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Zu: Eva Illouz, Warum Liebe endet – Eine Soziologie negativer Beziehungen Suhrkamp-Verlag, 

Die Liberalisierung von Liebe und Sexualität wird von Eva Illouz, Soziologieprofessorin an der Hebräischen Universität in Jerusalem, die seit Jahren zu dem Thema arbeitet, strikt negativ eingeschätzt. Man könnte ihr Buch Warum Liebe endet als eine Art Höhepunkt dieser vielen Arbeiten verstehen, die sie zum Thema Liebe vorgelegt hat. Sie schildert darin den Übergang von der traditionellen Ehe im 19. Jahrhundert zu den aktuellen Praktiken, die dazu führen, dass Beziehungen instabil geworden sind, was für sie vor allem zu Lasten von Frauen geht. Illouz schreibt: „Weil das Ideal der sexuellen Freiheit eine Reaktion vor allem auf die sexuelle Unterdrückung und Herrschaft war, hat es die negativen Auswirkungen auf Kulturen, die von der Ausstiegsfreiheit dominiert sind, verstellt.“ (257)


Verantwortlich macht sie für diese Entwicklung primär den Kapitalismus, der die Sexualität weitgehend ökonomisch unterwandert hat. Die Ökonomie fördert zwar diverse Formen der Emanzipation. Aber damit werden Frauen einerseits unter das Primat der Ökonomie gezwungen, so dass die damit verbundene Flexibilisierung Ehe und Familie erschwert, die für Illouz die zentralen Orientierungen bei Fragen der Liebe darstellen, was aber heute nun mal nicht mehr selbstverständlich ist.

Andererseits strukturiert der Kapitalismus auch noch die verbleibenden Beziehungen. „Zu Beginn des 20. Jahrhunderts“, schreibt Illouz, „wurde die traditionelle Kameradschaftsehe von einem Verständnis der Ehe als gemeinsamen Freizeitgenusses abgelöst.“ (177) Man spürt die Empörung. Aber nicht alle finden die Kameradschaft der Urgroßeltern attraktiv, die auch der Kapitalismus nicht erstrebenswerter macht. Doch die Menschen werden durch die sexuelle Liberalisierung existentiell verunsichert.

Weil mit den Ideen der Emanzipation und der Freiheit nach Illouz die Frauen erneut unterdrückt werden, sind diese längst in den Dienst der Ökonomie genommen worden. So hat die „Herrschaft von Männern über Frauen (. . .) ein neues Stadium in der Geschichte des Kapitalismus und der Intimbeziehungen“ (155) angenommen. Die Antibabypille erleichtert nur den Zugang von Männern zu Frauen, genauso wie die Entwicklungen des Internet. Aber haben Frauen nichts anderes beim Sex im Sinn als Kinder? Sollen sie etwa 10 Kinder kriegen? Nein, sie sollen ihre Lust unterdrücken, was der Tugend der Jungfräulichkeit ähnelt, die Illouz in der Tat positiv sieht. Just hier sieht man wie weit die verschiedenen Lebensformen auseinandertreten.

Für ihre Hausfrauenarbeit musste der Ehemann die Gattin noch ernähren. Illouz schreibt: „Hatten sich die frühen Befreiungsbewegungen eine freie Sexualität als einen wesentlich nichtkommerziellen, nichtmonetisierten Aspekt des Selbst vorgestellt, so entwickelte sich die Sexualität zu einer bezahlten wie unbezahlten Quelle von Mehrwert für eine Reihe von einflussreichen Industrien in Männerhand.“ (156) Damit zerstört die Sexualisierung die Liebe. Aber könnte es nicht wirklich sein, dass viele Frauen lieber selbständig sind als von einem Mann abhängig? Mag der Preis der Kapitalismus sein. Aber die Alternativen sind nicht in Sicht. Und viele wollen ihr Leben hier und jetzt gestalten, nicht irgendein fernes für Kindeskinder vorbereiten.

