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Nora Kreft, Was ist Liebe, Sokrates? Die großen Philosophen über das schönste aller Gefühle, München 2019, Pieper, hardcover, 224 S., € 18

Nora Kreft inszeniert eine Art Salon mit berühmten Philosophinnen, der im Hause von Kant in Königsberg stattfindet. Das Treffen findet allerdings heute statt, hat Sokrates ein Handy und bekommt eine SMS von Diotima, einer Figur aus Platons Symposion. Es gibt Wein und Essen und einmal gehen auch Teller zu Bruch. Natürlich wird nicht geraucht und keiner der Herrschaften belästigt die beiden anwesenden Philosophinnen – Scheler wäre mit seinen Frauengeschichten dafür doch prädestiniert gewesen. Am Alter kann es nicht gelegen haben, ist die eine Dame 34 Jahre jünger und andere gar 45. Hübsch ist die Idee, über die Ausführung darf man sich nicht nur stellenweise streiten.


Alle diskutieren im Stil der heutigen sprachanalytischen Philosophie zumeist an Modellen, deren Funktion durch einen abgehobenen Kasten – ein im Buch häufig verwendetes didaktisches Verfahren – erläutert wird. So stellt man sich beispielsweise vor, dass jemand zwei Ertrinkende sieht, aber nur einen retten kann: Wie darf er sich entscheiden, wenn eine der beiden seine Tochter ist? Sie zu retten wäre zweifellos nicht moralisch.

Aber ist das wirklich ein ernstes Problem? Doch, denn schließlich gibt es dazu nur ein gerechtes Verfahren, nämlich das Los – eine in der analytischen Philosophie beliebte Lösung, wenn diese nicht weiter weiß. Der Vater wirft also eine Münze und lässt sein Tochter gegebenenfalls ertrinken. Immerhin legt Kreft dem heiligen Kirchenvater Augustin den Einwand in den Mund, dass der Zufall zwar moralisch sein mag, aber nicht unbedingt die optimalen Folgen nach sich zieht. Er hätte doch einfacher mangelnden Realismus monieren dürfen. Häufig erscheinen diese Modelle, die Probleme klären sollen, ziemlich abstrus und wenig zielführend. Man bildet sich ein, derart Probleme bearbeiten zu können.

Nora Kreft geht dabei von einem starken Begriff von Liebe aus: „Man kann nicht nebenbei lieben und ansonsten weitermachen wie bisher“. (9) Warum das so sein soll, das sagt sie nicht, hält sie das wohl für selbstverständlich, was es indes keineswegs ist. Viele lieben durchaus nebenbei, je länger sie eine Beziehung haben, umso häufiger. Selbst wenn eine Beziehung anfängt, sind dabei die Betroffenen zumeist unterschiedlich engagiert und die weniger interessierte Person liebt dann durchaus nebenbei.

Den Ethiker Max Scheler, der um 1920 den Katholizismus erneuern wollte, lässt Kreft denn auch die zu ihrer Position passende These vertreten, dass sich Liebende für unersetzbar halten. Doch Sigmund Freund bezweifelt diese Behauptung Schelers: „‘Wir sitzen einem Narren auf, wenn wir glauben, dass unsere Geliebten in diesem starken Sinne unersetzbar für uns sind. Das ist Selbsttäuschung.‘ ‚Meinst du das ernst?!‘, brach es da aus Sören heraus. Er lag fast auf der Tischplatte, so sehr beugte er sich nach vorn. ‚Es ist ganz im Gegenteil Selbsttäuschung, wenn man nicht an die Liebe glaubt. Wenn man an der Liebe zweifelt! Dann hat man alles verloren.‘ ‚Ich glaube an die Liebe. Nur nicht an die Unersetzbarkeit des Geliebten‘, erwiderte Sigmund gelassen.“ (78)

Der tief religiöse dänische Philosoph wird erheblich liebesaffiner geschildert, als er sich gegenüber seiner Verlobten benommen hat, die er zwang sich von ihm zu trennen, indem er sich im provinziellen Kopenhagen als frivoler Lebemann benahm. Und das gibt er in seinen Tagebüchern auch noch als Galanterie aus, während er es in seiner Schrift Die Wiederholung verbrämt. Denn er hatte gerade geerbt. Von dem Geld konnte er allerdings nur alleine gut leben. Verheiratet hätte er Pfarrer werden müssen.

