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Zu: Daniel C. Dennett, Von den Bakterien zu Bach – und zurück – Die Evolution des Geistes, übers. von Jan-Erik Strasser

Man könnte das Buch von Daniel Dennett auch als weitere Unterstützung eines Atheismus-Projektes lesen. Er entwickelt eine Theorie der Kultur, bei der es den intelligenten Designer für den Geist und das Bewusstsein nicht mehr braucht und selbstverständlich auch nicht als Anstoß der natürlichen Evolution, was indes in Spitzfindigkeiten von Wahrscheinlichkeit führt. Aber so wenig wie man Gott beweisen kann, so wenig kann man beweisen, dass er nirgendwo eine Rolle spielen kann.


Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine interessante Kulturtheorie, die Kultur einerseits aus der natürlichen Evolution heraus erklärt und die andererseits dieser auch eine eigenständige Entwicklungsperspektive attestiert. Den evolutionären Gen-Begriff, der die Entwicklung von Lebewesen erklärt, ergänzt er durch den Begriff des Mems, der neben der Sprache alle möglichen kulturellen Techniken und Designs umfasst, von denen sich Kulturmenschen in gewisser Weise ähnlich steuern lassen, wie es die Gene mit den Lebewesen machen. Der kulturelle Prozess setzt damit den biologischen fort, wenn Dennett Meme mit Viren vergleicht.

Man kann Dennett somit in die Reihe jener stellen, die sich bemühen Jenseits des Subjekts (Gianni Vattimo) zu denken, versucht er auch den Subjekt-Begriff von Descartes zu widerlegen, was insoweit nicht schwer ist, wie dieser bei Descartes in der Tat die göttliche Rückversicherung braucht. Darauf stützt Dennett denn auch seine Kritik an Descartes. Die subjektive Perspektive allerdings, dass der Mensch im „Käfig seiner Sinne“ (Nietzsche) lebt, wie es auch Kant mit seiner Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich entwickelt, auf diese geht Dennett nicht ein. Denn ein subjektiver Zweifel oder eine Art subjektiver „Relativismus“ liegt Dennett völlig fern, genauso wie ein Konstruktivismus, der sich mit einem Subjektivismus rückkoppeln ließe.

Er ist davon überzeugt, dass die materiellen Begebenheiten den Menschen prägen und dass der Mensch damit auch richtig umzugehen versteht – Marx nicht so fern. Der Mensch ist kein autopoietisches Wesen, dass sich seine Welt gemäß seiner Denk- und Wahrnehmungskompetenzen zurechtlegt. Selbstreferentialität würde den Wahrheitsgehalt von wissenschaftlichen Aussagen doch erheblich begrenzen. Wahrheit ließe sich dann weder in der Praxis noch durch Beobachtung objektivieren.

Das wäre einem Materialisten zu idealistisch. Trotzdem wenn er sich fleißig, wiewohl relativierend auf Hume beruft, so muss man doch darauf hinweisen, dass ein Unterschied zwischen dem Empirismus der Aufklärung und dem Materialismus des 19. Jahrhunderts besteht. Letzteren könnte er beiseitelassen, wenn es ihm nicht doch noch um die Gottesfrage geht. Daher muss seine Kulturtheorie so breit angelegt werden, dass sie 4 Milliarden Jahre umfasst, naturwissenschaftlich genauso begründet wird, wie sie die kulturellen Prozesse erklären soll, eben den Geist ohne Gott.

Wenn er dezidiert erklärt, dass es Meme gibt, die ja aus einem großen Teil aus Sprache bestehen, spiegelt sich darin denn auch sein Sprachverständnis, das sich mit dem scholastischen Realismus oder mit dem Spiegelverständnis des frühen Wittgenstein vergleichen lässt. Wie die göttlich schöpfenden Worte nicht nur Pferde auf die Wiese stellen und den Menschen damit animieren, so sind sprachliche Meme Gegebenheiten der Software des Gehirns, die die Welt nicht nur richtig spiegeln, weil sie sich wie bei Marx der materiellen Praxis verdanken, sondern diese Kulturpraxis auch ständig verbessern helfen. Dass Sprache womöglich viel offenere Spiele initiiert, dass sie noch viel hintergründiger und offener animiert, als es die Meme vorgeben, auf diesen Sprachbegriff des späten Wittgenstein geht Dennett mit keinem Wort ein, würde er nicht in sein materialistisches Konzept passen. Sowenig akzeptiert er eine strukturelle Differenz zwischen Mem und Gegenstand, gerade wenn es sich um wissenschaftlich domestizierte handelt. Meme sind keine Idealtypen im Max Weberschen Sinn, besteht zwischen Begriff und Gegenstand keine Differenz, die die Beziehung zwischen beiden stört oder verschiebt.

