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Zu: Volker Reinhardt, Leonardo da Vinci – Das Auge der Welt – Eine Biographie, München 2018, C.H. Beck, 383 Seiten, mit 111 farbigen Abbildungen und einer Karte, hardcover, € 28.

Michelangelo und Leonardo gelten als die Prototypen des Künstlers im Allgemeinen und des Renaissance-Künstlers im Besonderen. Leonardo wird dabei auch von christlicher Seite gerne vereinnahmt. Obendrein kennt fast jeder das Gemälde, das es „seit etwa einem Jahrhundert als ‚Mona Lisa‘ zu dem Ruhm gebracht hat, das berühmteste Kunstwerk der Menschheit zu sein“ (241), so der Fribourger Historiker Volker Reinhardt, der unter anderem 2014 eine herausragende Biographie über Marquis de Sade veröffentlichte.


In seiner neuen Leonardo-Biographie erhebt Reinhardt dabei den Anspruch mit den diversen Mythen aufzuräumen, die sich entweder um Leonardo oder um einzelne Werke ranken. Indem er ihn aus seiner Zeit heraus versteht, möchte er ein adäquateres Verständnis entwickeln, als es bisher in der Leonardo-Literatur vorherrscht, die zumeist bestimmte Aspekte einseitig betonte und häufig nicht genau nachschaute.

Die christliche Interpretation stützt sich dabei primär auf Leonardos monumentales Wandgemälde ‚Das letzte Abendmahl‘, das der angebliche Überkünstler weder vollendete noch ordentlich bearbeitete – wie viele seiner Werke –, so dass es bereits zu seinen Lebzeiten zu verblassen begann. Reinhardt dementiert auch dessen religiösen Sinn. Nicht nur dass damals übliche Heiligenscheine fehlen, die er auch an anderer Stelle wegließ, wo sie hingehörten. „Was der Betrachter des Jahres 1498 sah und was ein halbes Jahrtausend später halb zu erkennen, halb zu ahnen ist, ist ein rein menschliches Schauspiel, das als solches Teil der Natur ist. Durch diese Umwertung hat Leonardo das traditionelle Thema des letzten Abendmahls revolutioniert.“ (134)

Das Gemälde ‚Die heilige Anna selbdritt‘, das im letzten Lebensjahrzehnt vor seinem Tod 1519 in Amboise entsteht, zeigt, wie das Jesuskind ca. im Trotzalter recht realistisch einem Lamm gerade das Genick bricht, was die Mutter Maria und die Großmutter Anna nicht zu stören scheint. Ein spätes Gemälde zeigt Johannes den Täufer hoch sinnlich und homoerotisch – Leonardo war schwul –, ein anderes so skandalös nackt, das es einige Jahrzehnte später der Zensur zum Opfer fiel und der Nackte ein Höschen und einen anderen Namen bekam, nämlich ‚Bacchus, Bilder die man beide im Louvre sehen kann. Und in einem seiner zahllosen Texte schreibt Leonardo: „Es kann keine Stimme geben, wo es nicht Bewegung gibt und wo die Luft nicht durchstoßen wird; die Luft kann nicht durchstoßen werden, wo es kein Instrument dafür gibt; körperlose Instrumente aber gibt es nicht. Da das so ist, kann ein Geist weder Stimme noch Gestalt noch Kraft haben, und wenn er einen Körper annimmt, kann er nirgendwo eindringen, wo die Tore geschlossen sind.“ (zit. 163) Also braucht der Heilige Geist einen Kehlkopf.

Genauso wenig wie als christlicher Künstler lässt sich der 1452 geborene uneheliche Sohn eines Notars nach Reinhardt auch nicht als typischer Renaissance-Künstler bezeichnen. Vom zeitgenössischen Humanismus trennt ihn seine mangelnde Bildung, beherrscht er kein höheres Latein, weil ihm sein Vater keine höhere Bildung zukommen ließ und ihn vielmehr in eine Lehre bei einem Handwerker bzw. Künstler steckte. Zeitlebens distanzierte er sich von den Dichtern wie Petrarca oder den Denkern wie Marsilio Ficino. Er begreift den Menschen auch nicht als Krone der Schöpfung, auch nicht als Herr der Natur, sondern als deren Teil. Die ethisch humanistischen Bemühungen seiner Zeit müssen daher scheitern. So schreibt Reinhardt: „Was die Menschen Liebe nennen, ist in Wirklichkeit die immergleiche Schmierenkomödie der Natur. Damit werden auch die moralischen Kategorien zweifelhaft: Mutterliebe erzeugt Monster, aus Güte geht Zerstörung hervor.“ (272) Er diente zwar in Florenz, Mailand, Rom und Frankreich verschiedenen politischen Herren, hielt sich aus der Politik aber heraus. Was sollte er da auch. Da gab es nichts zu ändern.

