachregelung des Wortes ‚Liebe‘ dem Terror. Das ist Sadomasochismus.

Nach Trawny aber opfert sich derjenige, der sich diesem Risiko aussetzt, denn auch der Geliebten – wenn dabei denn jemals mehr als Lust im Spiel war – und gibt ihr nicht nur alles hin, sondern übernimmt damit auch die ihm gesellschaftlich zugedachten Rollen als Eltern, nämlich die Verantwortung für den Nachwuchs: von da an schreit es, ist jede Form der Verführung aus und vorbei, herrscht nur noch die sexuelle Gewalt in der Ehe. Nein, die christliche Hölle hat den Sex nicht etwa spannend gemacht. Sie hat den Sex auf die Fortpflanzungsfunktion reduziert – was sich angesichts von Homosexualität und Sex im Alter keineswegs von selber versteht –und versucht mit dessen drohender Verlockung die jungen Menschen in soziale und religiöse Strukturen zu zwingen. Die Liebe, die Trawny propagiert, ist Manipulation und stützt sich nicht nur auf Gewalt, sondern ist die blanke Gewalt: die Liebe, die unterwirft, entmündigt, macht zum Untertan, der gerade keine Verantwortung mehr trägt, sondern blind die Befehle der liebenden Gewalt befolgt.

Aber für Trawny versteht es sich von selbst, dass Liebe nicht ohne Fruchtbarkeit, ohne Zeugung und Geburt geschieht. Trawny kann es sich zwar vorstellen, dass man Kinder zu bekommen vermeidet. Aber auch eine solche Liebe steht für ihn immer im Zeichen des sich versagten Kindes, der ‚nicht realisierten Fruchtbarkeit‘. Denn wenn man sich auf die Fruchtbarkeit einlässt, dann überwindet man strukturell ein ‚egozentrisches Freiheitsstreben‘. So fordert Trawny im Stile Nietzsches – aber schwerlich in dessen Sinn – dazu auf: „Zur Erde zurückkehren, zum Kind . . .“ (112) Ohne Kinder bleibt das Leben unerfüllt und unvollständig, ein bloßes ‚Provisorium‘. Vielen ist aber heute das Provisorium lieber, das die Liebe von der Gewalt und dem kindlichen Zwang befreit, die Kinder gegenüber den Eltern ausüben, um dann selber Opfer dieses Fruchtbarkeitswahnsinns zu werden. Und man muss ja nur ins 20. Jahrhundert blicken, auf welche Schlachtfelder die Fruchtbarkeit geführt hat.

Dann verwundert es auch nicht, wenn Trawny von der Mutter und der Mutterliebe schwärmt, die für Liebkosung, Versorgung und Verständnis steht und zwar in einer grenzenlosen Art und Weise. Aber um eine erotische Beziehung handelt es sich bei der Mutterliebe hoffentlich nicht: Entweder reduziert man mit Trawny Liebe auf die christliche Agape und die erotische Liebe ist eine einzuzäunende Abart, wenn sie nicht eigentlich ganz herausfällt. Oder Liebe kann ohne Sex gar nicht gedacht werden und dann gehört die Eltern-Kind-Beziehung so wenig wie die Nächstenliebe dazu.

Oder man überlässt den christlichen Traditionalisten das Wort von der Liebe, das gerade in Form von Eltern- und Nächstenliebe bevormundenden Charakter entfaltet und Emanzipation behindert – was ja nach Trawny der Sinn der Sache ist. Dann spricht man statt dessen lieber von emotionalem, gedankenvollem, verstehendem Sex, da Sex ja keineswegs nur eine sportliche Übung darstellt, zu der Sex am ehesten in der ehelichen Treue verkommt, wenn er bestenfalls zur Routine eilig zu erzeugender Orgasmen verkommt – die Kindchen könnten von lautem Stöhnen wachwerden – oder letztlich ganz eingestellt wird. Sie befriedigt sich beim Mittagsschlaf und er bei der Klo-Sitzung oder im Puff, so dass die Ehe den Sex definitiv verklemmt.

