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Zu: Johannes Fried, Dies Irae – Eine Geschichte des Weltuntergangs, München 2016, C.H.Beck, 350 S. mit 44 teils farbigen Abbildungen Gebunden, € 26,95

 Wenn sich die Sonne in eine Supernova verwandeln wird, verbrennt auch die Erde, die dann schon lange Zeit unbewohnbar sein wird.  Aber vielleicht schaffen es die Menschen auch schon vorher, die Erde zu zerstören, sei es durch extensive Umweltzerstörungen oder durch einen Atomkrieg. So verwundert es nicht, dass der Weltuntergang in den modernen Massenmedien ein verbreitetes Thema darstellt, vor dem sich die Zeitgenossen bereitwillig gruseln. Doch neu ist das Thema keineswegs, auch nicht die damit verbundene Angst.

Nein, dem Weltuntergang eignet nicht nur eine Geschichte, die der Historiker und Sigmund-Freud-Preisträger für wissenschaftliche Prosa 2006, Johannes Fried, der bis zu seiner Emeritierung Mittelalterliche Geschichte an der Universität Frankfurt lehrte, in seinem Buch Dies Irae beschreibt. Vor allem hat der Weltuntergang auch einen Anfang, nämlich im Christentum, das diese Vorstellung als erste Religion entwickelt, obgleich es dabei auf Vorläufer im Judentum zurückgreift.

Ähnliche jüdische Vorstellungen beschränken sich indes auf einen göttlichen Gerichtstag, bei dem die Vorstellung eines Höllenfeuers zwar bereits vorhanden ist. Doch das verbrennt nur diejenigen, die gegen Gottes Gebote verstoßen haben. Danach geht das Leben messianisch neu geordnet weiter.

Der jüdische Schmelzofen für die Sünder transformiert sich dagegen im Christentum in ein umfassendes Feuer, das die ganze Erde verbrennt, geht alles diesseitige Leben final zu Ende. Denn das Christentum lebte bereits an seinen Anfängen mit der Erwartung, dass die Wiederkehr Christi bald bevorstünde, der die Christen erretten würde. Diese Vorstellung steigert sich mit der Zerstörung des Tempels und dem Brand von Jerusalem im Jahre 70 in ein umfassendes Weltgerichts als einem finalen Ende der Welt als ganzer hinein.

So entwickelt sich im Christentum seit seinen Anfängen ein apokalyptisches Denken, das weder die anderen antiken Religionen noch die ostasiatischen kennen. Höchstens existieren Vorstellungen einer Welterneuerung. Dem Islam, der sich sowohl jüdischer wie christlicher Einflüsse verdankt, ist ein ähnlich finaler Weltuntergang zwar geläufig, doch dieser spielt nur eine untergeordnete Rolle, wiewohl er heute in dschihadistischen Kreisen als eine Variante des christlichen Armageddon gelegentlich gepflegt wird, als Endkampf zwischen Gut und Böse, also einem Konflikt der Kulturen.

Das Christentum entwickelt aus dem Weltuntergang bzw. dem apokalyptischen Denken eine Technik der Seelenlenkung. Denn das Jüngste Gericht als umfassender Weltuntergang lässt keinerlei Revision mehr zu. Danach gibt es natürlich keine Nachkommen mehr, die für ihre Vorfahren beten könnten. Da aber nur Gott weiß, wann der Weltuntergang stattfindet, muss man immer so leben, dass das finale Ende jederzeit kommen kann – eine apokalyptische Pädagogik, die die Menschen erzieht und lenkt. Fried schreibt: „Aufwendige lateinische und volkssprachliche Textsammlungen, oftmals illustriert, trugen das Endzeitwissen während des gesamten Mittelalters zu Lesekundigen und deren Hörern.“

Ganz überraschend bricht der Weltuntergang indes nicht über die Menschen herein, wird er vielmehr von bestimmten Zeichen angekündigt, beispielsweise von Unwettern, einer Vielzahl böser Menschen und einem Erkalten der Liebe, so Jesus in der sogenannten kleinen Apokalypse des Matthäus-Evangeliums. Auf diese Zeichen muss nicht nur der einzelne achten, sondern die Kirche wie die weltlichen Mächte versuchen solche Anzeichen zu beobachten.