Dabei gäbe es sogar Berührungspunkte zwischen ihm und jenen, die gleichfalls Jenseits des Subjekts zu denken versuchen: Foucault beispielsweise entwickelt einen Diskursbegriff, der jenem des Mems durchaus ähnelt. Denn Diskurse bestimmen die Menschen mit Dennettschen Memen vergleichbar, nur dass sie einen primär äußerlichen Charakter haben, der sich freilich seelenbildend benimmt. Die neurowissenschaftliche Dimension holt Foucault mit dem Begriff der Lebenswissenschaften auch ein, nur dass er ihn distanzierter sieht als Dennett.

Wenn die genetische wie die memetische Evolution auf Bottom-up-Prozessen beruht, die sich nur bei letzterer dann zunehmend oder zumindest teilweise in Top-down-Relationen umkehren, so reflektiert Dennett damit einerseits materialistisch die Macht der Verhältnisse über die Individuen im Sinn von Marx. Andererseits entspricht das aber auch der postmodernen Verabschiedung des mächtigen Subjekts, das Herr über seine Welt ist. Dabei entsteht hinsichtlich der Sprache eine Parallele zwischen Dennett und der Debatte im Anschluss an Nietzsche und Saussure. Wenn das Mem spricht, hat Heidegger längst gesagt, dass die Sprache spricht oder Gadamer, dass die Sprechenden nicht das Gespräch führen, sondern ins Gespräch verwickelt werden.

Die Top-down-Prozesse, die in der Kulturentwicklung zunehmen, betreffen primär die mächtigen führenden Persönlichkeiten. Doch Dennett sieht es gerne, dass sich besonders in den Naturwissenschaften die Autorenschaft bei Publikationen zunehmend pluralisiert. Das ändert jedoch wenig an den hierarchischen Prozessen, die vor Jahrzehnten dadurch kritisiert wurden, dass man beispielsweise anfing, Sozialgeschichte und keine Heldengeschichten zu schreiben. Wie weit Dennett aber in kulturellen Zusammenhängen Bottom-up-Prozesse in der Weise begreift, dass Bürger von sich aus die Politik oder die Gesellschaft beeinflussen, gerade wenn sie das derart, wie es sich dann realisiert, gar nicht intendierten, das bleibt offen. Das wären Beispiele für Bottom-up-Prozesse mit partiellen und verschobenen Top-down-Effekten, just wenn immer deutlicher geworden ist, dass sich gerade die großen Top-down-Hoffnungen als Illusion erwiesen bzw. regelmäßig gnadenlos scheitern.

So sieht auch Dennett ein, dass sich gerade die Informationstechnologie auch höchst ambivalent entwickelt. Trotzdem stellt diese für ihn eine theoretische wie praktische Orientierung dar, so dass er Bewusstsein begeistert in solchen Termen beschreibt, lenken Meme denn als Programme auf der Benutzeroberfläche das Bewusstsein, das sich wie ein PC-User von der Technologie animieren lässt, das ähnlich wie die meisten User nur die Oberfläche kennt, aber weder vom Funktionieren der Soft- wie der Hardware keinen Schimmer hat. So entwirft Dennett den Menschen informationstheoretisch und neurowissenschaftlich, was für ihn natürlich zu keiner performativen Prägung führt.

Während er damit natürlich meilenweit von Heidegger entfernt ist, der gerade davor warnt, Mensch und Welt nur noch technisch zu denken – Dennett denkt den Menschen technisch –, nähert er sich diesem doch in einer anderen Hinsicht an. Denn Verständnis, dessen was man tut, gerade auch kulturelle Zusammenhänge zu erkennen, ist für Dennett ein wichtiger kultureller Entwicklungsprozess, den die Evolution noch gar nicht kennt, den aber die Meme langsam und immer stärker ermöglichen – man denke an die Top-down-Prozesse.

Denn zunächst handelt es sich bei den Memen um keine geplanten Prozesse, die von den Beteiligten bewusst verfolgt würden. Schon der Frühmensch im Übergang vom Naturmenschen verfügt über diverse Kompetenzen, ohne dass man erwarten kann, dass er sich als beteiligt an einem kulturellen Prozess versteht. Einen solchen Überblick kann er gar nicht haben, so dass er kein Verständnis dafür hat, was dabei vor sich geht, wenn er etwas tut, was Meme in seinem Gehirn ihm eingeben, was Meme mit ihm machen.

Doch ein kulturelles Verstehen hat sich gerade in den Wissenschaften ausgebreitet und stellt heute eine zunehmende kulturelle Option dar. Just wenn sich Kompetenz an Verstehen koppelt bzw. darin übergeht, öffnen sich kulturelle Chancen. Dann ist Dennett jedoch in der Hermeneutik angekommen, die von Heidegger über Gadamer bis zu Vattimo ontologisch gewendet wurde. Auch hier gibt es Parallelen. Vielleicht sollte man Meme etwas mehr hermeneutisch und konstruktivistisch interpretieren. Das wäre nicht mehr im materialistischen Sinn von Dennett, könnte aber seine Theorie befruchten und erweitern, wie er umgekehrt diese angeführten Denkmodelle inspirieren müsste.