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Zu: Noam Chomsky, Was für Lebewesen sind wir? Vorwort von Akeel Bilgrami, übers. V.  Michael Schiffmann, Berlin 2016, Suhrkamp, Hardcover, 249 S., € 26

Kann die Sprache einen anderen als einen kommunikativen Sinn haben? Jürgen Habermas, Michael Tomasello und viele andere beantworten diese Frage bestimmt negativ. Der einflussreichste Sprachwissenschaftler des 20. Jahrhunderts, Noam Chomsky, emeritierter Professor am MIT, beantwortet sie mit einem klaren Ja. Denn Sprache richtet sich weniger auf das Sprechen aus, als dass sie vom Denken her bestimmt wird, also nicht von der Logik des Schließens, sondern von den Strukturen der Elemente, die das Denken mittels Sprache verknüpft. Das ist seine provokante These.
Sprache muss – so jüngste Forschungen, auf die sich Chomsky bezieht – relativ schnell vor ca. 100.000 bis 50.000 Jahren entstanden sein – was sich wahrscheinlich einer Veränderung im Gehirn verdankt, also eine bio- oder neurologische Grundlage hat – und nicht wie es Tomasello unterstellt auch dem Kooperationsbedürfnis von Frühmenschen vor ca. 200.000 Jahren. So bemerkt Chomsky, „dass die ausgiebigen Spekulationen, die in den letzten Jahren über die Evolution der Sprache angestellt wurden und den Fokus auf die Kommunikation richten, auf dem Holzweg sind.“ (57)
Denn die syntaktische Struktur der Sprache orientiert sich nicht an ihrer lautlichen Äußerung, sondern an ihrer intensionalen Struktur. Elemente im Satz, die sinngemäß zusammengehören, befinden sich im Satz häufig an voneinander weit entfernten Stellen. Damit folgen sie nicht der Logik ihrer sprachlichen Formulierung, sondern der Logik des Denkens, also den gedanklichen Bezügen.
Sprache ist also primär Denken und sekundär Kommunikation. Sie berechnet intern die Verknüpfung von Elementen, die hinterher erst den Bedingungen ihrer lautlichen Äußerung unterworfen werden, wenn man beispielsweise zwei Dinge nicht gleichzeitig sagen kann, aber durchaus denken.

Das neue Buch des 86jährigen Chomsky ist eine Art Summary seines Denkens. In vier Kapiteln stellt es sich dem Problem, was den Menschen zum Menschen macht. Nach dem Thema Sprache behandelt es im zweiten Kapitel die Reichweite des Verstehen und kommt dabei zu dem für viele ernüchternden Ergebnis, dass die modernen Wissenschaften viel weniger verstehen, als sie vorgeben. Wissenschaft mag zwar unendlich viel erklären können. Doch wird sie immer wieder an Grenzen stoßen, so dass sich Chomsky mit der Lösung von überschaubaren Problemen zufrieden gibt und Geheimnisse anerkennt, die dunkel bleiben werden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch das vierte Kapitel über die Geheimnisse der Natur. Er schreibt: „Dementsprechend führten Newtons Entdeckungen dazu, dass die Welt unverständlich wurde, sobald man seine theologischen Annahmen beiseiteließ. Wie vorhin bereits erwähnt, bestand die Lösung hierfür darin, die Ziele der Wissenschaft niedriger zu stecken und die Suche nach Verständlichkeit der Welt zugunsten eines viel bescheideneren Programms aufzugeben: Theorien, die für uns verständlich sind, ganz gleich, ob das, was sie postulieren, verständlich ist oder nicht. Von daher war es für Bertrand Russell ein ganz natürlicher Schritt, schon die bloße Idee einer verständlichen Welt als ‚absurd‘ zu bezeichnen, da dies nunmehr kein vernünftiges Ziel wissenschaftlicher Forschung mehr darstellte.“ (121)

Das dritte Kapitel setzt sich mit der Frage auseinander, was das Gemeinwohl ist. Chomsky – ein politisch engagierter Intellektueller, der die US-Politik seit langem scharf kritisiert – vertritt dabei anarchistische Positionen und lehnt autoritäre Zwänge ab, die der Staat oder die Ökonomie auf das Individuum ausüben. Der Staat hat für ihn nur soweit einen Sinn, wenn er die Schwachen vor den Starken schützt – weshalb die radikalen Neoliberalen den Staat ja am liebsten ganz abschaffen würden. Chomsky schreibt: „Wie erwähnt, vertraten Dewey und viele amerikanische Arbeiter eine bestimmte Version der Demokratie mit stark libertären Elementen. Die vorherrschende Version von Demokratie ist allerdings immer eine ganz andere gewesen. Ihr aufschlussreichster Ausdruck findet sich am progressiven Ende des Spektrums des intellektuellen Mainstreams bei liberalen Intellektuellen in der Tradition Wilsons, Roosevelts und Kennedys.“ (156)

Die Anordnung der Kapitel ergibt sich aus Chomskys individualistischer Perspektive: Was den Menschen zum Menschen macht, ist die Sprache, ferner sein Weltverstehen, dann seine Kommunikation mit anderen Menschen und schließlich sein Verhältnis zur Natur. Ökologisch denkt er zweifellos nicht, sondern aus einer individuell menschlichen Perspektive, die das Individuum primär von seiner biologischen Struktur her denkt, also in gewisser Hinsicht ein individualistischer Naturwissenschaftler, wäre er nicht Linguist.

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