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Zu: Charlotte Casiraghi, Robert Maggiori, Archipel der Leidenschaften – Kleine Philosophie der großen Gefühle, München 2019, C.H. Beck, hardcover, 342 S., € 26.

Charlotte Casiraghi und Robert Maggiori klinken sich in den verbreiteten Trend der Literatur zur Liebe ein, diese im Stil des 19. Jahrhunderts zu entwerfen. Von romantischer Liebe sollte man dabei nicht reden, da sich diese im engeren literarischen Sinn nur im Himmel erfüllt. Das wollen doch letztlich die wenigsten. Alles im Buch wirkt sehr konventionell und durchschnittlich. Aber kann man von einer monegassischen Prinzessinnentochter böse Bücher erwarten, die mit dem Mainstream brechen. Damit würde sie womöglich den Ruf ihrer Familie demolieren.


Aber arg idealistisch, um nicht zu sagen naiv, klingt denn doch manches in diesem Buch: „Liebe hat keinen Gebrauchszweck. Man liebt nicht, um zu . . . – um jung zu bleiben, um nicht mehr allein zu sein, um Kinder zu zeugen oder abends jemanden zu haben, der auf einen wartet.“(28) Aber darf man dann nicht die Frage stellen, warum man liebt? Das sieht so aus, als wäre man der Liebe ausgeliefert. Dann aber folgt man nicht einfach dem Ruf der Liebe, sondern man befolgt die gesellschaftlichen Konventionen, die die jungen Leute in die Ehe zu locken versuchen, damit sie zur sozialen Reproduktion beitragen. Gesellschaftlich preiswert bleibt, wenn die Eltern ihre Kinder versorgen. Dann soll man der ersten Liebe anheimfallen, keine Frage stellen, ergibt sich vielmehr alles Weitere von selbst.

Sollte man zweifeln, dann winken die beiden Autoren mit dem höheren Wert der Liebe, vor allem aber damit, dass man an ihr nicht drehen dürfe. Dann fangen die jungen Leute – und nicht nur die – nämlich an, eigene Ziele zu verfolgen, die mit den demographischen nicht kompatibel sind. Aber wer lässt sich das noch vorschreiben? Doch es gibt eine Klientel, nämlich jene, die in der Liebe keine Erfolge haben und alle, die fürchten verlassen zu werden, Eva Illouz beispielsweise. Wenn ein blindes Huhn ein Korn gefunden hat, dann möchte es dasselbe erhalten und sinnt nach Ideen, die dem Korn das Weglaufen versagen. Es sind wirklich die Schwachen, die dieses Liebesverständnis prägen, aber die unangenehm Schwachen, die die Liebe zu einem Herrschaftsmittel machen möchten im Dienste ihres Willens zu Macht.

Das muss man denn auch noch ganz persönlich nehmen. Wagt man nachzufragen, beleidigt man gar die geliebte Person. Daher nicht nachdenken! Denn „Die Liebe hat auch keine Vernunft; sie ist verrückt. Daher ist es zwecklos, (sich) zu fragen, weshalb man liebt. Das geringste ‚weil‘ ist verletzend – weil du intelligent bist, weil du gut reden kannst, weil du lieb bist“. (28) Das erscheint doch als ein schrecklicher Moralismus. Wen liebt man, wenn man die Frau ohne Eigenschaften liebt? Ein Phantom, eine Person, die keine ist, etwas das es gar nicht gibt, genauer das Nichts, jene ominöse Seele. Und nur wenn man dieses Nichts liebt, liebt man richtig. Ist eine solche Liebe wirklich erstrebenswert?

Dann folgen weitere fromme Sprüche, die schlicht und ergreifend alle falsch sind: „denn es hieße, dass die Bösen und die, die nicht gut reden können, kein Recht auf Liebe haben. Die Liebe ist keine Würdigung eines Wertes, den die Vernunft bemessen kann. Alle verdienen es, geliebt zu werden, einfach weil es ebenso wenig ein Verdienst ist zu lieben, wie geliebt zu werden.“ (28) Niemand hat ein Recht auf Liebe. Ein Recht kann man gegenüber einem Staat geltend machen. Im Naturzustand fehlt der Ansprechpartner, gibt es auch keine Rechte, die man nicht selber durchsetzt.

Aber hat nicht jeder ein Recht auf die göttliche Liebe wie auf Sozialhilfe? Die Christen unterstellen ihrem nachgeborenen Gott, er würde alle lieben. Wirklich? Auch Eichmann, den langjährigen Nazi-Kanzler? Den Reichsführer SS? Atta? Attentäter? Wenn das der Fall ist, will man von jemandem geliebt werden, der solche Leute liebt?

