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Zu: Philip Gorski, Am Scheideweg – Amerikas Christen un die Demokratie vor und nach Trump  Herder-Verlag
 
In vielen Ländern hat ein Bündnis aus Rechtspopulisten und religiösen Nationalisten die liberale Demokratie geschwächt, auch in den USA. Philip Gorski, einer der führenden US-Religionssoziologen, schildert den Einfluss christlich religiöser Kreise auf die US-Politik, vor allem die entscheidende Rolle, die sie bei der Wahl Trumps 2016 spielten. Kann die religiöse Rechte auch die Wahl 2020 für Trump entscheiden?


Nach Gorski stehen sich in den USA seit einem guten halben Jahrhundert zwei Lager konfrontativ gegenüber, nämlich Christen und Juden gegen Humanisten und Muslime. Liberale stützen sich auf Sozialbewegungen und Kultureliten. Die konservativen Christen verbündeten sich mit weißen Rassisten und neoliberalen Wirtschaftseliten.

Im Fokus des Buches steht der weiße christliche Nationalismus, der während des Eroberungskrieges gegen die Ureinwohner vor 300 Jahren entstand und primär von weißen Protestanten getragen wurde. Zuletzt hatte er ein Revival in den 1980er Jahren, der Reagan-Ära. Den weißen christlichen Nationalismus vertreten vor allem weiße konservative Evangelikale. Zu den Evangelikalen, einer besonders frommen Richtung des Protestantismus, werden in den USA ca. 20% der Bevölkerung gezählt. Billy Graham war einer ihrer einflussreichsten Prediger.

Lange Zeit gehörten die weißen Evangelikalen des Südens wie die Katholiken des Nordens zu den Liberalen, die vornehmlich die Demokratische Partei wählten. Doch mit der Abtreibungsfrage und einem weißen Rassismus, gelang es den Republikanern seit den 1980er Jahren beide auf ihre Seite zu ziehen. Das muss man natürlich auch vor dem Hintergrund des Wertewandels seit den sechziger Jahren verstehen, als diverse Emanzipationsbewegungen den Werte-Konsens zerbrachen, der zwischen den großen Parteien in den USA herrschte.

Wie aber konnten 2016 80% die weißen Evangelikalen Trump wählen, der in keiner Weise als religiös galt? Nun, ihre Fernsehprediger haben ihnen Trump nahe gebracht einerseits als „neugeborenen Christenmenschen“. Andererseits er wird schon mal mit dem Alttestamentarischen König David verglichen.

Trump selbst präsentiert sich als Beschützer der weißen Religiösen, die sich durch die demographische Entwicklung, durch Abtreibung und Homo-Ehe eminent bedroht, ja sogar verfolgt fühlen. Daher bedeutet „Make America great again“ ein Programm der Rückeroberung des Landes für den weißen christlichen Nationalismus.

Gorski bestimmt Trumpismus als Rechtspopulismus, der von sich behauptet, das einfache Volk vor den Eliten zu schützen. So ist Trump als ‚Geißel der Eliten‘ in der weißen Arbeiterklasse populär geworden. Und auch im an sich elitären amerikanischen Protestantismus gibt es eine antielitäre Neigung, die sich zunächst gegen den gebildeten, liberalen Klerus richtete und die heute ihren Hass auf die Eliten in Wissenschaft, Medien und Kultur.

Werden die weißen Evangelikalen eine solche Politik fortsetzen? Gorski befürchtet, dass die Corona-Seuche die autoritären Neigungen der US-Christen verstärken könnte.

Andererseits hofft Gorski, dass ein großer Teil der Evangelikalen durchaus versteht, dass sich Demokratie und Protestantismus gegenseitig befruchten und nicht behindern. Rebellen gegenüber der offiziellen Linie, die sich bisher allerdings bedeckt halten, könnten die anstehende Wahl entscheidend beeinflussen.