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Zu:  Paul Mason, Postkapitalismus – Grundrisse einer kommenden Ökonomie, Berlin 2016, Suhrkamp, 430 Seiten, gebunden, € 26,95

 Vor dem Hintergrund der Weltfinanzkrise 2008 ertönt bei verschiedenen vornehmlich linken Intellektuellen umso lauter wieder eine Kritik am Kapitalismus. Innerhalb dieser neueren Debatte spielt der Begriff des Postkapitalismus bisher eine eher ungeordnete Rolle. Das könnte sich jetzt ändern, hat doch der britische Fernsehjournalist Paul Mason ein umfängliches Buch unter diesem Titel veröffentlicht, das den Begriff in vielfältigen, auch überraschenden Zusammenhängen präsentiert.

Zunächst stellt er indes die wenig neue These auf, dass der Kapitalismus untergehen wird: „Die Krise im Jahr 2008 war (. . .) nur eine erste Erschütterung, die das große Beben ankündigte.“ Und warum soll diesmal der Kapitalismus untergehen? Da gibt es zunächst externe Faktoren, die Klimaerwärmung, der man marktwirtschaftlich nicht begegnen kann, die Demographie, die mit dem Rentensystem die Staatsfinanzen ruinieren wird, und der zunehmende Migrationsdruck.

Das sind allerdings heute gängige Argumente. Eher konventionell bleiben auch einige ökonomischen. So lobt Mason das Währungssystem von Bretton Woods aus dem Jahr 1944. US-Präsident Richard Nixon löste 1971 dieses System auf und entkoppelte den Dollar von den Goldreserven. Damit ebnete er nach Mason den Weg in die neoliberale Aufblähung der Geldmenge, die nicht zuletzt die Finanzkrise 2008 nach sich zog.

Doch das Wirtschaftswachstum, das heute in eine weltweite Stagnation übergegangen ist, wird seit zwei Jahrzehnten von einer technologischen Entwicklung bedroht, womit Mason ein marxistischer Clou gelingt. Nach Marx wird der technische Fortschritt den Kapitalismus in den Zusammenbruch treiben, was sich indes bisher nicht bestätigte. Für Mason gibt es jetzt jedoch die Technologie, die die Prognose von Marx realisieren wird, nämlich die Informationstechnologie: „Es tauchen immer mehr Belege dafür auf, dass sich die Informationstechnologie keineswegs als Grundlage für einen neuartigen, stabilen Kapitalismus eignet. Ganz im Gegenteil: Sie löst ihn auf. Sie zersetzt die Marktmechanismen, höhlt die Eigentumsrechte aus und zerstört die Beziehung zwischen Einkommen, Arbeit und Profit.“

Aber haben Computer und Internet nicht zu einer eminenten Beschleunigung des Wirtschaftswachstums geführt? Nur vorübergehend, und das nur durch den Markt aufhebende Monopolbildungen, man denke an Mikrosoft, Google und Apple. Informationsgüter lassen sich dagegen beliebig vervielfältigen und zerstören dadurch klassische Eigentumsrechte – so das Betriebssystem Linux, das mit offenen Codes arbeitet. Das Internet-Lexikon Wikipedia, das von tausenden Beiträgern kostenlos geschrieben wird, hat den Lexikon-Markt zerstört. Im Internet werden Produkte kostenlos und unbeschränkt verfügbar. An die Stelle von Monopolen und gigantischen Konzernen treten Netzwerke von Benutzern, die verhindern, dass Konzerne weiterhin Geschäfte machen können: „Es tobt ein Krieg zwischen Netzwerk und Hierarchie.“
Das hat nach Mason auch schon Marx angedacht, beruft sich Mason auf einen Gedanken aus Marx‘ Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie aus dem Jahr 1858, den Marx später nicht mehr aufgriff, dass nämlich durch Wissen die große Maschinerie die Arbeitskraft verdrängen wird:  „In diesem Modell (. . .) bricht  
Kapitalismus zusammen, weil seine Existenz nicht mit dem gesellschaftlichen Wissen vereinbar ist.“

Marx hat also vom Postkapitalismus quasi schon geahnt, lautet der Untertitel von Masons Buch dementsprechend: Grundrisse einer kommenden Ökonomie. Zudem entdeckt Mason einen Ersatz für das Proletariat, Marx‘ historisches Subjekt. Denn wenn die Welt vor einem totalen Zusammenbruch steht, wer übernimmt hinterher die Macht? „Die vernetzten Bewegungen sind ein Beleg dafür, dass es ein neues historisches Subjekt gibt. Dieses Subjekt ist nicht einfach die Arbeiterklasse in neuem Gewand: Es ist die vernetzte Menschheit.“ Dazu zählt Mason die diversen Protestbewegungen in aller Welt, Umweltgruppen oder auch den vernetzten chinesischen Arbeiter.

Am Ende wird es jedoch auf den Staat ankommen, weil Postkapitalismus für Mason heißt, dass Nationalstaaten die Märkte und Konzerne kontrollieren und lenken müssen. So wird durch die Informationstechnologie eine ökologisch und demographisch nachhaltige, sozial gerechte Überflussgesellschaft entstehen, die keinen Mangel kennt. Andererseits klingt es ein wenig nach George Orwells Big Brother, wenn dabei ein neuer Mensch entsteht, der sein Leben bereitwillig vom Datennetz überwachen lässt. Mason ist mehr Marxist, als er den Anschein erwecken möchte.

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