Gibt es unter solchen Leuten Liebe? Kann man sich vorstellen, dass Magda und Joseph Goebbels jemanden liebten? Oder Andreas Baader und Gudrun Ensslin? Casiraghi/Maggiori vergleichen die Liebe mit der Freundschaft und bemerken, „dass Freundschaft sich in fast nichts von Liebe unterscheidet.“ (43) Der Sex fehlt. Aber ähnlich wie für Cicero, für den es Freundschaft nur unter Ehrenleuten gibt, stellen Casiraghi/Maggiori fest: „Streng genommen haben Halsabschneider oder der Verbrecher gar keine Freunde – außer denen vielleicht, die gar nicht wissen, dass der eine mordet und der andere über Leichen geht, um an sein Ziel zu kommen; sie haben nur Komplizen.“ (46) Kann das in der Liebe anders sein? Das darf man doch bezweifeln. Eltern können Kinder nicht lieben, wenn es sich um Verbrecher handelt und umgekehrt. Und wenn doch, dann handelt es sich wohl eher um Freuds Wiederholungszwang. Zudem gibt es ziemlich viele, die es nicht verdienen geliebt zu werden. Und umgekehrt bleibt Liebe immer ein Verdienst. Sie fällt nicht vom Himmel. Sie glückt genau dann, wenn zwei sich gegenseitig wertschätzen, aus welchen Motiven auch immer und sei es auch nur, weil man das Angebot für die letzte Eisenbahn hält.

Deshalb stimmen denn auch die folgenden Sätze wiederum nicht: „Liebe ist radikal, sie kennt weder die goldene Mitte noch Halbheit. Es gibt keine Halbliebe, ebenso wenig wie ein Halbvertrauen.“ (28) Doch, es gibt nur Halbliebende, schließlich gibt es ja auch immer Alternativen, die natürlich notorisch verunsichern. Nur jene, die Verlustängste haben, hören das gar nicht gerne und stellen das als krankhaft dar. Oder jene, die sich für eine Liebe entscheiden wollen, um dieses Problem loszuwerden. Aber die große Liebe ist nur eine religiöse oder literarische Erfindung, die in den Kitsch abzudriften droht. Nicht dass sich manche mehr und andere weniger lieben und das auch keinesfalls ständig, sondern eher ständig schwankend. Aber Odysseus war schlicht am Ende, als er nach Ithaka zurückkehrte. Sieben Jahre bei Kalypso waren ihm wohl doch zu langweilig und kaum kommt er heim, möchte er wieder fort. Man darf sogar unterstellen, dass er Penelope liebte, aber eben wie die meisten nur als Halbliebender. Und wer volles Vertrauen hat, erscheint als naiv.

Im weiteren formulieren die Autorinnen eine religiöse Vision von Liebe, keinesfalls aber die Liebe, wie sie lebt: „Und ebenso wenig kann Liebe zeitlich beschränkt sein, ein Ablaufdatum haben. Wer würde es wagen, dem oder der Geliebten zu sagen, er liebe nur eine gewisse Zeit, bis nächstes Jahr, drei Monate lang oder fünf Jahre. Wenn man liebt, kann man sich ein Scheitern, einen Verfall und ein Ende der Liebe nicht einmal vorstellen – ich werde dich immer lieben, wir werden uns nie trennen.“ (28) Es gibt durchaus Leute, die Zeitverträge abschließen. Wäre es nicht diskriminierend, wenn man ihnen abspricht zu lieben? Worin Casiraghi/Maggiori recht haben, ist, dass sich Liebe schlecht planen lässt. Dann werden die Zeitverträge halt verlängert. Wer aber den letzten Satz unterschreibt, der handelt gedankenlos, vielleicht sogar hinterhältig. Denn wer einen solchen Satz sagt, weiß genau, dass er nicht stimmt, es sei denn es handelt sich um Kinder. Und natürlich denken die Leute ständig an den Verfall der Liebe, spätestens seit sie nach Ulrich Beck in der Risikogesellschaft leben und Ehen fleißig geschieden werden. Ja, man hätte nicht darüber reden dürfen. Aber jetzt ist es zu spät. Deswegen sichern sich ja viele durch Eheverträge ab. Alle, auch die Verliebtesten, wissen um die Fragilität der Liebe. Welch eine Ideologie wird in diesem Buch vertreten!

Und wider besseres Wissen wird knallhart diskriminiert, nämlich alle jene, die nicht blind durchs Leben laufen wollen. Sie werden für liebesunfähig erklärt: „Da Liebe unmöglich nur eine gewisse Zeit lieben und, während sie liebt, in Betracht ziehen kann, eines Tages nicht mehr zu lieben, ergibt sich daraus die Schlussfolgerung, dass das, was endet, keine Liebe sein kann. Liebe liegt immer vor uns, ist immer das Kommende.“ (29) Wenn der letzte Satz stimmt, dann gibt es keine Liebe, handelt es sich bei Liebe um eine Vision des Zukünftigen. Und man verlangt von den Zeitgenossen sich auf etwas derart Unverständliches einzulassen, ja sogar noch das Leben daran auszurichten. Am Anfang des Buches steht ein Satz, der die anderen, die liberale Welt, die unmoralisch Promiskuiven kritisieren soll: „Es ist eine neue Art der Machtausübung entstanden, die in der Lenkung von Emotionen besteht.“ (17) Er fällt auf die Autorinnen zurück. Die Liebe ist an die Stelle des protestantischen Gottes getreten, dessen Wege angeblich unergründlich seien.