Für Illouz hat der Widerstand gegen Tradition und rigiden Moralismus, der im 19. Jahrhundert begann, jedenfalls nicht in eine befreite Sexualität geführt und schon gar nicht die Position von Frauen gegenüber Männern verbessert. „Diese neue Form von Kapitalismus“, schreibt sie „verändert die Ökologie von Intimbeziehungen sowie die Unterwerfung der Frauen und führt in schwindelerregendem Ausmaß zur Erfahrung von Zurückweisungen, Verletzungen, Enttäuschungen (. . .).“ (343) Damit widerspricht Illouz der These, dass die Emanzipation seit den 1970er Jahren den Frauen irgendwelche Vorteile gebracht hätte. Zerstört gar die Emanzipation die Liebe? Aber gab es unter dem Regime der monogamen Ehe etwa weniger Enttäuschungen, Zurückweisungen und Verletzungen. In der französischen Bourgeoisie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zog Madame nach einigen Jahren Ehe aufs Land und der Gatte blieb in der Stadt.

Illouz aber greift einen zentralen Mythos der Flower-Power-Bewegung an, der es ja nicht um die Revolution ging wie der damaligen radikalen Linken. „Das Woodstock-Festival von 1969 war“, so Illouz, „nur ein Beispiel dafür, wie ‚coole‘ und emanzipierte kulturelle Waren mit Sexualität assoziiert wurden.“ (85) Damit wird jegliche Scham diskreditiert, so dass sich Persönlichkeitsrechte nicht mehr schützen lassen, was primär Frauen trifft. Heute müssen sich Frauen in den Badeorten so sexy stylen, dass sie damit permanent zum Ausdruck bringen, sie wollten gevögelt werden. Hier hat Illouz diese Frauen offenbar missverstanden – fast wie manche traditionell eingestellten islamischen Männer.

Dass der Kampf gegen den Kapitalismus ein Kampf gegen Windmühlen sein könnte, dass kleinteilige Anstrengungen, einzelne Lebensräume zu verbessern, viel erfolgreicher erscheinen, das würde Illouz nicht zugestehen. Sie zielt gerade auf diverse Aspekte der Sexualisierung, die viele faszinieren, so dass sie sich just dadurch in den Sog eines neoliberalen Kapitalismus ziehen lassen: „Mit ihrem Erfordernis permanenter Selbstgestaltung und ihren endlosen Gelegenheiten zum Heraufbeschwören erotischer Atmosphären verhalf die Sexualität dem Kapitalismus zu außergewöhnlichen Expansionsmöglichkeiten.“ (86) Erotische Atmosphären sind nun mal kommunikativ und in die kameradschaftliche Lebensformen einzukehren einfach langweilig, wiewohl natürlich im Dienst der Gemeinschaft, nämlich der Rentenversicherung.

Für Illouz haben indes Feminismus wie Emanzipation der Frau zu dieser Entwicklung beigetragen und verdanken ihren Erfolg einem Bündnis mit dem Neoliberalismus. Nach Illouz „ging das Patriarchat eine Liaison mit dem Kapitalismus ein und übte seine Macht durch die starke Sexualisierung der Frauen, die Verallgemeinerung des Gelegenheitssexes, durch Schönheitsmythen und die zunehmend zwingenden Normen weiblicher sexueller Attraktivität (. . .) aus.“ (91) Denn dabei behalten für Illouz Männer ihre dominierende Position, die sich durch den freien Markt von Liebe und Sexualität sogar noch verstärkt. Frauen müssen sich nämlich an die Wünsche von Männern anpassen, wenn sie auf diesem Feld erfolgreich sein wollen. Den Kirchenvätern indes war weibliche Schönheit auch schon ein Dorn im Auge und die Katholische Kirche ist bis heute eine Hochburg des Patriarchats geblieben.

Indes wird die faktische Emanzipation wie das veränderte Liebesleben nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen gewünscht. Illouz verweist an dieser Stelle aber auf Klagen von Frauen über ihre Lage, die sie in ihrem Buch Warum Liebe endet in Interviews dokumentiert. Die Repräsentativität darf man bezweifeln. Umfragen in dieser Hinsicht sind auch schwierig. Klagen gehört gemeinhin zum Geschäft und jede wie jeder fühlt sich immer auch mal einsam, abhängig von der Lebenssituation.

Man kann davon ausgehen, dass eine große Gruppe von Frauen in der westlichen Welt diese Entwicklungen der Emanzipation und der sexuellen Liberalisierung für vorteilhaft hält. Aber sicher gibt es auch eine große Gruppe von Frauen wie Männern, die diese die sexuelle Liberalisierung ablehnen. Dazu gehören religiös Strenggläubige und viele, die sich dem neuen oder alten rechten Lager zuordnen. Die linke Kulturkritik, zu der ich auch Illouz zähle, gerät damit indes in die Nähe jener Propaganda, die von Populisten und Identitären verbreitet wird. Ironischerweise gilt das auch für jene alte kritische Theorie – man lese Herbert Marcuses Kritik an der Rockmusik.