Aber Trawny sieht sich damit sicher zu Recht in Einklang mit dem Liebesverständnis in vielen Kulturkreisen jenseits von Westeuropa und Nordamerika. Denn dort beruht Liebe auf der Verbindung von Mann und Frau genauso wie auf der Selbstverständlichkeit von Vater und Mutter – über die Emanzipation der Homosexuellen verliert er kaum Worte. Und selbst in der unseren Welt möchten die meisten Menschen – so Trawny – noch genau unter diesen Bedingungen lieben und leben. Es fragt sich nur wer das ist? Vermutlich die Verlierer, die Unattraktiven, die über keine erotisch kommunikative Kompetenz verfügen, die sich an eine andere Person klammern aus Panik, diese könnte wieder verloren gehen. Diese Leute sind Trawnys Leittypen – die ersten im Himmelreich. Nur die Starken machen den Schwachen dieses Himmelreich gar nicht abspenstig.

Jedenfalls schiebt Trawny alle Emanzipationsbewegungen von Freuen, Homosexuellen oder Transgender etc. aus dem Fokus seiner Philosophie der Liebe. Damit reiht er sich in das traditionelle Verständnis von Liebe ein, wie es sich vor allem im militarisierten 19. Jahrhundert als Disziplinardispositiv entwickelt hat, als die Ehe der einzige legale Ort sexueller Praxis war. Dorthin möchten die US-amerikanische Christian Coalition, Teile der AfD, der christlich konservative Philosoph Alasdair MacIntyre, der Kulturwissenschaftler Norbert Bolz oder der verstorbene Mitherausgeber der FAZ Frank Schirrmacher zurück. Trawnys Liebe ist militärischer Drill.

An dieser Stelle deutet sich denn auch ein Übergang in die Politik an, verkörpert für Trawny der Kapitalismus das Patriarchat, das gleichermaßen die Natur und insbesondere das Klima zerstört, wie heute die Mutterliebe diskriminiert wird, wenn sich gerade emanzipierte Frauen dieser entziehen. Denn Mütter sind durch die Geburt der Natur schlicht näher. So sind Frauen heute vornehmlich die Vorkämpferinnen für Natur und Umwelt, die fordern, dass sich das moderne Leben fundamental wandelt. „Greta Thunberg, (. . .) weiß‘ deshalb so viel vom Zustand der Erde, weil sie dieser in ihrem Geschlecht näher ist, als es jeder junge oder gar ältere Mann je sein könnte.“ (217)

Allerdings darf man bezweifeln, dass man die Natur als ethische Orientierung anerkennen muss, was schließlich nur in naturalistische Fehlschlüsse führt. Auch Heilige und göttliche Wunder können den hermeneutischen Zirkel nicht aufbrechen. Technik und Ökonomie müssen mit der Natur geschickt umgehen, die mündige Bürgerin macht das schon seit den siebziger Jahren. Fridays for Future gibt dem neuen Schwung. Aber es gibt noch andere Interessen als die Natur, ein verstehender Sex beispielsweise, den Marquis de Sade als erster auf den Begriff bringt.

Trawny bestimmt Politik im Sinn eines reaktionären Kommunitarismus durch ein Primat des Allgemeinwohls gegenüber dem Wohl des Individuums und stellt sich auch damit jenseits der liberalen Demokratie wie einem emanzipatorischen Denken auf. Folglich verschiebt er die Ideen der Französischen Revolution, wenn er schreibt: „Der erste und der letzte Sinn von Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit ist – Liebe. Sie ist die eigentliche Revolution . . .“ (86) Ja, wenn denn das Wort nicht wie alle Worte arbiträr gebraucht werden könnte.

Offenbar will Trawny vor die Französische Revolution und vor die Demokratie zurück, beruft er sich schließlich auf den katholischen Ethiker Max Scheler, der von einer heiligen ‚Ordnung der Liebe‘ spricht, in der das Wort Liebe eine feste Bedeutung hat, und auf die anti-liberale Soziologin Eva Illouz, die für eine Rückkehr zu einer verpflichtenden Sexualethik plädiert, die der heute gängigen Auflösung von Ehen widerstreiten soll. Damit entspricht Trawny einem gewissen nationalen Trend in der Literatur über Liebe und Sexualität, ist das schließlich auch das Feld, in dem sich seit der letzten Jahrhundertmitte die meisten Veränderungen ergeben haben, möchten AfDler vor die Achtundsechziger, die Trumpianer nicht durch Zufall vor die Kennedy-Ära zurück, Trawny gar vor die Französische Revolution.