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Zu: Peter Sloterdijk, Was geschah im 20. Jahrhundert? Unterwegs zu einer Kritik der extremistischen Vernunft, Berlin 2016, Suhrkamp, Gebunden, 345 S., € 26,95  

Obgleich das Buch eine Aufsatzsammlung enthält, löst diese durchaus ein, was der Titel verheißt Was geschah im 20. Jahrhundert? Dabei setzt sich Peter Sloterdijk jedoch nicht etwa mit rassistischen oder islamistischen Bedrohungen auseinander, wie es der Untertitel Unterwegs zu einer Kritik der extremistischen Vernunft anzukündigen scheint. Vielmehr rechnet Sloterdijk mit der Kultur des Westens ab, die er primär für die Folgen der Globalisierung, insbesondere die Klimakatastrophe verantwortlich macht, nebenbei auch für die Flüchtlingsströme wenn er bemerkt: „Wir sind eingetreten in das Zeitalter der Gegenerreichbarkeit – das ist tatsächlich der entscheidende Ausdruck.“ Doch die Bevölkerung in der arabischen Welt sei im letzten Jahrhundert von 150 auf 1200 Millionen angewachsen, so dass er warnt: „Aller Voraussicht nach wird die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts an die Exzesse des 20. Jahrhunderts erinnern.“ Man denke also an die Weltkriege und den Holocaust.
 
Nachdem in den letzten Jahrhunderten Millionen Europäer als Wirtschaftsflüchtlinge in die ganze Welt strömten und indigene Kulturen zerstörten, dreht sich die Situation heute um. Dabei kann Europa froh sein: So lange viele nach Europa wollen, geht es gut in Europa, was Sloterdijk geflissentlich übersieht. Doch für Sloterdijk wird die moderne Welt primär von einem anderen, offenbar mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts vergleichbaren, alltäglichen Geschehen beherrscht: „Die tierischen Proteine bilden den größten legalen Drogenmarkt. Die Monstrosität der Zahlen übersteigt jede affektive Bewertung – auch die Analogien zu den kämpferischen Holocausten der Nationalsozialisten, der Bolschewisten und der Maoisten schöpfen die abgründigen Routinen bei der Erzeugung und Verwertung animalischem Leben nicht aus.“ Die moderne Kultur des Westens beutet daher auch nicht mehr primär Menschen aus, wie es linke Theorien immer noch behaupten, wenn diese den Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital betonen. Sloterdijk widerspricht: „Das Hauptgewicht der aktuellen exploitation ist auf die Nutztiere übergegangen (. . .).“ Dann geht der Kapitalismus jedenfalls nicht so schnell unter.

Die Natur als wesentlichen Beitrag zur Produktion übersehen alle ökonomischen Theorien, hat sich obendrein Marx getäuscht, als er von einer Geschichte von Klassenkämpfen sprach, sind doch die Klassenkompromisse viel häufiger als die Konflikte. So erscheinen Sloterdijk die Emanzipations- und Fortschrittstheorien des 19. Jahrhunderts schlicht als naiv, hätten die daran anschließenden Experimente des real existierenden Sozialismus 100 Millionen Menschen das Leben gekostet. So spricht er gleichfalls von einem „Holocaust im Namen der Utopie (. . .)“ – eine gewisse Inflation des Wortes Holocaust, mit der Sloterdijk von der Judenvernichtung, die das deutsche Volk zwischen 1942 und 1944 durchführte, offenbar ablenken möchte.Und auch der moderne Sozialstaat beruht auf Naturausbeutung, das Klima bedrohender Energieverschwendung und entgrenzter Mobilität. Einstmalige Herrenrechte, sich anders als die Untertanen frei bewegen zu dürfen, werden demokratisiert mit fatalen Folgen für Natur und Gesellschaft. Sloterdijk schreibt: „Ebenso wenig wird darauf geachtet, dass im modernen Wohlfahrts- und Umverteilungsstaat die Unproduktivität von der Spitze der Gesellschaft an die Basis umspringt – womit sich das nahezu vorbildlose Phänomen des parasitären Armen herausbildet.“ Sollten sich doch wieder nur die „Herren“ frei bewegen, während man Menschen, die zu nichts nütze sind, wohl besser wieder wie im 17. Jahrhundert in Lager sperrt!

Außerdem insistieren nach Sloterdijk immer mehr Menschen auf Rechten, die man vielmehr beschneiden sollte, gehen sie doch letztlich zu Lasten der Natur, ufert auch der Rechtsstaat in historisch beispielloser Weise aus und zwar sowohl national wie übernational – ein Seitenhieb auf die Europäische Union. Vor allem führt die moderne Kultur in den Massenkonsum, in den Hedonismus, in die Spaßgesellschaft und geht einher mit einem Niedergang der Sexualmoral. „Darum überrascht es nicht, wenn wir in der gegenwärtigen Welt eine progressive Infantilisierung beobachten, die von einer alleserfassenden Erotisierung, einem einseitigen Denken in Kategorien der Libido, einem invasiven Therapeutismus, einem umfassenden Kult des Konsums (. . .) begleitet wird.“

Dagegen helfen weder das Internet noch Philosophien oder Medientheorien, die behaupten, es gebe keine wahre Wirklichkeit mehr. Für Sloterdijk besteht die Wirklichkeit konkret in der Infrastruktur und den Menschen, die diese befahren und dabei den Planeten nachhaltig schädigen. Der Blick aus dem Raumschiff dagegen lässt auch die Erde selbst als ein solches erscheinen: „Wenn die Erde ein Raumschiff ist, so muss seine Besatzung sich tatsächlich vor allem an der Aufrechterhaltung lebbarer Verhältnisse im Innern des Fahrzeugs interessiert zeigen (. . .). Atmosphären-Management wird darum zum ersten Kriterium der von jetzt an zu postulierenden Steuerungskunst für das integrale Raumschiff.“