Zusätzlich wies Karl der Große seine Gelehrten an, dazu auch das Alter der Erde genau zu berechnen, sollte dieser gemäß des Alten Testaments doch nur 6-7000 Jahre vergönnt sein. So addierten sie die Lebensalter von Adam, Noah, jeweils ca. 700 Jahre, Abraham ca. 160 Jahre etc. zusammen und kamen zu dem Ergebnis, dass der Weltuntergang nicht mehr fern sein konnte. Vielleicht entschloss sich Karl daher nicht einen christlichen Kaisertitel, sondern den römischen anzunehmen. Denn aus dem zweiten Thessalonicher-Brief ergibt sich, dass die Welt nicht untergeht, solange das römische Reich besteht, versuchte er damit den Weltuntergang hinauszuzögern.

Wer nun allerdings vermutet, dass mit der Aufklärung und dem Fortschritt der modernen Naturwissenschaften das Thema Weltuntergang verblasst, der sieht sich getäuscht. Das christliche Verständnis eines  Anfangs und eines Endes der Welt hat sich längst als Grundmuster in das europäische Denken eingebrannt, so dass auch die Wissenschaften heute immer noch bevorzugt nach einem Anfang und einem Ende fragen – man denke an den Urknall und den Untergang der Materie in schwarzen Löchern. Dabei läge es nicht nur näher, sich um das zu kümmern, was sich im Universum in der Nähe der Erde und in einer überschaubaren Zeit ereignet. Obendrein entziehen sich – darauf weist Kant in der Kritik der reinen Vernunft – Begriffe wie erste oder absolute Ursache oder ein entsprechendes Ende der Erfahrung, erscheinen sie vielmehr theologisch imprägniert zu sein. So schreibt Fried: „Astronomen, Physiker, Biologen oder Chemiker erweisen sich als Kinder ihrer Zeit und sind der Herkunft ihrer Kultur verpflichtet, ständig auf der Suche nach Anfängen und Untergängen, und nun immer häufiger nach neuen Erden für den bevorstehenden Untergang der alten, vertrauten.“

Heute bedrängt die Zeitgenossen die Debatte um die Auswirkungen der CO2-Emissionen und die daraus gefolgerte sogenannte Klimakatastrophe. Sie ist längst auf der obersten Ebene der internationalen Politik angekommen, kehren turnusmäßig sogenannte Klimagipfel wieder. Manche apokalyptischen Warner wie Peter Sloterdijk fordern eine kulturelle Wende und propagieren einen Imperativ wie ‚Du musst dein Leben ändern!‘ mit dem sie versuchen, in das Leben der Zeitgenossen zu intervenieren.

Die Klima-Pragmatiker suchen eher nach neuen Formen vermeintlich klimaneutraler Energiegewinnung. Sie wollen wie Karl der Große das Ende noch eine Weile hinausschieben, folgen also Apokalyptiker wie Pragmatiker damit christlichen Topoi. Fried bemerkt: „Die Endzeit verflüchtigte sich tatsächlich nicht mit der Wissenschaft. Der Weltuntergang findet auch für sie statt; die Prognostik streift sich lediglich andere, eben naturwissenschaftlich und kosmologisch gefärbte Kleider über.“

Freilich gibt es auch Gefahren für das Klima bzw. den Planeten, auf die der Mensch kaum Einfluss hat, nämlich Meteoritenabstürze oder Supervulkanismus. Unter dem Yellowstone-Park brodelt es in einem Maße, so dass – sollte es je zum Ausbruch kommen – ein dortiger Vulkanausbruch den letzten großen des Tambora 1815 im heutigen Indonesien bei weitem in den Schatten stellen würde. Nicht nur dass der Tambora eine ganze Region verwüstete. Er führte 1816 in Europa zu einem Jahr ohne Sommer, zog er Überschwemmungen und Ernteausfälle fast in der ganzen Welt nach sich und löste Flüchtlingsströme aus.

