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Zu: Armand Marie Leroi, Die Lagune oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand, Darmstadt 2017, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Hardcover in Leinen, 67 Illustrationen schwarz weiß, 528 S., 38 €


Nach Platons Tod 348/47 hätte Aristoteles gerne die Leitung der Akademie übernommen. Aber er wurde ausgebootet. So verließ er Athen und wird erst 12 später mit Alexander zurückkehren, als sich Athen diesem unterwerfen muss. In der Zwischenzeit hält er sich zwei Jahre auf Lesbos auf und zwar lange am westlichen der beiden Fjordartigen Binnenseen, dem von Kalloni. Lesbos ist bis heute ein Biotop, umso mehr noch die Die Lagune von Kalloni.


Hier begründet Aristoteles die Naturwissenschaft, indem er sich intensiv mit der Tier- und Pflanzenwelt beschäftigt, unendlich viele Daten zusammenträgt und damit die Erfahrungswissenschaft begründet. Der am Londoner Imperial College lehrende, renommierte Evolutionsbiologe Armand Leroi bemerkt: „Aristoteles‘ Abhandlungen haben die Struktur, die Akademiker seither benutzen. Wie Bertrand Russell sagte, Aristoteles war der erste Mann, der schrieb wie ein Professor.“ (385)

Während Platon im Timaios einen Naturmythos in den Himmel der Ideen zeichnet, man sich ansonsten an der Akademie um das dialektische Argumentieren bemüht und sich der Schau der Ideen widmet, wendet sich Aristoteles – vielleicht auch berauscht von der Schönheit Der Lagune von Kalloni – der Natur und den Tatsachen zu. Niemand vor ihm hat das in dieser empirischen Weise getan; denn die vorsokratischen Naturphilosophen richten einen reflektierenden Blick auf das Ganze, Aristoteles geht dagegen ins Detail. „In jeder von Platons Geschichten“, schreibt Leroi, „steckt ein moralischer Stachel. Auf Platons unnatürlicher Teleologie errichtet Aristoteles eine funktionelle Biologie.“ (101)

Woher aber nahm Aristoteles seine vielen empirischen Daten? Einerseits betrieb er selbst Studien, die man teilweise mit Experimenten vergleichen kann. Andererseits befragte er jene, die mit Tieren und Pflanzen zu tun haben, die Fischer und die Bauern. Hier liegt auch eines seiner Probleme, haben sich viele dieser Daten als falsch herausgestellt. So konstatiert Leroi: „Das Problem ist, dass die Fischer die Natur nicht wirklich sorgfältig beobachten, da sie kein Wissen um des Wissens willen anstreben.“ (58)

Weil Aristoteles beispielsweise bei Austern und Aalen keine Fortpflanzungsorgane feststellen kann – bei den Austern hatte er sie schlicht übersehen, bei den Aalen bleiben sie noch fast 2000 Jahre ein Problem – übernimmt er die landläufige Meinung, dass sich zahlreiche Tiere nicht fortpflanzen, sondern sich den Umweltbedingungen verdanken, also Spontanentwickler sind. Leroi schreibt: „Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts hatte man die meisten Tiere von der Liste der Spontanentwickler gestrichen. Nicht alle, denn die parasitischen Würmer mit ihren undurchsichtig-komplexen Lebenszyklen standen immer noch darauf. Mikroben blieben bis zu Pasteurs Experimenten 1859 suspekt. In Nordeuropa hielt sich der Volksglaube an die spontane Entstehung des Aals bis zum Ende des 17. Jahrhunderts.“ (251)

Obwohl seine Naturlehre in den folgenden Jahrtausenden bis heute kaum noch Beachtung findet, ist für Leroi Aristoteles nicht bloß der erste Naturwissenschaftler, sondern auch der Begründer der Naturwissenschaften. Denn neben diesen ungeheuren Datenmengen entwickelt er zugleich theoretische Erklärungen. Er studiert den Körperbau, den Blutkreislauf, die Fortpflanzung, die Vererbung und den Lebensraum von Tieren und Pflanzen, womit sich die Biologie auch heute noch beschäftigt. Wenn diese seit Darwin dafür primär evolutionäre Erklärungen liefert, an die Aristoteles noch nicht denkt, so entwickelt dieser doch systematische Erklärungen, die der modernen Biologie nicht so fremd sind, mögen sie teilweise auch befremdlich klingen. So bemerkt Leroi: „Aristoteles‘ Überzeugung, dass der Kosmos durch Ziele oder Zwecke erklärt werden muss, hat er als junger Mensch bei Platon gelernt.“ (99) Aber auf die Teleologie kann auch die moderne Biologie nicht völlig verzichten.

