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Der islamisch motivierte Terror, der europäische Islam, die Kritik an der modernen Welt

Terror im Zeichen des Islam ist in letzter Zeit in Europa mehr geworden. Allemal lächerlich pompös sind Erklärungen des IS trotzdem, beispielsweise man werde Frankreich zerstören. Dem islamistischen Terror ist bisher wenig gelungen: Machtübernahmen wie einstmals die Taliban in Afghanistan sind dort oder im Irak, in Syrien, in Libyen nicht in Sicht, in Ägypten genauso verhindert worden wie in den Neunzigern in Algerien. Der islamistische Terror bleibt trotzdem primär ein innerislamisches Problem, das Europa nur am Rande streift, einige Länder wie Frankreich und Belgien mehr, die meisten kaum bis gar nicht. Frankreich kennt den Terror seit den Zeiten des Algerienkrieges, der damals in Frankreich vornehmlich von der Geheimorganisation OAS der Algerienfranzosen verübt wurde.

Was indes jedenfalls in Europa mangelt, das sind viele kritische Stimmen aus dem europäischen Islam, die den Terror nicht bloß für unislamisch erklären, sondern die sich auf die aufklärerische Toleranz berufen und die vor allem die westliche Lebensform verteidigen, deren Nutznießer sie schließlich sind. Es fehlen also Verhaltensweisen, die sich in die Reziprozität als Prinzip der Gerechtigkeit als Fairness genauso einüben, wie nach einem übergreifenden Konsens jenseits der islamischen Glaubensvorstellungen streben. Diesen gilt es nicht bloß als vorläufigen Kompromiss zu betrachten, den man aufkündigen kann, wenn man in eine mächtigere Position gelangt ist, wie es die AKP in der Türkei gerade vorführt, was vom ägyptischen Militär verhindert wurde und worum man sich in Tunesien gerade bemüht.

Das Kopftuch avanciert erst dann zu einem Zeichen des emanzipativen Pluralismus bzw. religiöser Vielfalt, wenn deren Trägerinnen zugleich den Minirock, die Schwulen-Ehe und promiskuiven Atheismus als gleichberechtigte Lebensformen schätzen, wenn sie sich öffentlich auf die Seite der Opfer der Silvesterereignisse stellen. Der europäische Islam kommt erst dann im liberalen Europa an, wenn er den Austritt aus dem Islam als selbstverständlichen Vorgang betrachtet, weil es sich so gehört, und nicht weil man das in Europa nicht verhindern kann. Erst dann bereitet der europäische Islam einem Frieden zwischen den Kulturen den Weg, beschreitet er ökumenische Pfade, um die sich sowohl katholische wie evangelische Kirchentage regelmäßig bemühen, die längst den Hort eines liberalen und offenen Gesellschaftsverständnisses darstellen.

Das ist deswegen keine Selbstverständlichkeit, weil sich Islamisierung einer doppelten Bewegung verdankt, einerseits als Ausdruck des wachsenden Selbstbewusstseins der islamischen Welt, die sich vom Druck des Kolonialismus und vom informellen westlichen Imperialismus befreien musste. Andererseits gehört die Islamisierung in die Welle der zumindest partiellen Rereligiosisierung, wie sie nach dem Abebben der globalen Säkularisierung, zu der auch der arabische Sozialismus zählt, seit den achtziger Jahren gerade auch das Christentum beflügelt. Johannes Paul II. bediente sich Attitüden aus der Pop-Szene, die asketische Protestanten für satanisch halten. Die Evangelikalen genauso wie die Christian Coalition bekämpfen auf ähnlich aggressive Weise die sozialen Emanzipations- Liberalisierungs- und Individualisierungstendenzen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie es der Schleier demonstriert, selbst wenn seine Trägerinnen gar nicht daran denken mögen.

Der Konflikt, der sich um den Islam herum andeutet, klinkt sich denn auch in einen Konflikt ein innerhalb der nordatlantischen Welt zwischen Traditionalisten rechts und links und diversen Emanzipationsbestrebungen, die seit den sechziger Jahren individuelle Mündigkeit fordern. Die Konfliktlinien sind freilich konfus. Rechte Populisten fordern die drei-Kinder-Ehe und erklären das Ende von 1968 sowie von Rot-Grün. Ihre Vordenker schließen an Arnold Gehlens Züchtungsphantasien an, die dieser noch in der Nazi-Zeit zu entwickeln begann.

