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Zu: Simon Ings, Triumph und Tragödie – Stalin und die Wissenschaftler, Hamburg 2018, Hoffmann und Campe, übers. v. Brigitte Döbert, 592 S., gebunden, mit zahlreichen Abbildungen, € 26,99

Marx wollte kein Utopist sein, vielmehr den Sozialismus wissenschaftlich begründen. Dementsprechend wollten die russischen Revolutionäre vom Oktober 1917 ihren neuen Staat auf wissenschaftliche Einsichten gründen und investierten massiv in Bildung und Forschung, d.h. in die Naturwissenschaften und dabei vor allem in die Biologie und die Physik. Diese sollte neben der Kernenergie die Atombombe entwickeln, jene sollte vor allem der Landwirtschaft auf die Sprünge helfen, war Russland 1917 ein unterentwickeltes Agrarland, das sich kaum selbst ernähren konnte.


Wirken und Leben von Wissenschaftlern primär aus diesen Disziplinen zwischen ca. 1900 und 1960 schildert der britische Wissenschaftsjournalist und Autor Simon Ings sehr detailreich, lernt man vor allem viel über Landwirtschaft und Biologie wie über die Erfolge, Ängste und Nöte der sowjetischen Wissenschaftler. Natürlich erläutert er dabei auch die historischen Entwicklungen und Ereignisse, so dass sein Buch nebenbei auch als eine Geschichte der Sowjetunion gelesen werden kann.

Die meisten Wissenschaftler der Zarenzeit unterstützten das neue Regime, das ihnen indes misstraute. 1928, als viele neugegründete Hochschulen ein ganzes Heer von Nachwuchswissenschaftlern ausgebildet hatten, rief Stalin zu einem Sturm auf die Bastionen der ‚bürgerlichen‘ Wissenschaft auf. Zum Gulag-System der millionenhaften Zwangsarbeit, dessen Methoden Vorläufer in der Zarenzeit hatten, gehörten auch spezielle Lager für in Ungnade gefallene Wissenschaftler, deren Fähigkeiten man auf diese Weise weiter ausbeuten konnte. Ohne den Gulag wäre denn auch die rasche Industrialisierung der UdSSR nicht möglich gewesen.

Während Geisteswissenschaften zurückgedrängt wurden, dominierte in den Wissenschaften während des ersten Jahrzehnts der Mediziner und Physiologe Iwan Pawlow, der damals einzige russische Nobelpreisträger, der die kommunistische Staatsführung öffentlich unterstützte. Er begrüßte die Revolution, kollaborierte massiv, ließ sich ehren. Mit Drohungen auszuwandern, erreichte er bei Lenin bereits 1921 eine herausragende Stellung, die er bis zum Tod 1936 auch bei Stalin behielt. Seine Lehre, dass man durch körperliche Reflexe die Gehirntätigkeit so beeinflussen könnte, dass diese Reflexe generationsübergreifend vererbt werden, wurde zwar widerlegt, aber von ihm noch eine Weile fleißig vertreten, so dass sie ein Jahrzehnt in der Öffentlichkeit als bewiesen galt. Seine Ideen passten auch gut zum leninistischen Marxismus, der das Bewusstsein durch die Veränderung der Umwelt steuern wollte. So wurde Ende der zwanziger Jahre die Psychoanalyse, die Verhaltensänderungen durch Selbstreflexion erreichen will, aus der sowjetischen Psychologie verdrängt. Förderlich war dabei auch gar nicht, dass Trotzki die Psychoanalyse noch gelobt hatte, kurz bevor er ausgeschaltet wurde.

Im Zentrum des Buches steht der Agrarwissenschaftlers Trofim Lyssenko. Sein Aufstieg beginnt um 1930. Die sowjetische Presse feiert ihn als einen allein an der Praxis orientierten Wissenschaftlers, als Stalin die Kollektivierung und die Industrialisierung durchsetzt. Lyssenko propagierte die Entwicklung neuer Nutzpflanzenarten, beispielsweise Weizen, allein dadurch, dass man sie veränderten äußeren Umständen aussetzte und widersprach damit dem damaligen internationalen Standard in der Genetik. Als die Staatsführung Mitte der dreißiger Jahre von den Agrarwissenschaftlern forderte, neuen Arten innerhalb von drei Jahren zu entwickeln – wissenschaftlicher Standard waren 10-12 – erklärte sich Lyssenko dieser Aufgabe gewachsen. Die UdSSR litt in den ersten Jahrzehnten immer wieder unter verheerenden Hungersnöten, die Millionen Menschen das Leben kosteten. Dass Lyssenkos Maßnahmen praktisch alle scheiterten, die Hungerkrisen massiv verschärften, schadete weder seinem Ruhm, noch seiner Position im sowjetischen Wissenschafts- und Agrarbetrieb. Erst 1962 wurde er definitiv entmachtet, nachdem die meisten seiner wissenschaftlichen Ergebnisse als gefälscht entlarvt worden waren.

Einer seiner vielen Opfer war der führende Botaniker Nikolai Wawilow, der sich auf die Genetik konzentrierte, die zunehmend in Ungnade fiel und als rassistisch bekämpft wurde. Lyssenko griff in dieser Auseinandersetzung sogar auf die eigentlich widerlegte Lehre Pawlos zurück. So gelang es ihm die Genetik praktisch auszuschalten. Wawilow verlor Posten und Institute, so dass es zu massiven persönlichen Auseinandersetzungen mit Lyssenko kam. Die großen Säuberungswellen waren zwar vorüber, denen auch viele Wissenschaftler zum Opfer fielen. Trotzdem rechnete Wawilow ab 1939 mit seiner Verhaftung, die sich dann 1940 ereignete. Er wurde zu Geständnissen gezwungen und zum Tode verurteilt. 1943 starb er im Alter von 55 im Gefängnis wahrscheinlich an Hunger. Während in der Sowjetunion ständig Hungersnöte herrschten, erfreuten sich die Wissenschaftler einem vergleichsweise hohen Lebensstandard, jedenfalls nachdem die Bürgerkriegswissen vorüber waren.

Die Physiker waren dem politischen und existentiellen Druck weniger ausgeliefert. Stalin brauchte sie für Atombombe, die 1949 zum ersten Mal gezündet wurde. Kolportiert wird der Satz zwischen Stalin und seinem berüchtigten Geheimdienstchef Berija: ‚Die können wir später erschießen‘. Berija rief Stalin aus dem Osten der SU sehr früh an – er musste geweckt werden, um ihm den erfolgreichen Test persönlich mitzuteilen. Aber Stalin wusste es schon und Berrija witterte Verrat.

Trotz solcher punktuellen, teilweise auch tragischen Erfolge scheiterte der Versuch, Staat und Gesellschaft mit wissenschaftlichen Methoden auf die kommunistischen Sprünge zu helfen, nicht nur durch politische Unterdrückung, sondern vor allem durch wissenschaftliche Engstirnigkeit sowie an der Hybris Mensch und Natur beliebig – mit gigantischen Eingriffen – verändern und gestalten zu können.