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Zu: Yuval Noah Harari, Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen, München  C.B. Beck, 

Das Buch beginnt ja noch ganz optimistisch. Die Fortschritte der Menschheit haben den Hunger, die Epidemien und den Krieg überwunden – man möchte zaudern. Aber lassen wir das mal so stehen. Da ist mehr dran, als man gemeinhin bereit ist einzuräumen, weil die Welt immer gerade wieder im Chaos zu versinken scheint. Und auch mit den Epidemien hat er Recht, auch wenn das momentan viele bezweifeln würden.

Der Mensch muss nicht mehr um göttlichen Beistand betteln, den es sowieso nicht gibt. Mit den Wissenschaften und den Technologien übernimmt der Mensch selbst diese Rolle, die er zuvor den Göttern zuschrieb: Leider verweigert sich das Buch nur so weit einem gewissen populistischen wie gängigen Mainstream.

Düster und raunend hat bereits das zweite Kapitel indes den Titel: Das Anthropozän – was an den von Gehlen faszinierten Sloterdijk erinnert, mit dem das Buch denn auch den sowohl rechts wie links populären Hass auf den Liberalismus teilt und dessen Ideen vom mündigen und vernünftigen Menschen, der daher auch einen freien Willen entwickelt. Aber das sind alles Illusionen eines Homo sapiens, der sich mit Hilfe der Wissenschaften in den göttlichen Homo verwandelt hat. Doch dessen humanistische Geschichten verblassen im Zuge der Vergöttlichung und zwar wiederum durch die Wissenschaften, die stattdessen die Wirklichkeit endlich richtig erklären und erfolgreich gestalten – kein Hunger mehr auf der Welt! – und zwar umso mehr, wie sie die Welt zu berechnen verstehen. Nur sollte man, wenn man das will, nicht gerade mal die Wirtschaft ruinieren.

Statt auf die Vernunft verlässt sich das Buch daher lieber auf das Gefühl, das evolutionär mal der beste Algorithmus war – so hat sich das Rousseau aber nicht vorgestellt, auf den sich das Buch trotzdem beruft und mit dem es einen gewissen Hang zum Totalitären teilt – gleichzeitig darauf hoffend wie davor warnend. Denn diesen Algorithmus des biologischen Körpers überholen nun im Cyberspace stärkere Algorithmen, die den ja höchstens fiktiven, weil unmündigen Autor besser kennen, als dieser sein Gefühl selbst, weiß Big Data, was dieser so unfreie wie unvernünftige Bücheralgorithmisierer bei den nächsten Wahlen wählen wird und alle anderen auch, so dass die Demokratie zur Farce verkommt. Leider haben sich dazu heute andere Umstände ergeben, mit denen der fiktive Autor bzw. Algorithmus nicht rechnet, also auch nicht so avanciert sein kann.

Aber seit ein paar Jahrzehnten droht der Dataismus – na ja, Rechenmaschinen halt, die mit binären Codes und Algorithmen arbeiten: bei letzterem handelt es sich um eine Handlungsvorschrift aus mehreren Einzelschritten, die damit in der Regel einem Programm dient. Es kann sich um ein Thermostat einer Heizung handeln oder um personalisierte Preise, die Internetshops für bestimmte Kunden anzeigen, über die sie Informationen gespeichert haben. Solche Handlungsvorschriften – natürlich ein Widerspruch in sich: seit wann handelt die Heizung – lassen womöglich manchmal Flugzeuge abstürzen. Ansonsten helfen sie im Cyberspace suchen, manchmal nicht ganz im Sinne des vom Gefühl und nicht der Vernunft geleiteten Suchenden: das Selbst als ein Algorithmus, der sich natürlich nicht hinterfragen kann, wiewohl er anpassungsfähig sein mag, der eben kein Bewusstsein hat, also der wie es Heidegger sagt, nicht denkt, sondern rechnet und das auch nur binär, billionenfach nichts anderes. Wie soll daraus Bewusstsein werden.

So heißt Dataismus, dass hier ominös gruselige Datenströme die Menschen lenken, die ja weder ein Ich noch ein Selbst und erst recht keinen freien Willen haben, so dass umso mehr droht, dass diese Datenversammlungen die Macht übernehmen könnten und sich womöglich wie im Science Fiction am Ende des Menschen entledigen – wenn sie denn dazu ein Begehrungsvermögen hätten, das es ja nicht gibt, was schon Kant als metaphysisch einräumt, weil der Wille nicht apriorisch bestimmt werden kann. Das Buch gibt zwar vor zu wissen – wenn ein Buch überhaupt etwas weiß, besteht es schließlich nur aus Graphemen, aber den Autor gibt es ja nicht –, dass es noch nicht soweit ist. Aber eine Dose christliche Apokalypse lässt die Leser gruseln und fördert den Verkauf – alles gefühlsmäßig, nicht berechnend, nein, ein liebes Buch.

Jedenfalls werden die meisten Menschen überflüssig – auch wieder so eine gängige Drohung, geht „uns“ schon seit Jahrzehnten angeblich die Arbeit aus. Vielleicht regiert immerhin noch eine kleine Elite, die dann wie bei Sloterdijk ihre Gehlenschen Züchtungsphantasien im Menschenpark mit ein paar Regeln garniert auslebt. Demokratie aber wie freier Wille oder gar die Vernunft werden dann jedenfalls gar keine Rolle mehr spielen. Sie waren ja auch nur Einbildungen und die Fortschritte der Wissenschaft verdanken sich dem Gefühl. Dann wird das Anthropzän enden. Ja, dann sollte eigentlich das Datazän kommen, das man noch mit einem menschlichen Schuss Datapozän nennen müsste – eine Terminologie, die das Buch nicht aufschreibt – wie gesagt, den Autor gibt es nicht.

Also das Buch geht davon aus, dass die modernen Wissenschaften und die Informationstechnologien die Welt erfassen, wie sie wirklich ist. Ein hermeneutischer oder konstruktivistischer Zweifel, dass es sich dabei nur um selbstreferentielle Interpretationen handeln könnte, taucht im Buch nicht auf, ist es weder diskursanalytisch noch sprachphilosophisch informiert. Das ist allerdings peinlich. Denn nur dadurch kann Harari so blind und einseitig eine monokausal situierte Dystopie entwerfen.

Dafür blitzt zwischendrin und vor allem am Ende der Katechon auf, der den Dataismus eventuell etwas aufhält. Vielleicht sind die Daten des Cyberspace doch nicht alles? Oder ist das Leben doch kein Algorithmus? Wer hätte das gedacht? Die ewige Wiederkunft des Dualismus nach so vielen Seiten monokausaler Welterklärungen.

Das kommt davon, wenn man die Welt so essentialistisch wie materialistisch betrachtet, somit metaphysischer als die Religionen, erhebt das Buch auch noch einen wirklich obsoleten weltgeschichtlichen Anspruch wie bei Hegel und Marx. Nein, hinterfragt wird hier nichts. Aber wie sollte auch ein Buch etwas hinterfragen können? Dazu hätte es einen Autor gebraucht, der nicht nur auf sein Gefühl hört, sondern der in der Lage ist nachzudenken, eben mit Hannah Arendt gesprochen, die Fähigkeit zu Denken besitzt. Nein, hier operieren nur die Algorithmen wie bei einer Waschmaschine im Stil des Anti-Ödipus mit ein wenig Elektronik garniert, wird hier weder gedacht, noch geurteilt, geschweige denn sich vorgestellt, was angestellt wird, ist ja niemand da, den man dafür verantwortlich machen könnte.