Die Lenker dieses ‚Raumschiffs‘ – wiewohl nur eine Metapher – sollen die Meteorologen sein, die eine neue Ethik propagieren, die weder Emissionen noch Verschwendung zulässt und die die Einfachheit des Lebens fordert. Sloterdijk vergleicht sie mit dem Calvinismus, der eine asketische Lebensführung fordert, präsentieren sich die Meteorologen als die Reformatoren der westlichen Kultur. So fordert Sloterdijk einen fundamentalen kulturellen Wandel: „Die Zivilisierung der Globalisierung beruht, falls sie erfolgreich vonstatten geht, auf der Synergie von Recht, Wissenschaft und Technologie. (: . .) Ein solcher Wandel müsste die Ausmaße einer Kulturrevolution annehmen.“

Wenn eine Kulturrevolution nicht so blutig wie in Maos China ausarten soll, dann muss der Mensch entsprechend erzogen werden. Sloterdijk folgt dabei der Anthropologie Arnold Gehlens – Mitglied des NS-Dozentenbundes, erscheint dessen frühes Hauptwerk 1940. Gehlen geht vom Menschen als Mängelwesen aus, das Entlastungen durch Technik, Institutionen und Staat benötigt und das es entsprechend zu züchten gilt. Ähnlich braucht für Sloterdijk der Mensch dafür, dass er seine natürlichen Instinkte verloren hat, eine Kompensation, die ihm durch Unterordnung unter Autoritäten gelingt. Sloterdijk: „Die Kompensation geschieht mit Hilfe von Systemen der symbolischen Führung, die Instinkte durch Autoritäten ersetzen (. . .). Die symbolischen Ordnungssysteme entlasten jedes einzelne Menschenjunge von  der von ihm allein unmöglich zu lösenden Aufgabe, die Erfahrungen und Erfindungen seiner Vorfahren allein aus sich selber noch einmal zu erzeugen.“

Nicht nur dass der Mensch nie genug erzogen werden kann, mit der Rede vom Menschenjungen nähert Sloterdijk den Menschen dem Tier an – man erinnere sich an seinen umstrittenen Vortrag Regeln für den Menschenpark. Mündigkeit und Rechte spielen keine Rolle, wenn die kulturelle Zähmung des hedonistischen Konsumenten gelingen soll. Kulturen, die bei der Domestizierung des Menschen Erfolge vorzuweisen haben, neigen denn auch einerseits zur biederen Häuslichkeit und andererseits zum kriegerischen Heroismus – die Nazi-Idylle vor dem Hintergrund von Züchtungs- und Selektionsphantasien, schafft Sloterdijk den Menschen nach seinem Bild.

Solange dieses Züchtungsprojekt nicht in die Tat umgesetzt werden kann, solange der Philosoph noch nicht als Pädagoge praktisch wirken darf, bleibt ihm gar nichts anderes, als die Rolle des Warners einzunehmen und wie Sloterdijk apokalyptisch mit dem Untergang zu drohen, wenn die Zeitgenossen ihr Leben nicht so ändern, wie er es sich vorstellt. So „können nur erfahrene Apokalyptiker vernünftige Zukunftspolitik betreiben, weil sie mutig genug sind, auch das Schlimmste als reale Möglichkeit zu bedenken.“

Sloterdijk prophezeit dementsprechend einen Kampf der Giganten im 21. Jahrhundert. Zwei Modelle der Ethik werden auf einander stoßen, eine des fortschreitenden Wachstums und eine der Askese, die zur kulturellen Umkehr auffordert. Es ist für ihn klar, dass der Hedonismus niedergeht, und sich eine neue Ethik der ökologischen Umkehr durchsetzt. Sloterdijk propagiert: „Unbestreitbar bleibt, dass während des 20. Jahrhunderts eine neue Gestalt des absoluten Imperativs in die Welt getreten ist: ‚Du musst dein Leben ändern‘ – dieser prägt sich seither mit unwidersprechlicher Autorität in die ethischen Intuitionen vieler Zeitgenossen ein. Er imprägniert unser Bewusstsein mit dem verbindlichen Auftrag einen modus vivendi auszubilden, der den ökologisch-kosmopolitischen Einsichten unserer Zivilisation entspricht.“

Während er sich auf Ivan Illich, Hans Jonas und Papst Franziskus beruft, klingt indes nicht nur diese Prophezeiung häufig ähnlich wie Gedanken des Lebensphilosophen Henri Bergson, der in den dreißiger Jahren eine mystisch begründete Abkehr vom Hedonismus propagiert, die allerdings nicht eintrat. Sloterdijk erneuert auch Vorstellungen einer Öko-Diktatur, von der sich ihr Erfinder Hans Jonas später distanzierte: „Offen bleibt wohl allein die Frage ob die Wende zur Bescheidenheit infolge eines freiwilligen Einlenkens der Populationen in den emissionsintensiven Kulturen erfolgt oder ob die Regierungen der reichen Nationen (. . .)  sich früher oder später gezwungen sehen werden, jeweils auf ihren Territorien eine Art von ökologischem Kriegsrecht zu proklamieren, (. . .).“ Als wenn Kriegsrecht jemals eine Gesellschaft langfristig hätte gestalten können! Aber wenn Sloterdijk züchten möchte, dann braucht er dazu brutale und verrohte Züchter – ein Menschenschlag, der gemeinhin aus Weltkriegen hervorgeht, wenn traumatisierte Soldaten den Weg zurück in den Frieden nicht finden. Gut dass man Sloterdijk eine Professur gegeben hat.


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