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Involution statt Revolution – Bildung und Politik im Informationszeitalter  

Bildung scheint ein überholter Begriff zu sein. Aber er könnte eine relativ neue Bedeutung gewinnen, wenn man ihn unter Individualisierungsbedingungen aus seinen etatistischen Fesseln löst und ihm zumindest partiell einen individualistischen Sinn verleiht und zwar vor dem Hintergrund der Medienentwicklung. Medien sind nämlich das Bindeglied zwischen Bildung und Politik. Ohne Medien gibt es keine Politik: ohne den ödipalen Klumpfuß keine Befreiung Thebens von der Tyrannis der Sphinx, die fast alle Spuren lesen kann, bis auf die verkrüppelte des Ödipus; ohne Sprache keine Frage der Gerechtigkeit, also keine Politik; daraus folgt, wer nicht elaboriert sprechen und nicht schreiben kann, hat keinen Anteil an der Politik. Ergo Medien – Sprache, Schrift, Rundfunk, Internet – konstituieren die Politik – und machen dadurch Bildung für die Politik unabdingbar, und d.h. auch immer schon Medienbildung, wiewohl in einem weiten Wortsinn:

Einerseits im Sinne einer elitären bzw. exkludierenden Politik, wenn Bildung zur Politik befähigt und jene, die sie nicht haben ausschließt – wer nicht gebildet ist, kann an der Politik nicht partizipieren und zur Bildung braucht man auch Vermögen. Man braucht mediale Kompetenzen, zunächst sprachliche Fertigkeiten, z.B. Rhetorik – Analphabeten können keine Politik machen, höchstens gewaltsamen Widerstand leisten –, kommunikative Kompetenzen, mit denen man Einfluss auf Kunst, Wissenschaft und heute die Massenmedien auszuüben in der Lage ist: Im Sinne von Jacques Rancière die Politik der Reichen, die eigentlich gar keine Politik ist, weil sie die Armen von vornherein ausschließt. Für die Politik der Reichen ist Bildung Politik – Bildung, die ungleich verteilt ist, was diese für gerecht oder natürlich halten.

Andererseits im Sinne einer partizipatorischen, involvierenden Politik, wenn Bildung die von einer Politik Ausgeschlossenen an dieser teilhaben lässt und dadurch Involution ermöglicht: Anteilnahme, Teilhabe, eben wenn die Anteillosen die Stimme erheben, also medial in Erscheinung treten, um ihre Anteillosigkeit in Frage zu stellen. Das Umstürzen aller Verhältnisse, die Revolution, wechselt nur die Eliten aus, schaffte im republikanischen Rom einen plebejischen Adel, führte in den realsozialistischen Ländern kommunistische Kaderparteien an die Macht. Die Revolution verstellt den Weg zu einer partizipatorischen Politik, mit der die Ausgeschlossenen, die Anteillosen, also die Armen, Minderheiten, Benachteiligte sich um Involution bemühen. Nicht wie in verschiedenen Diskursen im Sinn von Rückbildung gebraucht[1], was ja mit Revolution viel besser ausgedrückt wäre – Re-involution, ergo Revolution –, wohl aber durch deren populäre politische Bedeutung verstellt wird – avanciert im vorliegenden Text die Involution im Sinn von Hineindrehen zum Gegenbegriff der Revolution: Wenn man dazu gezählt werden will, heißt das, andere nicht auszuschließen (wie die diversen diskriminierenden Bewegungen die Bourgeoisie, die Juden, die Zugewanderten, die Homosexuellen ausgrenzen und vernichten); wenn man diese gerade nicht diskriminieren will (das ist die Differenz zu jeglicher Art von Völkischem und Rassischem, aber auch zu revolutionär Proletarischem wie fundamentalistisch Religiösem); wenn man Politik dadurch macht, dass man die Ordnung zwar in Frage stellt, aber nur soweit, wie man nicht dazu gehört, ohne andere aus der Politik vertreiben zu wollen, dann bemüht man sich um Involution.

Wie die Politik, die sich der Frage der Gerechtigkeit verdankt, beruht Involution auf Bildung, im Besonderen auf Medienbildung, die nötig sind, um am politischen Diskurs teilzuhaben, wenn die eigenen Impulse von anderen wahrgenommen werden und somit politisch werden. Daher lässt sich diese Bildung von staatlichen Bildungsinstitutionen nicht oder nur ansatzweise erwarten und neigt gemeinhin dazu, das Individuum in seiner vorgegebenen Rolle festzuhalten, entweder als Anteilhabender oder als nicht Involutierter. Man kann solche Bildung auch nicht privatisieren, also in die Hand von privaten Bildungsinstitutionen geben, die entweder ökonomisch oder ideologisch ausgerichtet sind.

