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Zu: Max Czollek, Desintegriert euch! München 2018, Carl Hanser, 208 S., Hardcover, € 18

Desintegriert euch! ruft der jüdische Autor Max Czollek, 1987 in Berlin geboren und dort aufgewachsen, nicht nur der jungen jüdischen Szene in Deutschland zu. Denn er will nicht mehr beim Gedächtnistheater um Holocaust und deutsche Schuld als Vorzeigejude mitspielen, der die richtigen Antworten gibt, um den Deutschen zu bescheinigen, dass sie mit ihrer Vergangenheit angemessen umgehen.

Nicht etwa, weil das Gedächtnistheater gescheitert wäre, seit die AfD Wahlerfolge hat! Nein, die deutsche „Dominanzkultur“ war sogar sehr erfolgreich. Dabei geht es Czollek nicht primär darum, dass Migranten – woher sie immer kommen – zur Anpassung gezwungen werden. Vielmehr fordert man diese Menschen auf, sich in eine Gesellschaft zu integrieren, in der tagtäglich gegen sie Gewaltakte verübt werden, Flüchtlingsheime brennen und der NSU-Terror unzulänglich verfolgt wurde. Da denkt Czollek lieber an den jüdischen Widerstand gegen die Nazis, auch an die wenig beachteten jüdischen Racheakte nach dem Ende des Krieges.

Ja, für Czollek hat das Gedächtnistheater überhaupt einen anderen Sinn, nämlich früher die Nationalsozialisten und später ähnlich Eingestellte in die demokratische Gesellschaft zu integrieren. Schließlich sprach Franz-Josef Strauß mal davon, dass rechts von ihm die Wand sei. Von hier zieht Czollek eine Linie über Martin Walsers Verdikt über das Berliner Holocaust-Mahnmal als „Monumentalisierung der Schande“ 1998 und zum heutigen Heimat-Theater, das ja nicht nur die konservativen Parteien aufführen. Besonders fatal erscheint ihm, dass sich dem grüne und linke Parteien anschließen.

Wenn Czollek unter anderem in diese Linie auch jenes berühmte Wort vom Tag der Befreiung des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 einbaut, dann übersieht er freilich, dass daraufhin der Historiker-Streit ausbrach. In der Tat gibt es bis heute eine innere Auseinandersetzung um die deutsche Geschichte, die die deutsche Gesellschaft weiterhin spaltet.

Czollek verweigert sich auch jeglichem Verständnis gegenüber dem Tagesgeschäft der politischen Parteien, die nun mal Wahlen gewinnen müssen, was in Deutschland mit der Erinnerungskultur noch immer schwierig ist. Dass diese in den fünfziger Jahren kaum vorhanden war, und dass sie sich erst im letzten halben Jahrhundert massiv intensiviert hat, das gesteht er nicht zu.

Für Czollek führt diese Erinnerungskultur in eine deutsche Leitkultur, die Integration verlangt. Dagegen ist die deutsche Gesellschaft längst eine bunte und vielfältige geworden, die es gegen die diversen Wiedervereinheitlichungsbemühungen weiter zu entfalten gilt.

Gegen Heinrich von Treitschke, der 1879 vor einer „deutsch-jüdischen Mischcultur“ warnte und die Juden zur Assimilation aufrief, plädiert Czollek so provokativ wie leidenschaftlich „für eine Erhaltung dieser ‚Mischcultur‘ in Deutschland, für eine jüdisch-muslimische Leitkultur.“ Gegen die „Flut“ aus den „Kloaken“ – bewusst dreht er eine nationalsozialistische Terminologie um – fordert er eine „Allianz“ aller, die eine pluralistische offene Gesellschaft erhalten wollen. Ansonsten befürchtet er, dass diesmal zwar vielleicht erst die Moscheen, aber dann auch wieder die Synagogen brennen.