Linke Intellektuelle mokieren sich über die weibliche Emanzipation oder über Europa durchaus auf ähnliche Weise wie Rechtspopulisten. Alle verkünden den Untergang der westlichen Welt, selbstredend des Kapitalismus und nehmen dabei auch Gewalt in Kauf: Revolution von Links oder von Rechts. Manche Strömungen des Islam vertreten ähnliche Visionen. Sie sind alle zusammen Feinde einer offenen, säkularen Gesellschaft, in der die Religion keine Staatsangelegenheit mehr ist, sondernd Privatangelegenheit.

Nebenbei bemerkt, beseelt eine ähnliche Feindschaft auch die radikalen Neoliberalen und Libertaristen, die den Staat abschaffen wollen und die Diskriminierung von Armen und Marginalisierten für richtig halten. Für Terror sind diese Vertreter in der Regel zu wohlsituiert, sammeln das nötige Geld, um sich ihre staatsfreien Inseln im Pazifik zu bauen.

Auch der Terror von Links ist in der nordatlantischen Welt weitgehend abgeebbt, der sich – nebenbei bemerkt – in Westeuropa zumeist gegen die Repräsentanten des Regimes richtete, was ihm trotzdem keine Legitimation verleiht, höchstens für die Bevölkerung bequemer ist.

Dagegen hat der rechte Terror gerade in Deutschland massiv zugenommen und stellt den islamistischen Terror massiv in den Schatten. Angriffe auf Ausländer seit Jahrzehnten nicht nur in den neuen Bundesländern, ermordete Asylanten, brennende Asylunterkünfte zuhauf stehen seit neuestem längst nicht mehr zusammen mit der Mordserie des NSU allein vergleichbar wenigen islamistisch motivierten Attentaten zuletzt im Juli 2016 bei Würzburg und in Ansbach gegenüber, bei denen glücklicherweise niemand ums Leben kam.

Weite Teile der deutschen Presse tun denn auch der CSU den Gefallen, den Attentäter vom Münchner Olympia-Einkaufszentrum als Amokläufer zu verharmlosen, damit dieses Attentat nicht die öffentliche Aufmerksamkeit von jenen in Ansbach und Würzburg ablenkt, mit denen man Merkels Satz ‚Wir schaffen das‘ zu disqualifizieren versucht, um eine humane Asylpolitik zu hintertreiben und um sich gegen die rechtspopulistische Konkurrenz zur Wehr zu setzen.

Nur die FAZ hat am 28. Juli auf der Seite 1 davon berichtet, dass das Attentat rechtsradikale Motive hat, am 5. Jahrestag des Massakers in Norwegen stattfand und die 9 Opfer alle einen südöstlichen bis islamischen Migrationshintergrund hatten. Dieser rechte Terrorakt eines einzelnen hat nicht nur ähnliche Ausmaße wie der NSU-Terror, sondern ist das schlimmste Attentat in München seit dem Oktoberfestattentat, dessen rechte Hintermänner Politik und Justiz Jahrzehntelang fleißig zu übersehen versuchen.

Wenn es sich um einen islamistisch motivierten Einzeltäter handelt, spricht man sofort von Terrorakt, welche psychischen Schwierigkeiten man bei ihm hinterher auch feststellen mag. Was unterscheidet einen psychisch labilen rassistisch Motivierten Einzeltäter davon? Wer sich mit anderen zusammen umbringt, dem kann man wahrscheinlich eine psychische Störung attestieren!

Es zeigen sich schon wieder ähnliche Reflexe. Man will auf keinen Fall akzeptieren, dass Deutschland ein ernsthaftes Terrorproblem hat, das viel größere Ausmaße entfaltet als der islamistisch motivierte Terror, nämlich ein Terrorproblem von Rechts, das sich viel schwieriger bekämpfen lässt als der islamistische Terrorismus, nicht zuletzt auch weil dazu besonders in der CSU der politische Wille fehlt.

Indes scheint die höhere deutsche Politik davon zu ahnen. Zu den Trauerfeiern für die Opfer des Terroraktes in München-Moosach kommen Kanzlerin und Bundespräsident in die Münchner Frauenkirche und ins Maximilianeum.