Außerdem geht es Kierkegaard primär um ein ethisches und ein religiöses Leben aus dem Geist eines radikalen protestantischen Schuld- und Sündenbewusstseins heraus, indem er das übliche Leben der Zeitgenossen als haltlos ablehnt, also jenes Leben, bei dem Liebe wirklich eine praktische Rolle spielt. Im ethischen wie im religiösen Leben ist die Liebe deutlich nachgeordnet.

Natürlich werden die Philosophinnen im Buch kurz vorgestellt. Wird bei Kierkegaard dessen Verhältnis zu seiner Verlobten falsch dargestellt, fehlt bei Scheler ein Hinweis auf seine Schrift Ordo amoris, in der er die Welt durch die religiös inspirierte Liebe geordnet sieht, nicht durch den Sex, um den es eigentlich gehen müsste.

Immerhin ist Kant etwas skeptischer hinsichtlich der Unersetzbarkeit des Geliebten als Scheler. Er sucht dazu vielmehr eine moralische Theorie, wie es sich für ihn als Moralphilosophen denn auch gehört. Nicht nur dass man den anderen nicht zum sexuellen Objekt machen darf, sich selbst vor allem auch nicht, was nämlich die Menschenwürde verletzt und damit die Menschheit als Ganzes. Und das lässt sich nur durch die Ehe verhindern. Das klingt heute nicht nur überhaupt befremdlich, darf man derart Leuten vorschreiben, wie sie zu leben haben. Vertritt Kreft selbst etwa diese Auffassung, weil sie ansonsten nicht zimperlich ist, ihren Figuren aktuelle Theorien zu unterschieben? Das diskriminiert alle, die die Sexualität um ihrer selbst willen suchen und die womöglich die Liebe in den Dienst der Lust stellen, was sich doch wirklich nicht gehört!

Für die 1999 verstorbene Literatin und Philosophin Iris Murdoch, die sich sowohl praktisch wie theoretisch weidlich mit dem Thema Liebe auseinandersetzt, erkennt man erst liebend die geliebte Person richtig, was auch Scheler ähnlich sieht, für den man die Dinge erst dann richtig erkennt, wenn man sie liebt, nicht wenn man sich diesen gegenüber wie Max Weber möglichst sachlich verhält. Allerdings gehört für Scheler die Liebe in den Bereich des Heiligen, für Murdoch zum Bereich des Profanen, tritt sie auch für die freie Liebe ein. Doch sie vergleicht die Liebe eher mit der Kunst, die den Menschen ähnlich erhellt wie die Liebe, als mit den Begierden, die auch für Murdoch bloß egoistische Befriedigungen suchen. Dass trotzdem daraus auch so etwas wie Liebe erwachsen könnte, das scheint sie nicht zu sehen. Aber Kreft vertritt ja einen starken Liebesbegriff.

Nicht nur dass Kreft dergleichen in keiner Weise relativiert. Ja, sie lässt selbst Freud die Liebe moralisieren: „Liebe hat ganz wesentlich mit Lust zu tun und mit dem Versuch, die Urerfahrung des Saugens an der mütterlichen Brust zu wiederholen.“ (95) Was kann moralisch reiner sein als letzteres. So stimmt auch Murdoch ein in den Chor einer schier christlichen Moralisierung der Liebe, ist für sie jeder Mensch liebenswert, gut und auch schön, wiewohl dergleichen nur Heilige wirklich wahrnehmen würden. Sind Eichmann oder Atta etwa liebenswert?

Gegenüber feministischen Positionen von de Beauvoir und Murdoch legt Kreft Kierkegaard zudem die folgenden Worte in den Mund: „Autonomie in dem Sinne, wie ihr darüber sprecht, hört sich in meinen Ohren wie eine komödiantische Illusion an, ein Witz, und das Leben, das ihr euch als autonom vorstellt, macht doch nicht glücklich. Meint ihr denn wirklich, dass alles in Ordnung wäre, wenn man arbeiten geht, anstatt bei den Kindern zu bleiben?“ (137) Damit baut Kreft Kierkegaard als Vertreter einer heutigen antiliberalen Kulturkritik auf, zu der sie offenbar selber neigt. Strukturell ist das nicht falsch, aber konkret auf die Liebe bezogen stellt sich ihm das Problem derart noch nicht. Um 1850 gingen Frauen noch nicht freiwillig arbeiten, um ein eigenes Einkommen zu haben, um sich dadurch von der Abhängigkeit vom Ehemann zu befreien.