Der Liberalisierung stellt Illouz eine romantische Liebe entgegen, wenn sie fragt: „Gefährdet die Freiheit die Möglichkeit, substantielle und feste Bindungen einzugehen, insbesondere romantische?“ (16) Die romantische Liebe, wie sie bei Eichendorff oder Brentano vorkommt zielt indes nicht auf Kants ‚lebenswährenden wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtsorgane‘, auch nicht auf Realisierung im Diesseits, sondern im Jenseits. Sie macht auch die Ehe nicht emotionaler, sondern organisiert präskriptiv ein Gefühl der Ausschließlichkeit. Aber heute wird von moralischen Traditionalisten gerne die romantische Liebe mit monogamer Treue und Verpflichtung verwechselt.

Damit diagnostiziert Illouz einen Mangel an Moral. Man kann in Liebe und Sexualität nicht cool sein, wie es heute üblich ist, muss man vielmehr Verantwortung übernehmen. Wenn man sich dem verweigert, wie es heute weit verbreitet ist, führt das nach Illouz zu einer existentiellen Verunsicherung und das heißt Frauen, „Fürsorge und Reziprozität (die traditionellen Schlüsselbegriffe weiblicher Identität) zu verweigern und sich auf seine Marktsubjektivität zu konzentrieren.“ (117) Man muss sich über diese präskriptive Hermeneutik schon wundern, die wohl eher der Enttäuschung entspringt, in der Liebe kein Glück zu haben. Und nach Illouz haben bereits in Warum Liebe weh tut (2011) heute gerade gebildete Frauen, große Probleme, adäquate Männer zu finden. Daher soll die Moralisierung der Liebe der Sexualisierung widerstreiten. Das muss auch gar keine hilflose Antwort bleiben, haben sich nach Nietzsche durch Moralisierung mit den Christen schließlich die Schwachen durchgesetzt. Vielleicht hat sich das Christentum deshalb durchgesetzt, weil dessen Monogamie den Römerinnen gefiel, die als Gattinnen ihren Männern untertan waren.

Trotzdem bleibt das schwierig, heißt die Liberalisierung nach Illouz für die heutigen Frauen: „Das moderne Selbst versteht sich selbst als work in progress, als unvollendetes Projekt, das sich und seine Leistung ständig verbessern muss, (. . .).“ (313) Sicherlich haben die Menschen heute, insbesondere Frauen, ob der Sozialisation, in der zweifellos noch die Liebesnormen des 19. Jahrhunderts nachhallen, oft Schwierigkeiten, mit der veränderten Situation zurechtzukommen, Männer aber auch, gleichgültig ob sie patriarchalisch gestrickt sind oder nicht. Doch die christliche Moral wurde untergraben, sicher auch mit Hilfe der liberalen Ökonomie, die sich ihrerseits der Sexualisierung bedient, wie umgekehrt sich Emanzipationsbestrebungen auf die Ökonomie stützen konnten. Immerhin räumt Illouz ein, „dass Gelegenheitssex für Frauen ein Weg ist, um das Ideal der Ehe beiseitezuschieben und Karriere zu machen.“ (117) Und warum sollten sie das nicht tun? Und sie leben eben im Kapitalismus, der längst nicht immer Emanzipationsbestrebungen förderte. Vertreter des Neoliberalismus sind eher traditionell eingestellt.

Für Illouz führt die Sexualisierung der Kultur durch die Ökonomie aber zur Zerstörung der Liebe. Denn sie erzeugt negative Beziehungen; d.h.: „Eine der vielleicht wichtigsten Behauptungen dieses Buches lautet, dass spezifische, von sozialen und ökonomischen Kräften geprägte negative Dynamiken die Nichtentstehung von Bindungen und die Auflösung bestehender Bindungen bestimmen (. . .).“ (334) Aber sind denn Bindungen an sich ein Wert? Macht eine Bindung Sinn, die nur das Leben über die Runden bringt, kameradschaftlich, nicht liebevoll und schon gar nicht lustvoll. Vor ca. 25 Jahren vertrat Ulrich Beck mal die These, dass die Liebe die Ehe zerstört. Warum eigentlich nicht? Jedenfalls wenn die Ehe nicht mehr gut geht.