Was jenseits staatlich wie privat organisierter Bildung nötig ist, das ist eine der Sachlage angemessene Selbstbildung des Individuums, um entsprechend an der Politik zu partizipieren. Denn staatliche wie private Institutionen verhindern dergleichen zumeist – von der Industrie finanzierte Universitäten oder staatliche Elitehochschulen. Und staatliche Bildungsförderungen lassen bekannter Weise die Bildungsrendite sinken und unterstützen damit auch nicht unbedingt politische Partizipation oder gar Involution.

Woraus die Zeitgenossen ihre Motive und Antriebe zur Involution entwickeln, muss nicht geklärt werden. Aber es gibt Individuen, die Camus, Sartre und de Beauvoir beschreiben, die widerständig Involution beanspruchen, sich dabei auch ihrer staatlich, familiär oder privat verordneten Bildung bedienen, um diese dabei jedoch zu überschreiten. Gerade Frauen in der westlichen Welt haben das vorgeführt, aber auch die Farbigen in den USA oder die Homosexuellen: Wenn das staatliche Bildungsangebot zur eigenen Emanzipation nicht ausreicht, wenn man ausgegrenzt wird, dann muss man sich selbst um die eigene Bildung kümmern, entstehen häufig bei solchen Gelegenheiten Gruppen, in denen man sich gegenseitig inspiriert – man denke zuletzt an Occupy.

So gehört zu einer individualisierten Bildung ein Selbstdenken, das sich ideologischer, ökonomischer oder religiöser Bevormundung und Unterordnung unter ein Gemeinwesen entzieht. Vor einem halben Jahrhundert hat man dazu Marx gelesen. Heute beschäftigt man sich mit allem Möglichen, entweder konkreten Problemen oder strukturellen Horizonterweiterungen, beispielsweise mit Sprachphilosophie, Medientheorien, Hermeneutik und Dekonstruktion: Wer Involution will, der muss sich selbst mühsam bilden, weil sich anders ein involvierender Diskurs nicht auf den Weg bringen lässt.

Eine Revolution scheitert an solchen Ansprüchen von vorherein, geht es ihr ja prinzipiell darum, dass sich möglichst viele Zeitgenossen daran nicht aktiv, sondern bloß passiv beteiligen: die sogenannten Massen. Involutive Bildung findet sicher nicht alleine statt, braucht die Anderen, aber gerade nicht als Massen so wenig wie als Volk. Masse und Volk machen gerade keine Politik, bleiben immer ausgeschlossen, können sie sich gar nicht anders denn als Herde benehmen. Herden haben keine Sprache, sondern drücken nur Lust und Leid aus – man denke an die Zuschauer eines Fußballspiels oder an die Teilnehmer von Demonstrationen.

Diese Konzeption von Bildung im Zeitalter der Individualisierung, wenn Bildung in der Politik zwischen traditionellen, revolutionären und involutionären Ansprüchen pendelt, wirft auch ein Licht auf andere politische Modelle und beurteilt damit deren politische Relevanz. Welche Rolle spielen Medien und Bildung bei Platon, Rawls oder Carl Schmitt? Welche Rolle haben sie in Antike, Aufklärung und im 19. Jahrhundert gespielt? Welche Politik befeuern sie damit? Die höhere politische Ordnung, den politischen Konsens oder Krieg bzw. Revolution?

Welche Rolle spielen dann die Medien in der jeweiligen Politik und welche jeweilige Bildung braucht das Individuum, um sich medial wie politisch zu involvieren oder unterzuordnen? Ausschlussverfahren dominieren alle diese drei Modelle seit der Antike, so dass sich für das Zeitalter der Individualisierung die Frage stellt, inwieweit und auf welche Weise Bildung und Politik Involution ermöglichen oder verhindern. Schließt ein Individualisierungskonzept von Bildung, das sich auf Involution kapriziert, dabei an die traditionellen Bildungsverständnisse an? Heißt involutive Bildung heute primär Ökonomie oder Soziologie? Welche anthropologischen Vorstellungen verlangen welches Bildungskonzept und welches politisches Verständnis? Braucht der politische Mensch Allgemeinbildung, politische Bildung oder welche Medienbildung, wenn er in einem demokratischen Gemeinwesen lebt und er sich nach eigener Façon ausleben möchte? Das schließt natürlich keinesfalls die gesellschaftliche Bedingtheit der individuellen Existenz aus, wenn durch sie die diversen Vokabulare und Informationen hindurchfließen. Doch just weil das so ist, kann das Individuum daran auch drehen, nein, keine Berge versetzen, aber Impulse geben, indem es Vokabulare und Informationen metonymisiert, oder schlicht sie anders weitergibt, als sie gesendet wurden. Jede Bürgerin nimmt am Leben der Sprache teil und damit an ihrer permanenten Veränderung, somit an einer Vielzahl von Medien und wirkt auf diese auch zurück.