Scheler insistiert darauf, dass die geliebte Person von der liebenden als Zweck an sich selbst behandelt wird. Sogar Augustin, der zunächst nur Gott eine solche Rolle attestiert, fängt am Ende an darüber nachzudenken, ob es nicht auch ein Mensch sein könnte – was dem historischen Augustin nicht gerecht wird. Auch dass Sokrates die Liebe in der Liebe zur Weisheit aufgehen lässt, zeichnet die historische Person doch arg sexualmoralisch traditionell im heutigen Sinn. Schönheit soll nur der Weisheit dienen – nein, so hat es Platon im Symposion nicht gemeint. Es könnte schier umgekehrt gewesen sein, dass die Weisheit die Türen zum Gebrauch der Lüste öffnen sollte. Aber das ist für Nora Kreft wohl ein ungehöriger Gedanke.

Freilich passt das zu einem Trend dieses Buches, Liebe strukturell zu moralisieren. Simone de Beauvoir wird gar unterstellt, dass sie jede Handlung ablehnt, bei der die geliebte Person nicht als Zweck an sich selbst behandelt wird, und zwar nicht um dieser Person willen, sondern weil das gleich gegen ein sittliches Liebesverständnis im allgemeinen verstößt und damit alle gleichzeitig verletzt – jener Gedanke, den Kant formuliert, der heute eine Art Universalismus ausdrückt, der sich mit dem existentialistischen Relativismus von de Beauvoir indes gar nicht verträgt. Überhaupt lässt Kreft diese ständig mit den Modellen der sprachanalytischen Philosophie hantieren, mit der sie indes gar nichts verbindet.

Immerhin lässt Kreft sie Dating-Apps verteidigen, die jenen helfen, die Probleme in der Liebe haben, weil sie das Kennenlernen doch erheblich erleichtern. Natürlich lehnt der Moralist Scheler dergleichen als kapitalistischen Markt ab, während Freud auf allgemeine Gefahren der Verführung verweist und Sokrates dergleichen sogar für positiv erachtet. Aber er lehnt es ab, dass man mit Bildern verführen könnte und hält dazu alleine das Gespräch für geeignet. Es gab halt die Photographie noch nicht. Und bestimmt nicht erst heute verführt man primär mit Sexyness, was sich photographisch vorbereiten lässt

Kant dagegen erklärt dergleichen Dating und alle ähnlichen Bemühungen als eine Art Versachlichung der Liebe, handeln die Beteiligten wie einst die Familien, die ihre Kinder verheirateten – just das, was zu Zeiten Kants normal war und mit seinem Denken kompatibel. Dann aber unterstellt Kant, dass Liebe ein absolut irrationales Geschehen wäre, dem man sich hinzugeben hat, in das man nicht eingreifen, das man nicht steuern darf, was Kant bestimmt nicht dachte. Das scheint eher Kreft nahezuliegen – man denke an jenen starken Liebesbegriff: Kreft hofft anscheinend, dass die geliebte Person sich hingibt, ohne weitere Fragen zu stellen. So lässt Kreft Sokrates sich in die These versteigen, wie er es nie formuliert hätte: „Ich habe den Verdacht, dass Moraltheorien, die nicht erklären können, warum Liebe wertvoll ist, falsch sein müssen.“ (159)

Und auch noch de Beauvoir sagt, dass eine Welt ohne Liebe unerträglich wäre, was eher christlich als existentialistisch klingt. Scheler fordert gar ein Recht auf Liebe, beispielsweise von Kindern, was Freud bezweifelt. Aber zumindest im Denken Schelers spielt der Sex keine Rolle, bei Freud schon, so dass für letzteren die Liebe zu Kindern in dieser Hinsicht ausgeschlossen ist.

Immerhin darf sich de Beauvoir zu allen Formen der Liebe bekennen, auch zu einer mit Robotern, wenn sich diese von Menschen nicht mehr unterscheiden ließen. Denn eine Puppe lässt sich nicht lieben, was Kinder indes ständig widerlegen. Für Kant fehlt Robotern ein Bewusstsein wie ein Verlangen oder Mitleid, bleiben sie Phantome. Also kann man am Ende doch nur Menschen lieben und keine Roboter. So konstruiert das Buch Ansätze und legt diese historischen Figuren in den Mund, um mit deren Autorität ein konventionelles Liebesverständnis zu bekräftigen, das längst erschüttert ist.