Vor solchen realen Hintergründen ist der christliche Weltuntergang weitgehend verblasst, wird heute darüber in den großen Kirchen kaum noch gepredigt. Trotzdem erschaudern immer noch viele Zeitgenossen, wenn sie von religiösen oder esoterischen Prophezeiungen erfahren, fanden im Vorfeld der letzten Jahrtausendwende die Weissagungen des Nostradamus plötzlich selbst unter manchen aufgeklärten Zeitgenossen wieder Gehör.

Als 1909 der Halleysche Komet mal wieder am Himmel auftauchte, ängstigten sich viele wie bei ähnlichen Ereignissen in den Jahrtausenden zuvor. Nur dass sie darin kein göttliches Zeichen eines bevorstehenden Weltuntergangs erblickten, sondern damals Astronomen glaubten, die im Schweif des Kometen Anzeichen für Blausäure und Zyankali – damals wohl populäre Gifte, die durch die Nazis zu besonders trauriger Berühmtheit gelangen werden – gesehen haben wollten, was der irdischen Atmosphäre gefährlich werden sollte.

Und immer wieder verkünden Sekten das Ende der Welt, gerade in den USA. Fried bemerkt: „Irgendwo lauert damit der Weltuntergang in den Tiefenschichten des kollektiven Gedächtnisses und der westlichen Psyche noch immer. Eine eigentümliche Mischung aus wissenschaftlichen Untergangsdementis und gleichermaßen wissenschaftlichen Untergangsprognosen breitete sich aus.“

Nicht nur dass also die Wissenschaften die christliche apokalyptische Tradition in gewisser Weise fortschreiben. Sie finden dadurch wie im Mittelalter bei den Menschen Gehör, die sich damals wie heute in einer chaotischen Welt ängstigen. Auch die christlichen Theologen glaubten fest an die Apokalypse, die sie dem Volk predigten, bemerkt Fried: „Das apokalyptische Repertoire hat sich nicht verflüchtigt, die eschatologische Denkfigur ist so aktuell wie eh und je.“

Davon werden gerade die Massenmedien beseelt, wiewohl man ihnen unterstellen darf, dass es ihnen dabei primär darum geht, ihren Umsatz zu erhöhen. Mit Szenarien eines Weltendes erregt man die Aufmerksamkeit der verängstigten Zeitgenossen. Dasselbe gilt für die Literatur, die Musik, den Film oder Videospiele. „Heutige Filmkunst“, so Fried, „wiederholt und propagiert – je jünger, desto eindringlicher – die Prognose eines endgültigen Untergangs von Erde und Menschheit, die sich seit Jahrhunderten im ‚Westen‘ eingenistet hat.“

Nicht nur also dass der Weltuntergang seit 2000 Jahren ein beliebtes Thema ist, mit dem nicht nur Priester, sondern heute Wissenschaftler und Journalisten die Zeitgenossen lenken. Vielmehr stellt das apokalyptische Denken ein politisches Mittel der Herrschaft des Menschen über den Menschen dar, gibt schon Machiavelli dem Fürsten den Rat, dass man mit Furcht und Schrecken das Volk am besten lenken kann. Nicht nur Thomas Hobbes wird daran anschließen. Hans Jonas entwickelt 1979 ein Prinzip Furcht, das sogar eine Pflicht zur Furcht kennt, um den Bestand der Menschheit und der Biosphäre angesichts von Umweltzerstörungen zu sichern. Fried schreibt: „Allen Erfolgen der Wissenschaft zum Trotz befreite also das Wissen der Gelehrten das ungelehrte Volk von der jahrhundertalten Kometenfurcht nicht.“

Während das Buch Dies Irae also durchaus die moderne wissenschaftliche Apokalyptik relativiert, indem es zeigt, wie das Thema Weltuntergang im christlichen Abendland seit 2000 Jahren ein beliebtes Thema ist, und insofern dazu beitragen könnte, die Ängste der Menschen zu vermindern, so möchte Johannes Fried damit andererseits nicht vor dem apokalyptischen Denken als solchem warnen, sondern die Zeitgenossen im Stile von Sloterdijk auf Gefahren hinweisen, die sie unbedingt vermeiden sollten.

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