Aristoteles attestiert Tieren ein teleologisches Lebensprinzip, das er Seele nennt, die aber für das Funktionieren und damit Überleben sorgt. Diese Seele wird auch von keinem Schöpfer einem Lebewesen eingegeben, sondern sie wird fortgepflanzt. „Seelen – damit meinte er Kontrollsysteme von einer ausreichenden Komplexität, um zielgerichtetes Verhalten zu zeigen.“ (196) So versammelt Aristoteles bereits die wesentlichen Elemente für die Evolution. Daher hat die moderne Biologie nach Leroi Aristoteles endlich eingeholt, auch wenn kaum ein Biologe Aristoteles je gelesen hat.

Wenn Aristoteles Naturzusammenhänge beschreibt, dann spricht er von Kreisläufen, und nicht nur von Zielen und Zwecken. Er hat mit seinen Erklärungsmustern nach Leroi die Bedingungen für Kausalbeziehungen bestimmt. Die Naturwissenschaft, die sich mit Naturgeschehen beschäftigt und nicht mit Mathematik, kann wie Aristoteles auch heute immer nur von einer zur Zeit besten Erklärung sprechen, mehr nicht. Auch sie verfügt über keine rein empirischen Fakten, die von Theorien unabhängig wären. So schreibt Leroi: „Die moderne Wissenschaft beruht nicht weniger auf grundlegenden Axiomen als die aristotelische Wissenschaft und die Wissenschaftler begründen sie überwiegend mit der Tatsache, dass sie funktionieren. Aber Aristoteles konnte seine Annahmen kaum verteidigen, wie ein moderner Wissenschaftler es kann, in dem er etwa ein Licht einschaltet.“ (143)

Die heutigen Biologen arbeiten mit einer DNA-Datenbank, von der bekannt ist, dass sie viele Fehler enthält. Natürlich wird alles soweit wie möglich geprüft. Am Ende aber hoffen sie, dass sich im Gesamtergebnis etwaige Fehler nicht entscheidend auswirken. Nicht viel anders arbeitete nach Leroi auch Aristoteles. Denn jede Naturwissenschaft steht vor dem Problem, eine Ordnung erzeugen zu wollen. Doch „die Hierarchie der Natur ist nicht ordentlich, genau genommen ist sie ein einziges Chaos.“ (127)

Trotzdem bleibt für Leroi die Stunde Null der Biologie das Jahr 1859, als Darwin sein Werk Über die Entstehung der Arten veröffentlichte. Wie schreibt doch Leroi: „Die Evolution unterfüttert all unsere Theorien und erklärt all unsere Beobachtungen. Wir sehen sie überall bei der Arbeit. Wir sind dazu gezüchtet, wie Greyhounds zum Rennen.“ (296) Aristoteles scheint Darwin extrem fern, wenn man an manche seiner Erklärungen denkt, wie jene, dass ein starkes Sperma normalerweise einen Jungen zeugt, Mädchen dann, wenn das Sperma schwächelt. Aber just mit dieser Theorie fordert Leroi Darwin heraus: „Hätte er Darwin kennengelernt, hätte er ihn – zu Recht – gefragt: ‚Wo sind denn diese ‚günstigen Variationen‘, von denen du sprichst? Wenn das Sperma eines Vaters den Embryo nicht richtig verkocht, sehe ich nur Tod, Deformitäten oder im besten Fall ein Mädchen.‘ Darwin hätte darauf keine Antwort gehabt. Zum Glück haben seine Nachfolger eine gefunden – wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten.“ (313)

Einen Aspekt erwähnt Leroi nur nebenbei: Aristoteles interessiert sich nämlich nicht für das Individuum. Damit hat er den wissenschaftlichen Geist nachhaltig geprägt, gerade den der modernen Naturwissenschaften. Bei Darwin deutet sich dagegen eine Wende an, wenn die Individuen die Träger der Evolution sind. Dass sich in dieser Hinsicht der Blickwinkel generell ändern würde, ist indes höchstens ansatzweise zu spüren. Noch immer glauben die meisten, man könnte staatlicherseits die Untertanen in die richtige Richtung lenken. Es könnte aber sein, dass sich die evolutionär beste Richtung daraus ergibt, dass jeder macht, was er will.

Bei den politischen Wissenschaften erscheint Aristoteles dagegen ambivalent. Denn Leroi konstatiert zwar einerseits: „Die Politik ist gezwungenermaßen Politikwissenschaft geschrieben von einem Biologen.“ (339) Aber während viele politische Philosophen vom politischen Körper im Sinn eines biologischen sprechen, allen voran Rousseau, so gilt das nach Leroi für Aristoteles gerade nicht. Der Biologe sieht den Unterschied zwischen biologischem Körper und der Polis. Mit der Medizin oder der Biologie erfasst man nur einen engen und speziellen Blickwinkel auf die Gesellschaft. Das könnte fatale Folgen haben.