Obwohl er intensive Naturforschungen betrieb und unzählige Zeichnungen anfertigte, kann man ihn nach Reinhard trotzdem nicht als Wegbereiter der modernen Naturwissenschaften betrachten, wie es gerne geschieht. Mit der Mathematik wollte er nur zählen, nicht prognostizieren. „‘Mathematik‘ ist für ihn letztlich ein Synonym für präzise Bestandsaufnahme, die Ableitung von allgemeinen Gesetzmäßigkeiten war darin nicht eingeschlossen.“ (84)

Wenn er sich technische Geräte ausdachte und zeichnete, einen Hubschrauber oder ein Fahrrad z.B., ging es ihm nicht um die Anwendung. Die Alchimisten seiner Zeit hielt er denn auch für Quacksalber. Er wusste, dass der Mensch nicht die Muskelkraft haben würde, sich in die Lüfte zu erheben. Diese ‚Erfindungen‘ dienten nur dazu, den Menschen im Kontext von Naturprozessen zu verstehen.

Auf Grund seiner Naturstudien – versteinerte Muscheln im Hochgebirge – schienen ihm sintflutartige Überschwemmungen keineswegs abwegig. Aber sie würden vor allem den Menschen betreffen, nicht die Natur als Ganzes. So wird der Mensch aus der Natur irgendwann verschwinden. An ökologische Gleichgewichte, so Reinhardt, dachte Leonardo nicht, im Gegenteil: „Für ihn braucht die Erde Schutz vor dem Menschen, der sie in seinem krankhaften Größenwahn zerstört, während für seine Zeitgenossen umgekehrt der Mensch den Urgewalten der Natur ausgeliefert war und sie zähmen musste. Doch die Natur zu idyllisieren war nicht Leonardos Sache.“ (170)

Trotzdem will Reinhardt Leonardo nicht aus dem damals hoch aktuellen apokalyptischen Denken heraus interpretieren, wiewohl er gewisse Bezüge herstellt. Doch Leonardo denkt nach Reinhardt eben nicht aus dem christlichen Horizont. Aber offenbar hat ihn diese Mystik massiv inspiriert, die auch gerade in der Malerei seiner Zeit eminent verbreitet war. So mag Leonardo nicht direkt die modernen Naturwissenschaften auf den Weg gebracht haben. Aber er könnte – und das übersieht Reinhardt – wesentlich dazu beigetragen haben, da das apokalyptische Denken aus dem christlichen Denken seit der Aufklärung weitgehend verschwand, in den Naturwissenschaften aber umso intensiver bis heute wiederkehrte. Auch Reinhardt gesteht zu: „Der Maler-Philosoph, der seine Aufgabe ernst nimmt, hat diesen Untergang nach bestem Wissen und Gewissen bis zum Schluss zu dokumentieren, als wahrhafter Chronist der Natur und ihrer Geschichte.“ (319)

Leonardo suchte bei seinen Naturstudien nicht wie die modernen Naturwissenschaften nach inneren Zusammenhängen, sondern er betrachtete allein die äußere Erscheinung. Das hatte natürlich mit seiner Haupttätigkeit als Maler zu tun. Er entwickelt er eine fleißig rezipierte Theorie der Malerei und versuchte sehr genaue Zeichnungen und Bilder zu schaffen. Nicht nur dass er glaubte, dass die Malerei die Natur genau wiedergibt. Reinhardt: „Malerei ist die einzig wahre Philosophie und Wissenschaft der Natur. Die Natur hat die Dinge hervorgebracht, aus denen die Malerei entstand.“ (192)

Daher ist die Malerei dadurch auch jeder Form von sprachlicher Erfassung überlegen, was die Welt der medialen Bilder heute nachhaltig bestätigt. Reinhard stellt fest: „So ist nüchtern zu bilanzieren, dass Leonardo da Vinci nach einem halben Jahrtausend den Kampf gegen die ‚Poeten‘ doch noch gewonnen hat.“ (345) Neben dem naturwissenschaftlichen apokalyptischen Denken hat Leonardo auch den iconic turn antizipiert. Letzteres sollte weniger verwundern: Denn in einer Welt ohne Fotographie bleiben allein die Dichter, die die Propaganda der Mächtigen unter ein kaum alphabetisiertes Volk bringen. Vielleicht bleibt daher doch noch ein wenig Hoffnung für die Dichtung.