Für Illouz gehören dagegen Liebe und Sexualität zusammen und treten erst durch die modernen Entwicklungen auseinander – was historisch einfach nicht stimmt, sondern schlicht normativ unterstellt wird –, weil die sexuelle Befreiung „sich zu einem Kernelement der Moral auswuchs, (. . .). Damit wurde die Sexualität zu einem politischen und moralischen Projekt.“ (88) Das erst ermöglichte, Sexualität und Liebe als getrennte Angelegenheiten zu betrachten. Denn als moralisches Projekt lassen sich rein sexuelle Ansprüche erheben. Das führt nach Illouz dazu: „Die sexuelle Befreiung legitimierte darüber hinaus die sexuelle Lust als Selbstzweck und nährte damit die Vorstellung von hedonistischen Rechten, (. . .).“ (99) Daraus kann man ein Recht ableiten, Beziehungen aufzulösen, wenn sie sexuell unbefriedigend sind bzw. wenn es befriedigendere Alternativen gibt, führt die Sexualisierung derart zu den von Illouz so bezeichneten negativen Beziehungen: Warum Liebe endet! Kameradschaft aber reicht den Betroffenen heute zumeist nicht mehr, geben das auch die wenigsten zu, die sie betreiben.

Natürlich darf für Illouz Sexualität von der Fortpflanzung nicht getrennt werden, münden beide in der monogamen Ehe. Doch „die sexuelle Freiheit, die Pille, die Verwandlung weiblicher Körper in Bilder, die Internettechnologie: all diese Mechanismen haben für sexuellen Überfluss und verschärften sexuellen Wettbewerb gesorgt.“ (203) Warum ist der Kapitalismus so erfolgreich? Weil er für viele mehr Lebenschancen öffnet als seine Gegenmodelle.

Doch für Illouz depraviert die Sexualität zu einer Freizeitbeschäftigung: „Unter dem Einfluss der Urbanisierung und der Herausbildung einer Sphäre des Freizeitkonsums wurde Sexualität zu Entspannungssex, etwas, das man aus Spaß statt zur Fortpflanzung tat, (. . .).“ (81) Dann benutzt eine Frau auch einen Dildo, um aus Spaß Männer zu penetrieren. Hat der Mensch heute ein Recht auf solche technischen Erweiterungen. Illouz wie konservative Kritiker der Frauenemanzipation sehen darin eine Entwertung traditioneller Lebensformen. Womit Illouz recht hat, sind diese Lebensformen eben für viele nicht mehr attraktiv: eine Entwertung.

So entsteht der Anspruch, dass sexuelle Orientierungen, gleichgültig ob sie körperlich oder technisch bedingt sind, nicht mehr diskriminiert werden dürfen. Handelt es sich dabei um emanzipatorische Ansprüche? „Die Freiheit, in deren Namen Frauen und Homosexuelle gegen das Patriarchat gekämpft haben und weiter kämpfen, ist eine andere“, widerspricht Eva Illouz, „als die, bei Livesex in Webcam Räumen mitzumachen – letztere Freiheit verfolgt keine politischen oder moralischen Interessen, allenfalls ökonomische oder solche der Selbstbespiegelung.“ (79) Doch Selbstbespiegelung entfaltet durchaus moralische Perspektiven der Reflexion der eigenen Lebensführung. Das erscheint zunächst eine private Angelegenheit zu sein. Doch wenn man das Private und das Politische heute nicht mehr klar trennen kann, spielen beide zusammen.

Die Kirchenväter rings um Augustinus bekämpften vehement alle Wollust als Sünde, die zuvor für Griechen und Römer eine anzustrebende Angelegenheit war. In der Tat ist die Wollust in einem ähnlichen Sinn im 20. Jahrhundert wieder in der Öffentlichkeit aufgetaucht und hat die Konflikte verschärft, die Illouz schildert.

Parallel zur Sexualisierung hat indes eine Ökologisierung stattgefunden. Das Gesundheitswesen avanciert zur Ersatzreligion wie es Michael Walzer 1983 beschreibt. An die Stelle des Seelenheils ist das Körperheil getreten. Gesundheit und Ökologie sind dabei gesellschaftlich hoch anerkannte Diskurse, an die sich mit der Wohllust die Sexualisierung anzuschließen versucht, um aus der Schmuddelecke zu treten. Das ist die fatale Entwicklung, die die Wollust wieder zügelt durch medizinische Warnungen vor Gefahren oder ökologische Disziplinierungen: Man darf doch nicht der Wollust frönen, wenn es gilt die Erde zu retten, darf es doch nur eine Wohllust im Einklang mit der Erde geben.