An welchen Gott auch immer glauben zu viele nicht mehr, so dass sich darauf kein Staat gründen lässt. An die Liebe glauben immer noch viel zu viele, mit denen sich dann Staat machen lässt. Dann kann die andere Person alles erwarten, gibt es keine Einwände bezüglich eigener Interessen, was ja ganz ungehörig wäre. So heißt es im Buch:  „Liebe erwartet keinerlei Gegenseitigkeit als Lohn. Was aus einem Wunder heraus entsteht und trotzdem jeden Tag wieder eintrifft, ist die Tatsache, dass ich einen Menschen liebe und dass dieser mich ebenfalls liebt – aber ich liebe ihn nicht, weil er mich liebt. Wesentlich ist es zu lieben, aktiv und ohne Einschränkungen Grenzen, Gründe und Bedingungen. Liebe folgt nicht der Koppelung von lieben und geliebt werden.“ (29) Wenn sich dabei die andere Person im Einklang mit den Üblichkeiten und der Sitte befindet, dann argumentiert sie selbst nicht egoistisch. Just das erscheint dann als altruistisch und lässt sich denn auch wunderbar mit den staatlichen und sozialen Erfordernissen in Einklang bringen.

Wer Kinder will, der ist nicht egoistisch. Wer diese verweigert, kann dann im Nachhall einer gemeinschaftsorientierten Argumentation als neoliberal diskriminiert werden. „Aber er sollte sich von seinem Ich lösen und bedingungslos bejahen, dass der Andere zuerst kommt (diese ‚skandalöse‘ Behauptung stellt ein Gesetz auf, dessen Einhaltung unmöglich scheint und doch dem Natürlichsten der Welt entspräche, der elterlichen Liebe (. . .).“ (31) Wie man auf die Idee kommt, dass die Elternliebe natürlich ist, verstehe ich nicht. Tiere folgen ihren Trieben, Menschen sicherlich auch. Aber viele kümmern sich um ihre Kinder nicht, viele missbrauchen sie sogar. Im Adel war die Zwangsverheiratung weit verbreitet. Wer vermögend ist, lässt seine Kinder von anderen erziehen, für die man zahlt. Das gibt es Elternliebe, die nur deren Willen zur Macht realisiert.

Damit will ich nicht dementieren, dass viele ihre Kinder angemessen lieben, was aber eher eine kulturell gelernte Angelegenheit ist, denn eine Naturanlage. Just daher erscheinen die folgenden Sätze fragwürdig: „Tatsächlich gibt es keine Liebe, die nicht das Gute für die Person wollte, die man liebt. (. . .) Aber diese Zuwendung bedeutet weder Macht über den Anderen noch Selbstaufgabe. (. . .) Insofern ist Liebe wie etwas Göttliches im Menschen.“ (32) Man kann ja das Gute für den anderen wollen. Aber ob das auch das Gute ist, was sich dieser andere wünscht, muss offen bleiben. Es handelt sich auch dabei häufig um einen Willen zur Macht.

Die beiden Autorinnen sehen wenigstens eine Problematik der Liebe: „Die Liebe ist zweifelsohne radikal und totalitär. Sie liebt bis zum Äußersten, ohne ihr Ende in Betracht zu ziehen, und liebt an der geliebten Person alles. Aber das Subjekt ist nur ein liebendes, wenn es sich nicht bis zur Erniedrigung selbst beraubt und nicht bis zur Arroganz an sich selbst berauscht.“ (34) Alles zu lieben, kann man doch wirklich nur als Blindheit bezeichnen. Ja, das kommt schon vor, aber zumeist wiederum bei jenen, die massiv unter Verlustängsten leiden. Durch selbsterniedrigende Hingabe will man zumeist eine ähnliche Reaktion von der anderen Person erreichen.

Das Buch handelt natürlich nicht nur von der Liebe, sondern von einer Vielzahl von Gefühlen. Mich interessierte hier aber nur das, was über die Liebe geschrieben wird. Das reiht sich ein in einen traditionalistischen Trend, der in eine Prämoderne zurück will, der die Liberalisierungen der letzten Jahrzehnte schrecklich findet. Frustrierte Linke verstehen dann sogar die neuen Rechten und deren Propaganda ist von solchen traditionalistischen Liebesvorstellungen auch nicht so weit entfernt.