Daher ändern sich unter Individualisierungsbedingungen und angesichts eines existentialistisch selbstverantwortlichen Zeitgenossen – Verantwortung, die nichts mit dem Sozialsystem zu tun hat – die Anforderungen an Bildung, die aus Autonomie und Widerständigkeit heraus nicht gänzlich eine politische Angelegenheit ist, vielmehr auch eine individuelle. Aber welche Bildung braucht der individualisierte Zeitgenosse, wenn er sich politischer Lenkung durch Bildung entziehen möchte, um sich auf eigenen Pfaden zu bewegen und um sich gleichzeitig um Involution zu bemühen? Kann er sich etwa mit dem zufrieden geben, was ihm die aktuelle Politische Wissenschaft an Wissen über politische Systeme, internationale Beziehungen, Governance- und Policy-Forschung liefert? Offenbar nicht, denn damit lieferte er sich einem herrschenden Diskurs aus, der ihm lenkend einen bestimmten sozialen Platz zuweist, mit dem er sich nicht zufrieden geben muss. Stattdessen wird er die Codes, die ihn durchqueren, derart manipulieren, um eigene Wünsche oder weitergehende Involution zu realisieren.

Wenn Politik auf Medien beruhen, man folglich dazu Bildung braucht, dann wird das Individuum die Wirklichkeit in Frage stellen, die ihm Politik, Medien und Wissenschaft vorgaukeln, müssen sich die involutiven Zeitgenossen vielmehr darum bemühen, viele verschiedene Perspektiven auf das Wirkliche, eine Vielfalt von Ereignissen zu werfen, statt sich um den sinnlosen Blick auf das Ganze zu bemühen oder vor apokalyptisch aufbereitete Bedrohungsszenarien, Rettungshoffnungen der Menschheit und Bekehrungsbemühungen zu erstarren. Niemand muss sein Leben ändern, wie es kynisch beseelte Interventionisten und Menschenzüchter predigen. Stattdessen gestalten die Zeitgenossen hedonistisch im Dienst der eigenen Lust und eines belebenden Miteinanders ihr Leben so, wie es ihre politischen Involutionswünsche ihnen eingeben. Dazu bemüht man sich selbsttätig um die passende Bildung – und im Besonderen um Medienbildung, greift auch auf öffentliche Angebote zurück, wenn diese dienlich erscheinen – eine Chance für Bildungsinstitutionen und Wissenschaften. Um Involution zu befördern, bleibt der Politik und öffentlichen Institutionen gar nichts anderes, als das nachzuahmen, was aktive Bürgerinnen ihr vormachen oder wozu sie sie gar zwingen – man denke an die Ökologisierung der Welt und die Frauenemanzipation, die von den Zeitgenossen selbst ausging, bevor Staaten und Parteien auf den Zug aufsprangen. Wie stark man diese Zivilgesellschaft dabei einschätzen will, lasse ich offen. Jedenfalls hat sie Einfluss auf die Politik, auf Medien und letztlich auch auf die Bildung.


[1] Der medizinische Begriff der Involution verweist auf organische Rückbildungen und Atrophie, Schwund, Wachstumsstörungen, Verkümmerungen, Mangelerscheinungen. Vor allem bei Demenzerkrankungen ist die Involution sprachlicher Funktionen symptomatisch. Sie beginnt angeblich bereits mit dem 20sten Lebensjahr. Als Therapie empfiehlt man von medizinischer Seite (lt. Wikipedia) Sport, kreative Betätigung und übendes Memorieren, also Philosophie, geht es medizinisch immer darum Involution zu stoppen. Konrad Lorenz verwendet Involution als Gegenbegriff zur Evolution, was auf Degeneration durch fehlende Selektion hinweist, auf eine domestizierungsbedingte „Verhausschweinung“. Das ist gegenüber meiner Verwendung natürlich das Gegenteil, werde ich die Philosophie in den Dienst der Involution stellen. Im Englischen gibt es zu involution noch das Synonym enfolding, was in etwa umfassen oder einwickeln bedeutet. Lateinisch kommt es laut neustem Duden von „Windung“ her, und zwar im Sinne von einwickeln, also wie man z.B. umhüllt. Ich verwende Involution denn auch eher im Sinn von Involvierung, eben wenn jemand involviert, eingewickelt, betroffen sein möchte. Das unterscheidet sich denn auch von der mathematischen Verwendung im Sinn von Abbildung, die ihre eigene Umkehrung ist: wenn man zweimal hintereinander „involviert“ ist man wieder am Ausgangspunkt. Involution wäre auch eine Spiegelung. Das entspräche bei meiner Verwendungsweise eher der Revolution als Zurückdrehung. Daher widerspricht meine Verwendungsweise auch der politikwissenschaftlichen bei Johannes Agnoli, für den Involution die Rückbildung demokratischer Staaten in antidemokratische bedeutet. Ich würde dagegen davon sprechen, dass Revolution in antidemokratische Strukturen führt und somit Involution auflässt.