Jedenfalls wird Illouz‘ Diagnose letztlich bestätigt: Die Ökonomie schafft unzählige Möglichkeiten, aus der traditionellen Ehe auszusteigen, angefangen bei den emanzipierten Frauen, bis hin zu Männern, die Maschinen Menschen vorziehen,. Die von Illouz beklagte Ausstiegsfreiheit und der umso leichter verfügbare Gelegenheitssex produzieren Ungewissheit, weil beide einen „klaren inneren normativen Kern“ (135) vermissen lassen. Den kann es ja postmetaphysisch auch nicht mehr geben, verharrt Illouz nicht nur in der Tradition, die trotzdem extrem patriarchalisch ist, sondern verlängert eine Metaphysik der Identität wie der Liebe.

Dagegen befördert diese postmoderne Beliebigkeit des ‚Anything goes‘die Polyamorie, die man so noch nicht nannte, als de Beauvoir und Sartre dergleichen vereinbarten, allerdings noch in einer traditionellen Weise, die ihre Beziehung für lebenswährend erklärte, was ja auch irgendwie klappte. Doch heute lassen sich ja sogar die Senilen scheiden. In Sinn von Illouz würde die Vereinbarung dieser bösen Philosophinnen nur als eine traditionelle Tarnkappe erscheinen, um die Monogamie noch leichter aufgeben zu können, an der Illouz nun mal ganz traditionell festhält, weil sie angeblich für Frauen die bevorzugte Lebensform wäre. Aber da lese man mal die ehekritische Literatur des 19. Jahrhunderts, als die monogame Ehe Regime war, also der einzige Ort legaler sexueller Praktiken: Madame Bovary, Effie Briest oder L’Adultera.

Doch heute – so Illouz - „führen mehr Menschen Parallelbeziehungen (polyamoröser oder anderer Art), wodurch die zentrale Bedeutung der Monogamie und mit ihr verbundener Werte wie Treue und langfristiger Verbindlichkeit in Frage gestellt wird.“ (45) Illouz versteht den Wertewandel, der im letzten Jahrhundert begann, als Niedergang, wenn weniger Menschen sich an der Monogamie, an Treue und Hingabe als traditionellen Werten orientieren. Sie steht damit in der Tradition von Henri Bergson, Gabriel Marcel und Leo Strauss. Für letzteren gelten diese Werte seit Moses unveränderlich und wurden von der Philosophie, vom Judentum wie vom Christentum anerkannt wurden und natürlich auch vom Islam.

Ohne die romantische Idee, füreinander bestimmt zu sein, also ohne eine religiöse Fantasie, bleiben Beziehungen kontingent und können aufgelöst werden. Daher scheint Illouz‘ These fragwürdig: „Die Polyamorie beispielsweise ist eine Form solcher unternehmerischen Strategie, bei der man seine verschiedenen ‚Selbste‘ und ‚Bedürfnisse‘ an andere auslagert.“ (264) Zunächst darf man fragen, wo denn hier das Problem ist, beruht das ja schließlich auf Gegenseitigkeit. Aber man darf auch hinterfragen, ob es in der Polyamorie wirklich primär um Ökonomie geht. Gilt das nicht umso für die Ehe? Wie es Illouz in Warum Liebe weh tut schreibt, entschieden im 19. Jahrhundert nicht die Liebenden, ob sie sich in eine Ehe begeben, sondern die Familie und diese beäugte die Solvenz des Ehekandidaten sehr genau. Hat er Geld, ist er moralisch? Das waren die Fragen, nicht: Ist er gut für die Frau im Bett? Kann sie ihn riechen? Doch was für eine Rolle spielen letztere Fragen, wenn es darum geht, einen treuen Ernährer für die Tochter und deren zukünftige Kinder zu finden. Es geht nicht um das Wohlsein des Individuums, sondern um das Einklinken in die Generationenkette und dann läuft der Ehemann nicht mehr davon. In der Polyamorie geht es dagegen darum, wie es de Beauvoir und Sartre formulierten, die sexuelle Begegnung mit anderen Wesen zu erleben, oder wie es de Sade formuliert, andere zu erkennen. Ja, Max Weber kritisiert schon 1919, dass die jungen Leute dem Erlebnis nachjagen, anstatt in das ernste Antlitz der Welt zu blicken.